Autor: GMZ

Das Beharren der Institutionen

Geschichte / Theologie

Es war Herbst, eigent­lich zu spät für den höl­zer­nen Seg­ler der mit 276 Per­so­nen an Bord ähn­lich über­la­den wie heu­ti­ge Flücht­lings­schif­fe vom Süd­os­ten Kre­tas aus­lief um längs der Küs­te nach Wes­ten nach Pho­i­nix, das gän­gi­ger­wei­se im Wes­ten Kre­tas ver­mu­tet wird, zu segeln. Man stritt sich vor dem Aus­lau­fen, ob die Pas­sa­ge nicht zu gefähr­lich sei, aber der Haupt­mann, der den Gefan­ge­nen nach Rom brin­gen soll­te, woll­te an Bord. Der pro­mi­nen­te Gefan­ge­ne warnt ein­dring­lich vor dem […]

Der Fremde

Erinnerung

Es war vor mehr als zwan­zig Jah­ren im Volks­bad, jenem ocker­gel­ben Jugend­stil­bad in Mün­chen, ein nor­ma­ler Sams­tag­nach­mit­tag, die Schwimm­hal­le war voll, die Umklei­de auch, es waren vie­le Män­ner da. Eini­ge ver­such­ten mit­ein­an­der ver­stoh­len zu flir­ten, ande­re such­ten nur Was­ser und Schwim­men oder waren des­in­ter­es­siert an den Bli­cken. Sah man von der Balus­tra­de der Umklei­de auf das Becken her­un­ter, so sah man das Blau des Beckens, die prunk­vol­len Flie­sen und die Schwim­mer. Eini­ge Besu­cher saßen auch […]

Sinnsuche der Funktionselite

Geschichte / Theologie

Der jun­ge Mann aus Nord­afri­ka war ein aus­ge­bil­de­ter Rhe­to­ri­ker, der als rae­tor für den Kai­ser arbei­te­te, also, wie wir heu­te sagen wür­den, als Pres­se­spre­cher des Prä­si­den­ten fun­gier­te. Klug war er ohne­hin, sexy auch (in sei­ner Auto­bio­gra­fie erwähnt er den Stolz des Vaters, einen so wohl­ge­bau­ten Sohn zu haben, als sein Vater ihn als Teen­ager in der Bade­wan­ne gese­hen hat­te) und eine Hei­rat in eine der füh­ren­den Adels­fa­mi­li­en war anvi­siert. Die lang­jäh­ri­ge Gelieb­te, mit der er […]

Treppen der Träume II

Berlin / Fotografie / Kunst

Unter den Preis­trä­gern für den Mies van der Rohe Preis 2018 befin­det sich auch das Ter­ras­sen­haus Ber­lin, ein schmuck­lo­ser Bau von Brandl­hu­ber+, der sich jeder Ästhe­tik zu ver­wei­gern scheint und wie eine unfer­ti­ge Fabrik in dem trost­lo­sen Rings­um des Wed­ding gelan­det zu sein scheint. Von den Ter­ras­sen vor den Ate­liers aus fällt der Blick auf die Gelei­se der Ring­bahn, als ob dahin­ter eine unge­heu­re Wei­te sei (ähn­lich der Alten Utting in Mün­chen). So fas­zi­nie­rend das […]

Weisse Elefanten der Moderne

Berlin / Fotografie / Geschichte

In den Zwan­zi­ger Jah­ren gab es ers­te Pro­jek­te, die Auto­stras­sen als Teil eines funk­tio­na­len Fort­schrit­tes begrei­fen woll­ten und Büro- und Wohn­häu­ser so kon­zi­pier­ten, dass sie Stras­sen als Quer­rie­gel über­spann­ten. Das Büro des Rek­tors im Bau­haus zu Des­sau soll­te auf eine befah­re­ne Stras­se her­ab­bli­cken, eben­so ein Quer­rie­gel in der Wei­ßen Stadt in Ber­lin, die am Ende der 1920er Jah­re für sozia­le Zwe­cke nach dem Städ­te­bau­ent­wurf von Otto Rudolf Sal­vis­berg erbaut wur­de. Das Auto, das bis dahin […]

Figuren zwischen Himmel und Erde

Geschichte / Kunst

Die Men­schen des Baro­ckes erschei­nen für uns schein­bar bereits Wesen der Moder­ne zu sein, also Men­schen, die wir für ver­ständ­lich und mög­li­cher­wei­se ratio­nal hal­ten, aber, sieht man die Rekon­struk­tio­nen baro­cker Schlös­ser, die in Ber­lin und Pots­dam errich­tet wer­den, so fällt eines auf, was noch fehlt und mög­li­cher­wei­se aus finan­zi­el­len Grün­den nicht wie­der auf­ge­stellt wird oder gar als unnö­tig weg­ge­las­sen wird, obwohl es zu baro­cker Archi­tek­tur dazu­ge­hört: die Atti­ka-Figu­ren.

Stadt der Träume

Fotografie / Kunst

Es gibt in die­ser unter­ge­hen­den Stadt, in deren obe­ren Geschos­sen die Fens­ter nachts zumeist dun­kel sind und in der sich tags­über Tou­ris­ten­mas­sen durch Gas­sen vol­ler Restau­rants und Cafés samt Ramsch­lä­den von Paki­sta­nis mit Krims­krams und Kitsch für Tou­ris­ten quä­len, seit mehr als einem Jahr­hun­dert die Bien­na­le, ver­teilt in einem Park und einer ehe­ma­li­gen Werft für Galee­ren. 

Blau

Kunst / Nonfiction / Theologie

Chro­ma, das Buch der Far­ben, hat Derek Jar­man geschrie­ben, als er am Erblin­den war. Derek Jar­man konn­te den Farb­ton der Druck­fah­nen nicht mehr kon­trol­lie­ren und ver­zich­te­te daher auf Bil­der, was blieb sind schnell hin­ge­wor­fe­ne Sprach­fet­zen, Asso­zia­tio­nen, Erin­ne­run­gen und his­to­ri­sche Zita­te. Jetzt, halb­blind, zwi­schen den Ter­mi­nen im Kran­ken­haus und dem Ver­däm­mern zuhau­se huschen die Far­ben und die Bil­der, die sie tra­gen, durch den Kopf. Derek Jar­man hat­te AIDS, er lag immer wie­der im Kran­ken­haus und sei­ne […]