Ränder der Neuzeit, Teil 4

Denken / Theologie

Es gibt eine merkwürdiges Zeichnung, die alle Vorstellungen der Linearität der Zeit über Bord wirft. Alles traditionelle Denken, das sich an der bisher bekannten Naturwissenschaft orientiert, erscheint obsolet. Vor dem zweiten Weltkrieg entstand eine grobe Skizze von Japan mit Kreisen an der Küste nördlich von Tokio. Daneben ist ein weiterer Kreis im Landesinneren, in dem eine Art Zeiger steckt. Über Japan beugen sich drei christliche Nonnen, sie haben Kreuze auf ihrem Habit. Unten, im Süden Japans, ist ein trauriger, eingefallener Kopf. Dazu gibt es einen Text, Japon – Ruidos de ruidos ensordeceráan las alturas. La bomba f. Im Süden Japans liegt Nagasaki, eine traditionell teilweise katholische Stadt. Der Abwurf der Atombombe ist nicht alles, was möglicherweise lange vor dem Ereignis skizziert wurde, denn dort, wo die vielen Kreise sind, liegt das zerstörte Kraftwerk von Fukushima. Der einzelne Kreis mit dem stilisierten Pfeil bezeichnet die Stadt Fukushima.

Von den Unzähligen, die angeblich Voraussagen über den Gang der Welt gemacht haben sollen, sticht Benjamín Solari Parravicini hervor. Für diejenigen, die seinen Skizzen prophetische Qualität zumessen, gilt er als der Nostradamus den 20. Jahrhunderts. Seine psicografía genannte Skizze zu Olympia wurde vor der Olympiade 2012 in London als düstere Prophezeiung für die Welt gedeutet, weil die Linien der Skizze scheinbar auf bauliche und topografische Eigenheiten der Olympiade in London hinzuweisen scheinen. Und die psicografía enthält einen bitteren, apokalyptischen Text: Fuego, hambre, pestes, muerte repite la campana justiciera que se acerca al mundo, más aun el mundo no escucha ni ve. Viene la tiniebla del dragón que pareció dormido. Viene el terror del oso que fingió amor y hermandad. Viene el demócrata humilde que no lo fue nunca, y viene con él la pobreza, el sin albergue y con elos todas las explosiones de la disgregación. Viene la oscuridad y luego ¡La luz del Sud! ¡Y la cruz!.

Diejenigen, die sich vor der Olympiade in London im Endzeitfuror gesehen hatten, durften jedoch aufatmen. Die Erregung und die scheinbar im voraus gedeutete Prophezeiung waren erstmal vergessen. Nur war später leicht zu übersehen, dass die Zeichnung auf die Olympiade 2020, die in Tokio unter Corona stattfand, ebenfalls passen könnte: Man mag auf dem Bild einen Äskulapstab erkennen und JP, das Kürzel nach ISO 3166-1 alpha-2 für Japan. Ist der 24. Februar 2022, als Russland in sein Nachbarland einmarschierte, tatsächlich prognostiziert worden? Und, wird es zusätzlich einen Krieg mit China geben? Kann davon ausgegangen werden, dass es tatsächlich Fähigkeiten gibt, Zeit zu überwinden? Hat Parravicini tatsächlich 2020 als Beginn einer Katastrophe gesehen? Spekulationen verlieren sich in ein Gestrüpp, jede Deutung verheddert sich in Unwägbarkeiten, es bleibt eine Unsicherheit, die keine klaren Antworten zulässt.

Benjamín Solari Parravicini wurde 1898 in Buenos Aires geboren und hatte angeblich seit seiner Kindheit paranormale Fähigkeiten. Auch sei er, laut eigenen Angaben, von einem UFO entführt worden. In seinen mehr als 1000 psicografías, unter Trance oder der Écriture automatique entstandenen Skizzen, sehen Gläubige Prophezeiungen zum 2. Weltkrieg, zu Laika, der ersten Hündin im All, zu Satelliten und auch zu schlimmen Dingen, die noch bevorstehen. Dazu mischen sich bei Parravicini christliche Themen mit apokalyptischen Bezug mit Thesen zu UFOs und dem Ursprung der Menschheit: Eine eigenartige Mischung, die auf den ersten Blick dubios erscheinen mag.

Jacques Vallée, der als Astrophysiker, Mathematiker, Kybernetiker und Investor eine äußerst beeindruckende Karriere hinter sich hat, widmet sich seit 1955, als er ein UFO gesehen haben wollte, paranormalen und extraterrestischen Phänomenen. Im Gegensatz zu landläufiger Meinung verortet Jacques Vallée das UFO Phänomen in einer multidimensionalen Sphäre, die paranormale Begegnungen und materiell überprüfbare Ereignisse, wie die Radardaten der US.Navy, zusammenfasst. In seinem Buch THE INVISIBLE COLLEGE ist seine These, dass die Erscheinungen bewusst mit unseren Kategorien spielen, um unsere Wahrnehmung aufzubrechen. Er schreibt: they are constructed both as physical craft (a fact that which has long appeared me to undeniable) and as psychic devices, whose properties remain to be defined. Ein weiters Postulat ist für ihn, dass UFOs schon seit langem gesichtet wurden, denn historische Berichte lassen auf Begegnungen schließen, die damals, wie anders, religiös gedeutet wurden. Oder erschienen früher diese Besucher als Engel und Dämonen? Haben sie ihre Gestalt gewechselt, um sich auf die jeweilige Zeit anzupassen? Auch hier läßt Jacques Vallée eine Antwort offen, er beläßt es bei der Beschreibung von Beispielen, darunter der Wunder von Fatima, als 1917 Tausende in Portugal Erscheinungen am Himmel sahen, die zugleich Jahre vorher Kindern, denen angeblich ein Engel erschienen war, angekündigt wurden. Als die Kardinäle im Beisein von Johannes XXXIII die Prophezeiung von Fatima öffneten, waren ihre Gesichter von tiefen Schrecken gezeichnet: Perhaps it was the confrontation with nature of a phenomenon that transcends our reality and our highest beliefs, vermutet Jacques Vallée.

Nur kommt Jacques Vallée nach einem Exkurs zu Uri Geller und anderen Medien zu einem merkwürdigen Schluß: Auf die Offenbarungen der Besucher sei selten vollständig Verlass. Einiges sei wahr, anderes nicht. Und er zitiert Swedenborg, den Seher des 18. Jahrhunderts: When Spirits begin to speak with a man, he must beware that he believe nothing that they say. For nearly everything they say is fabricated by them and they lie.

Die Phänomene entziehen sich fast immer wie paranormale Ereignisse jeder wissenschaftlichen Erklärung, die immer auf einer Reproduzierbarkeit beruht. Es ist nicht die Tätigkeit einer klandestinen Verschwörung, die UFOs unterdrückt, sondern die Unfähigkeit des menschlichen Bewusstseins, Erscheinungen einzuordnen, die die Grenzen unseres Denkens souverän missachten. Zeit, Wahrheit, Sinn, Materie sowie Gut und Böse fallen diskret unter den Tisch, wenn diese Phänomene unser Denken diskreditieren. Jacques Vallée hat merkwürdigerweise Benjamín Solari Parravicini nicht erwähnt, doch eröffnet er einen Weg, mit den psicografía von Parravicini umzugehen. Der Ansatz, dass Einiges tatsächlich prophezeit sein könnte, anderes nicht, erlaubt es, etwa das psicografía über die Bombe und Fukushima als eines der bizarrsten und beunruhigendsten Zeugnisse des letzten Jahrhunderts stehen zu lassen ohne anderswo den Tanz des Absurden und der Täuschung mit Sicherheit ausschließen zu können .

Wir stehen erst am Anfang.

Ein ähnlicher Gedanke liegt der Erzählung Baarucka oder die Gasse der Blinden zugrunde, auch hier wird von einer Kontinuität zwischen den nächtlichen Flugreisen der Hexen und modernen Entführungsberichten ausgegangen. Bilder: Entnommen aus Paul Otte: Parravicini’s Prophezeiung Stunde 12