Fabriktagebuch

Geschichte / Theologie

Das Fabrik­ta­ge­buch (La con­di­ti­on ouvriè­re) von Simo­ne Weil ist eines der eigen­ar­tigs­ten und sper­rigs­ten Wer­ke des 20.Jahrhunderts. Aus einer groß­bür­ger­li­chen, kos­mo­po­li­ti­schen jüdi­schen Fami­lie stam­mend stand Simo­ne Weil zuerst dem Kom­mu­nis­mus nahe, wur­de Leh­re­rin, arbei­te­te für ein Jahr als Expe­ri­ment in ver­schie­de­nen Fabri­ken, enga­gier­te sich danach in dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg, um dann zuletzt, ange­wi­dert von der Bru­ta­li­tät der Anar­chis­ten, sich der Reli­gi­on anzu­nä­hern. Im Zwei­ten Welt­krieg floh sie nach Lon­don und arbei­te­te vor­über­ge­hend für de Gaul­le. Mit nur 34 Jah­ren starb sie an Tuber­ku­lo­se: „Das ist es, was wir Gott geben, das heißt: zer­stö­ren sol­len. Es gibt durch­aus kei­nen ande­ren frei­en Akt, der uns erlaubt wäre, außer der Zer­stö­rung des Ich.“ (1)

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Der Berichterstatter

Fiction

Es war der ers­te Tag, da er mit der End­re­dak­ti­on des Berich­tes begin­nen muss­te. Was soll­te er machen? Es war ja nicht so gewe­sen, dass er die Stadt, in die er hin­ge­zo­gen war, nicht hin­rei­chend ken­nen gelernt hat­te, im Gegen­teil nach 386 Tagen waren wohl sei­ne ers­ten Dos­siers fäl­lig, das ahn­te er. Das war abzu­se­hen gewe­sen. Das Schlim­me war, dass nie­mand bis­lang je ein Dos­sier von ihm ein­ge­for­dert hat­te, sodass er qua­si nichts vor­be­rei­tet hat­te. Der Bericht­erstat­ter wuss­te nur, es war drin­gend, und das war das Unan­ge­neh­me an die­sem Tag gewe­sen, es war ein Zet­tel unter der Tür gele­gen “erwar­ten spe­zi­fi­schen bericht”, abge­faßt mit Schreib­ma­schi­ne. Müh­sam hat­te er, der Bericht­erstat­ter, die Milch­tü­ten abge­stellt und sich den Zet­tel ange­se­hen, zwei­fels­oh­ne, es gab nie­man­den außer sei­nem engs­ten Freund Andre­as und sei­nen Auf­trag­ge­bern, die er nie­mals zu Gesicht bekom­men hat­te, die von die­ser Mis­si­on wis­sen moch­ten. Schwei­gend schloß der Bericht­erstat­ter die Woh­nung auf, leg­te die Milch in den Kühl­schrank und ging zum Fens­ter, das noch gekippt war war. Nie­mand, das sah er, hat­te ange­ru­fen. Das Tele­fon mel­de­te kei­nen Anruf. Kei­nen Ein­zi­gen. Das war nicht wei­ter beun­ru­hi­gend. Drau­ßen im Hof war es still. Ein paar Autos ros­te­ten vor sich hin. Der Hof war mit Beton­plat­ten aus­ge­legt. Zwi­schen den Beton­plat­ten war der Asphalt auf­ge­quol­len. Ab und zu wuch­sen Gras­hal­me zwi­schen den Plat­ten. Gegen­über plärr­te ein Kind. Es hat­te rote Ohren und sah so aus als wäre es gera­de geohr­feigt wor­den oder als erwar­te es eine Ohrfeige.

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Technoide Synthesen

Architektur / Fotografie

Die gran­dio­se Archi­tek­tur des Olym­pia­ge­län­des von 1972 und die impo­nie­ren­de Fas­sa­de der BMW Welt sind Gestalt gewor­de­ne Hoff­nung, man kön­ne das Leben­di­ge mit dem Tech­ni­schem ver­söh­nen und eine Syn­the­se schaf­fen zwi­schen zwei Wel­ten, die so nicht zuein­an­der pas­sen. Viel­leicht ist es auch eine Illu­si­on, da die Per­fek­ti­on des Tech­ni­schen dem Leben­di­gen wenig Raum läßt, aber gleich­zei­tig des­sen emo­tio­na­le For­men über­nimmt. Das Werks­vier­tel, das jetzt im Bau ist, möch­te die Sub­kul­tur, die kurz­fris­tig dort ansäs­sig war, inte­grie­ren und ihr eine neue Hei­mat bie­ten, in der sie mit der geplan­ten neu­en Kon­zert­hal­le einen Bio­top des Leben­di­gen schafft. Ob die­ser Ver­such, das Leben­di­ge nach­zu­ah­men, gelin­gen wird, muss offen blei­ben, viel­leicht wird es auch, wie die BMW Welt, eine Hül­le, die Leben­di­ges nach­ahmt um das Ste­ri­le zu verbergen.

Kirchlicher Antisemitismus

Geschichte / Theologie

Es ist uner­träg­lich und nicht hin­nehm­bar, dass Juden und Jüdin­nen, Syn­ago­gen und jüdi­sche Ein­rich­tun­gen bedroht, ver­un­glimpft und ange­grif­fen wer­den. Anti­se­mi­tis­mus ist ein Ver­bre­chen. Wir wer­den uns über­all ent­ge­gen stel­len, wo Anti­se­mi­tis­mus auf den Stra­ßen in unse­rem Land laut wird.
Uner­träg­lich ist die Aus­gren­zung von Jüdin­nen und Juden aus unse­rer Gesell­schaft (…) Wir zei­gen Gesicht und ver­si­chern den jüdi­schen Gemein­den: Wir ste­hen an ihrer Sei­te. Wer euch angreift, greift auch uns an. Wir ste­hen auf gegen Antisemitismus.”

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Bescheidenheit guter Form

Architektur / Kunst

In der Nähe von Lands­hut liegt das Anwe­sen von Fritz König. Dort, in Gan­sel­berg, war nicht nur sein Wohn­sitz und sein Gestüt, son­dern auch sein Ate­lier. Auch wenn das Ate­lier schein­bar wie ein his­to­ri­sches Gebäu­de aus­sieht, sieht man doch bei genaue­rem Hin­se­hen Beton­fun­da­men­te, skulp­tu­ra­le Plas­ti­zi­tät der Tür­be­schlä­ge und stren­gen Form­wil­len in den eiser­nen Bän­dern, die die Tür­flü­gel halten.

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Armut und Ökologie

Architektur / Berlin

An weni­gen Stel­len wird das Bild einer mög­li­chen Zukunft sicht­bar, die in ihren Bil­dern den spar­sa­men, nur auf Zweck aus­ge­rich­te­ten Bau­ten der Nach­kriegs­ära gleicht. Hier sind es neue Pro­jek­te in Ber­lin, ein Mehr­ge­schoss­bau aus Holz im Wed­ding und in Neu­kölln All­tag, ein Gebäu­de, das Men­schen aus pre­kä­ren Situa­tio­nen Obdach geben soll, sowie ein Eine Welt Zen­trum, das 40 NGOs beher­ber­gen soll. Die Bau­ten sind schlicht, teil­wei­se öko­lo­gisch ori­en­tiert und über­ra­gend häß­lich. Mehr als in allem ande­ren tritt in ihnen das Ant­litz einer mög­li­chen Zukunft ent­ge­gen, die wegen schwin­den­der Res­sour­cen und wach­sen­der Ungleich­heit öko­no­mi­schen Abschwung und immer grö­ße­re Karg­heit für die Meis­ten bringt.

Über die Pro­jek­te in Neu­kölln: All­tag und Eine Welt Zentrum

Pornografie des Barock

Berlin / Kunst

Aus­zug aus einem aktu­el­lem Schreib­pro­jekt. Hier geht es um die fei­nen Regeln der Dar­stel­lung, durch die Kul­tu­ren das Ter­ri­to­ri­um der Prü­de­rie abste­cken. Die frag­li­che Plas­tik aller­dings sprengt alle Gren­zen zuguns­ten der Por­no­gra­fie, wenn man die fei­nen Unter­schie­de in der Dar­stel­lung gewis­ser Orga­ne als Erklä­rung liest, wie die Plas­tik zu deu­ten sei. Der wei­te­re Text, der eine mög­li­che Les­art sehen will, ist, wie die Plas­tik, womög­lich nicht jugendfrei:

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Inseln der ästhetischen Hoffnung

Architektur / Theologie

Wenn man durch die trost­lo­se Münch­ner Schot­ter­ebe­ne nach Poing fährt, muß man eine von Auto­bah­nen, Schnell­stras­sen, Gewer­be­parks und gesichts­lo­sem Sied­lungs­brei völ­lig zer­stör­te Land­schaft durch­que­ren. Die Plün­de­rung der Erde, die dazu dient dem Men­schen Din­ge zu geben, zieht am Auto­fens­ter vor­bei, wenn man Glück hat, sieht man den fer­nen Streif der Alpen, sonst nur eine Ver­wüs­tung, die mit ger­ne mit dem Euphe­mis­men des Land­schafts­ver­brauchs und der Flä­chen­ver­sie­ge­lung umschrie­ben wird.

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Ränder der Neuzeit, Teil 2

Geschichte / Theologie

1969 nimmt Bern­ward Ves­per in Schwa­bing mit einem Rei­se­be­glei­ter, Bur­ton, einen Trip, der fast vier­und­zwan­zig Stun­den dau­ern wird und spä­ter die Grund­la­ge für Ves­pers Auto­bio­gra­phie, Die Rei­se, die­nen wird. Fast vier­und­zwan­zig Stun­den irren Ves­per und Bur­ton durch Mün­chen, durch­que­ren den Hof­gar­ten, gehen in den Eng­li­schen Gar­ten, die Din­ge schei­nen sich zu ver­schie­ben, eine ande­re, schein­bar inten­si­ve­re Wirk­lich­keit könn­te sich auf­tun, die Welt könn­te weit und schön wer­den, aber in Wahr­heit wer­den Ves­per und Bur­ton fest­stel­len, dass sie in der WG nur halb­will­kom­men sind, was auf Trip beson­ders unent­spannt ist, und Bern­ward Ves­per wird danach sei­nen Text radi­kal neu ord­nen wol­len. Joa­chim Leh­mann schrieb 1992 in DER ZEIT, Ves­per habe sich in einer unmög­li­chen Situa­ti­on emp­fun­den, her­um das böse, klein­bür­ger­li­che Deutsch­land vol­ler Vege­ta­bles, wie Ves­per sei­ne Mit­bür­ger nennt (auch Bur­ton, ver­mu­tet Ves­per, wird als ame­ri­ka­ni­scher Jude vom schi­cken Loft in Man­hat­tan träu­men), und der ver­lo­re­ne, weil unsin­ni­ge Kampf der RAF, an dem Ves­per nicht teil­neh­men woll­te — so, laut Leh­mann, ist der Aus­flug in roman­ti­sche Bil­der ein Signum der seit dem Sturm und Drang schau­er­lich schei­tern­den deut­schen Lin­ken. Nimmt Bern­ward Ves­per die Erleb­nis­se als Signum für eine tie­fe­re, poe­ti­sche­re Exis­tenz, die sich auf­tun könn­te, obwohl er die Stu­den­ten­be­we­gung als geschei­tert ansieht? Oder ist der Trip Aus­lö­ser für eine radi­ka­le Nabel­schau, die schlicht­weg als Schlüs­sel­text für eine gan­ze radi­ka­le Genera­ti­on gilt? Wenn ja, dann war es eine Rei­se, die zu einer gna­den­lo­sen Selbst­er­kennt­nis führ­te, ohne dass es irgend­ei­nes trös­ten­den Momen­tes gege­ben hät­te. Es wird ein Hor­ror­trip, in dem Dan­tes Figu­ren der Höl­le von real exis­tie­ren­den Figu­ren der BRD über­nom­men wer­den, die in güte­frei­er und humor­lo­ser Manier durch die Bio­gra­fie wan­deln. War­um wird eine tris­te Bade­wan­ne in einem Text Aus­gang für eine illu­si­ons­lo­se Sicht auf den eige­nen Wer­de­gang als solchen?

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Ränder der Neuzeit, Teil 1

Geschichte / Theologie

1976 hun­ger­te sich einem Sied­lungs­haus in Fran­ken eine jun­ge Frau mit 23 Jah­ren zu Tode, 

nach­dem sie 1973 erst­mals durch Klop­fen im Zim­mer und Stim­men aus der Höl­le beun­ru­higt wur­de, es war das Jahr, in dem der Film The Exor­cist von Wil­liam Fried­kin in die Kinos kam, der eine fik­ti­ve Teu­fels­aus­trei­bung beschreibt. Anne­lie­se Michel war dar­auf wegen ver­mu­te­ter Epi­lep­sie in Behand­lung, seit ihrem Zeit als Teen­ager sah sie außer­dem dämo­ni­sche Gesich­ter, Frat­zen, wie sie sie nann­te, sie war streng katho­lisch auf­ge­wach­sen, Tan­zen war ihr ver­bo­ten, Fotos des Eltern­hau­ses las­sen auf eine enge, kar­ge reli­giö­se Atmo­sphä­re schließen.

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