Die Stunde der Arroganz

Geschichte / Nonfiction

Es ist ein ein eit­ler, alter und merk­wür­dig ein­di­men­sio­na­ler Mann, der da mit über Acht­zig schreibt.

Der Tod geht längst in sei­nem Freun­des und Bekann­ten­kreis um, beglei­tet von dem Ver­fall der Kör­per und der Unbarm­her­zig­keit des Alterns, trotz­dem fokus­siert Fritz J. Rad­datz sich in sei­nem Tage­buch auf den Ver­fall der Umgangs­for­men bei den Ver­la­gen, den schlech­ten Wein, den sie zu Lesun­gen rei­chen und die unsin­ni­ge Fra­ge, ob er, Rad­datz, denn im Mit­tel­klas­se­ho­tel auf Tene­rif­fa als alter Mann noch mit sei­ner Klei­dung Beach­tung fän­de.

Auslage in Berlin Mitte

Die Fra­ge, was denn nach dem Tode käme und wenn es soweit wäre, wie man sich dar­auf vor­be­rei­ten kön­ne — ob es über­haupt eine Bilanz gäbe im Leben und was denn blie­be, das bleibt merk­wür­di­ger­wei­se völ­lig aus­ge­spart. Sein Blick auf die Gegen­wart kann scharf und klug sein, wenn er etwa die Immo­bi­li­en­ent­wick­ler in ihren Sak­kos auf den Kana­ren beschreibt, deren Tätig­keit es ist, rück­halt­los die Inseln zu rui­nie­ren. Aber das bleibt nur ein Auf­blit­zen von Lei­den­schaft in einem Meer der Selbst­be­zo­gen­heit. Rad­datz sieht die zukünf­ti­gen Jah­re weni­ger wer­den, er zählt gewis­sen­haft sei­ne Lei­den auf, die in der Sum­me wohl recht unbe­hag­lich sind. Dabei ist er finan­zi­ell üppig gebor­gen, sei­ne Tage könn­ten ohne Arbeit und Sor­ge sein, nach­dem er zuerst stell­ver­tre­ten­der Chef­lek­tor für Volk und Welt in DDR gewe­sen war, dann Chef­lek­tor des Rowohlt Ver­la­ges und Chefs des Feuil­le­tons der Zeit.

Rad­datz ist eitel, eine Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, die er sei­nem Freund Gün­ther Grass eben­falls vor­wirft, denn er sei nur an sei­nem Werk inter­es­siert. Ande­re wür­den noch ihre Lei­den bis zum äußers­ten ver­mark­ten und zuletzt sei Aug­stein, der frü­he­re Her­aus­ge­ber des Spie­gel, in den let­zen 10 Jah­ren sei­nes Lebens ein uner­träg­li­cher Alko­ho­li­ker gewe­sen. Es ist kein gutes Bild, was von der frü­he­ren intel­lek­tu­el­len Eli­te der BRD gezeich­net wird, noch weni­ger ist es ein ange­neh­mes Bild über den Hero­en der kapi­ta­lis­ti­schen Gegen­wart, den Künst­ler, der sich selbst ent­wirft und sich selbst als Maß­stab nimmt — es bleibt ein scha­les Gefühl zurück, jeman­dem bei­zu­woh­nen, der nie­man­den aus­ser sich sel­ber sieht. Oder eine Lee­re anzu­star­ren, die stolz ist, mit mehr als tau­send Män­nern geschla­fen zu haben, aber nicht mehr den Still­stand der Zeit ken­nen will, der in den Armen des ande­ren liegt.

Foto: Geschäfts­aus­la­ge, Ber­lin