Blau

Kunst / Nonfiction / Theologie

Chro­ma, das Buch der Far­ben, hat Derek Jar­man geschrie­ben, als er am Erblin­den war.

Derek Jar­man konn­te den Farb­ton der Druck­fah­nen nicht mehr kon­trol­lie­ren und ver­zich­te­te daher auf Bil­der, was blieb sind schnell hin­ge­wor­fe­ne Sprach­fet­zen, Asso­zia­tio­nen, Erin­ne­run­gen und his­to­ri­sche Zita­te. Jetzt, halb­blind, zwi­schen den Ter­mi­nen im Kran­ken­haus und dem Ver­däm­mern zuhau­se huschen die Far­ben und die Bil­der, die sie tra­gen, durch den Kopf. Derek Jar­man hat­te AIDS, er lag immer wie­der im Kran­ken­haus und sei­ne Netz­häu­te der Augen lös­ten sich ab, die Bil­der wei­chen in das Inne­re, es ist, als beschrie­be er einen Strom, der dem Vipas­s­a­na der Bud­dhis­ten gleicht: Man sieht den Fluß der Gedan­ken vor­bei glei­ten, die Bil­der, die jetzt aus dem Inne­ren stei­gen, die Far­ben, wie das Indi­go, des­sen Benut­zung lan­ge in Euro­pa ver­bo­ten war, das Blau, das immer wie­der in der Kunst auf­taucht, bei Yves Klein oder Cézan­ne. Dazu die Atmo­sphä­re des Kran­ken­hau­ses, die Pil­len, die Gesich­ter der Freun­de und ehe­ma­li­gen Gelieb­ten, die hohl­wan­gig wur­den und kno­chig, bevor sie ver­star­ben, all das bil­det ein Pot­pour­ri des Abschie­des aus die­ser Welt, wenn die Far­ben nur noch im Inne­ren sind, weil die Augen all­mäh­lich ver­sa­gen. Was in dem Stro­me bleibt, sind Augen und das Begeh­ren der Künst­ler, das dem eige­nen gleicht, wie das Leoo­nar­dos da Vin­cis. Die Far­ben, Chro­ma ist in Far­ben geglie­dert, bil­den Räu­me der See­le, der Erin­ne­rung, der Sehn­sucht und auch gleich­zei­tig des Nei­des, des Bou­le­vards, wie etwa Gelb, oder das erns­te Braun, der Far­be der Erde und der Besit­zes, der Kek­se und unraf­fi­nier­ten Zuckers. Aber Blau, sagt Derek Jar­man, tran­szen­die­re die fei­er­li­che Geo­gra­phie mensch­li­cher Gren­zen, es sei das Blau der Selig­keit, der Sehn­sucht und der Melan­cho­lie. Blue, hiess sein letz­ter Film ange­sichts des Todes, ein Film, in dem nur noch mono­chro­mes Blau zu sehen war und der wie eine Medi­ta­ti­on ange­sichts des Todes war.
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Die Ekstase des Expressionismus

Fotografie / Kunst / Theologie

 

Inmit­ten des rie­si­gen Cho­res der Sagra­da Fami­lia in Bar­ce­lo­na hängt unter einer Art Lam­pen­schirm ein gekeu­zig­ter Chris­tus, die Bei­ne ange­win­kelt, als Sym­bol des Men­schen, der von der Macht oder Mensch­ma­schi­ne geop­fert wird, klein und win­zig ange­sichts des rie­si­gen Säu­len­wal­des, der wie ein Fie­ber­traum wirkt: Es ist, als habe eine Welt der Tita­nen, die Fritz Langs apo­ka­lyp­ti­schen Film Metro­po­lis ent­sprun­gen sein könn­te, Anto­ni Gau­dí Pate gestan­den:

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Wege für Füße

Fotografie / Geschichte

 

Neben den Insek­ten, Amphi­bi­en und Rep­ti­li­en ster­ben in dem Euro­pa der Hoch­leis­tungs­land­wirt­schaft auch die krum­men Wege, die Jahr­hun­der­te oder Jahr­tau­sen­de Men­schen zu den Fel­dern geführt haben und die jetzt, im Zeit­al­ter der maschi­nell bewirt­schaf­te­ten Lati­fun­di­en, obso­let oder zu geteer­ten Pis­ten wer­den. Mit ihnen stirbt auch die Idee des Mäan­derns, des Umher­schwei­fens in der bäu­er­li­chen Kul­tur­land­schaft, um einer neu­en, see­lisch redu­zier­ten Per­son Platz zu machen. Ver­schwun­den sind nicht nur Schmet­ter­lin­ge und Lur­che, son­dern auch die krum­men Rücken, die schwie­li­gen Hän­de und die Kopf­tü­cher der Land­frau­en, das Milieu von Ent­sa­gung, Arbeit und kon­ser­va­ti­ven Wahl­ver­hal­ten, das Euro­pa der Glüh­würm­chen, wie es Paso­li­ni genannt hat­te.

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Fiction

Lesung vom 24.2.2018 in der Gale­rie Zwit­scher­ma­schi­ne

– Goyas Bild, sag­te Theo­dor, müs­se man nicht als Kunst betrach­ten, son­dern als eine Visi­on des miss­glück­ten Lebens. Man müs­se sich vor­stel­len, in die eige­nen, zap­peln­den, vor Schmerz schrei­en­den Kin­der zu beis­sen und ihnen suk­zes­si­ve alles Fleisch aus dem Hals her­aus­zu­reis­sen bis sie zu atmen auf­hö­ren und dann mit blu­ti­gem Mund ihren Schä­del auf­zu­bre­chen und den Kopf zu ver­schlin­gen. Ja, es gel­te wirk­lich in das wei­che, wehr­lo­se und saf­ti­ge Fleisch eines Säug­lings die Zäh­ne zu ver­sen­ken, ja, täte man es, man wäre das Mons­ter, das Goya gemalt habe, ein alter, häss­li­cher, kno­chi­ger Greis mit vor Schreck auf­ge­ris­se­nen Augen, der sei­nen Sohn ver­speist. Mehr noch, ein absto­ßen­der Dämon ist auf dem Bild, aus­ge­zehrt und böse, des­sen kno­chi­ge Pran­ken den Rest sei­nes win­zi­gen, toten Kin­des hal­ten, indes­sen ihm das Blut aus dem Mun­de tropft. Sieh es, sag­te Theo­dor, sieh es immer und immer wie­der an und dann stel­le Dir vor, Du bist es, der auf immer dazu ver­dammt ist, sei­ne Kin­der, sei­ne Hoff­nung zu essen, weil Saturn die Herr­schaft über­nom­men hat und alles unter das erbit­ter­te Regi­ment blei­er­ner Zeit stellt. Medi­tie­re die­ses Bild nicht als Kunst­werk, son­dern als Sym­bol Dei­ner Situa­ti­on, alles was du dir erhoffst wird von dem Mons­ter, das nachts auf dei­nem Bet­ten­de sitzt, ver­schlun­gen. Sag Dir ein­fach, es gibt kei­ne Hoff­nung, es wird kei­ne Ände­rung mehr geben, nicht mehr und nie­mals, geschwei­ge denn zum Guten, reiß alle Gedan­ken dar­an aus dei­nem Her­zen und zer­stö­re sie, wie Saturn, der sei­nen Sohn ver­schlingt. End­sta­ti­on, Du bist gefan­gen, ver­stehst Du, Du musst Dei­ne Hoff­nung ver­zeh­ren wie Saturn sei­nen Sohn. Saturn, das ist kei­ne Han­dels­ket­te, son­dern ein Zustand, der unter der der Ägi­de eines furcht­ba­ren Got­tes steht…

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Kalte Glätte

Fotografie / Geschichte / Kunst

 

Nir­gend­wo tritt die merk­wür­di­ge Käl­te des Moder­nen so zuta­ge, wie in dem deut­schen Welt­aus­stel­lungs­pa­vil­lon 1929 in Bar­ce­lo­na. Es ist, als habe man einen unbe­rühr­ba­ren Kris­tall erschaf­fen wol­len, des­sen rei­ne Ober­flä­che die Gegen­wart des Todes und der rei­nen Anschau­ung ver­eint. Dass die­se archi­tek­to­ni­sche Reduk­ti­on den Blick eines Man­nes voll­zieht, zeigt die im Hof ein­ge­schlos­se­ne Sta­tue einer nack­ten Frau. Den Fetisch des unbe­rühr­bar Männ­li­chen und Voll­ende­ten hat sich ein spä­te­res deut­sches Regime zuei­gen gemacht ohne die­sen Stil zu ver­wen­den, der im Angel­säch­si­schen inter­na­tio­nal style genannt wird.

Herr Demand, der Sympathisant

Fiction / Geschichte

Wird man zur Ein­schüch­te­rung offen über­wacht, wie es Herr Demand sagt, der in sei­ner Jugend als Sym­pa­thi­sant galt?

Ich bin höf­lich zu ihm und las­se ihn reden. Jede sei­ner Lieb­schaf­ten sei wochen­lang vom west­deut­schen Geheim­dienst beschat­tet wor­den, das habe ihn fast zu mili­tan­ter Akti­on brin­gen kön­nen, aber für den Unter­grund habe er sich nie wirk­lich ent­schlie­ßen kön­nen, man war Bohe­me und wie vie­le der radi­ka­len Lin­ken der Sieb­zi­ger aus der Mit­te der Mit­te der Gesell­schaft gekom­men. Man wäre doch eine gewis­se Lebens­per­spek­ti­ve gewöhnt gewe­sen, Bader war ein gut aus­se­hen­der Macho mit Leder­ja­cke und Mer­ce­des, Call­boy sagen eini­ge, Frau Mein­hof eine sehr klu­ge und attrak­ti­ve Jour­na­lis­tin und Hol­ger Meins begab­ter und, last not least, schö­ner Mann, ein Fil­me­ma­cher, des­sen frü­he­re Freun­de stei­le Kar­rie­re gemacht haben.
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Preisträger der Moderne: Stettin

Fotografie / Kunst

 

 

Inmit­ten von Stet­tin, des­sen Zen­trum im 2.Weltkrieg weit­ge­hend zer­stört wur­de und das bis auf wie­der­auf­ge­bau­te Kir­chen und den wie­der­errich­te­ten Renais­sance­pa­last seit­dem mit trost­lo­ser Sied­lungs­ar­chi­tek­tur, Schnell­stra­ßen, Plat­ten­bau­ten und über­aus geschmacks­ab­sti­nen­ten post­kom­mu­nis­ti­schen Kon­sum­tem­peln ohne opti­sche For­tu­ne gestal­tet wur­de, ste­hen neben­ein­an­der zwei neue Bau­ten, die als die her­aus­ra­gens­te Archi­tek­tur der Welt klas­si­fi­ziert wur­den: Ers­tens, das Cen­trum Dia­lo­gu Przeło­my, von Robert Konie­cz­ny, als World Buil­ding of the Year 2016 prä­miert, ein Muse­um über die kom­mu­nis­ti­sche Herr­schaft seit dem 2.Weltkrieg, den Wider­stand, die Streiks und den Auf­ruhr in Stet­tin zwi­schen 1970 und 1989. Das Muse­um ist halb im Unter­grund, nach oben hin wirft es Wel­len, die wie die Dünung des Atlan­tiks wir­ken. Und, zwei­tens, die halb­trans­pa­ren­te Phil­har­mo­nie Stet­tin, vom Stu­dio Baroz­zi Vei­ga, sie erhielt den Mies van der Rohe Preis 2015.

Die Gedenk­ver­an­stal­tung für Soli­dar­ność war am 17.12.2017 auf dem Dach des Cen­trum Dia­lo­gu Przeło­my

 

Vaterängste

Fiction

EINE KURZGESCHICHTE

Es war ein Alb­traum, die Erin­ne­rung kennt nur eines die­ser gesicht­lo­sen Hotel­zim­mer, die für rei­sen­de Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter oder Pro­gram­mie­rer kon­zi­piert sind. Das war der Ort des Trau­mes, die Ein­rich­tung war bil­lig und prak­tisch, aber doch so als wür­de sie aus einem dritt­klas­si­gen Ein­rich­tungs­heft stam­men, das in Dro­ge­ri­en ver­kauft wird.
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