Die Internationale der Hässlichkeit

Fotografie

 

Feri­en­zen­tren für den Mas­sen­tou­ris­mus. Die feh­len­de anspre­chen­de visu­el­le Kom­po­nen­te dürf­te durch gewinn­ori­en­tier­te Mas­sen­hal­tung ver­ur­sacht sein.

Samenspender

Fiction

Da steht Lui­se jetzt in dem Zim­mer und weiß nicht, wie sie sagen soll, was sie getan hat. Ihr Freund sitzt am Schreib­tisch und geht noch wie immer die Emails durch, die er in nicht im Büro hat­te bewäl­ti­gen kön­nen. Sie könn­te ihm noch einen Tee machen und sich neben ihn set­zen, aber er wird wohl nur sagen, er habe noch zu tun. Es ist spät, aber bei­de haben nicht zusam­men geges­sen, weil er noch in einer Sit­zung sein muss­te, da der neu­es­te Pitch vor­be­rei­tet wer­den muss­te. Es sei jetzt viel zu tun, sagt er, die Herbst­kam­pa­gnen müss­ten vor­be­rei­tet wer­den und jetzt sei die­ser Pitch dazu­ge­kom­men, der die Agen­tur auf ein neu­es Level heben wür­de. Ihr Freund wird jetzt noch bis spät in die Nacht da sit­zen, gebeugt über sein Mac­book, es gehe, wie er kurz gesagt hat­te, um irgend­ein digi­ta­les Pro­jekt, aber Lui­se hat­te nicht zuge­hört, wie denn auch, nach dem, was heu­te gesche­hen war. War­um merkt er nichts, sagt sie sich, Mar­kus müss­te es doch spü­ren, natür­lich spürt man es bei einer Frau, vor allem bei einer Frau, mit der man Bett und Woh­nung teilt.

Wei­ter­le­sen

Fotographische Hyperrealität

Denken / Fotografie / Geschichte

Jeder, der ein neue­res Smart­pho­ne in den Hän­den hält und damit mehr als nur sei­nen Hund, sein Essen oder sei­nen Gelieb­ten foto­gra­fiert, wird die Fotos als irre­al emp­fin­den.

Eine gerin­ge­re Tie­fen­schär­fe, wie sie von groß­for­ma­ti­gen Kame­ras je nach der gewähl­ten Blen­de gewohnt war, ist ver­schwun­den (es sei denn sie wird arti­fi­zi­ell bei Por­traits durch Soft­ware erzeugt), Vor­der­grund und Hin­ter­grund sind, bedingt durch die Lin­sen­grö­ße, gleich scharf. Es ist, als habe jemand jedes Detail so scharf stel­len wol­len, dass die Land­schaf­ten unwirk­lich erschei­nen, hyper­nor­mal und fremd, als wäre es Cana­l­et­tos Dres­den oder War­schau.

Wei­ter­le­sen

Das Beharren der Institutionen

Geschichte / Theologie

Es war Herbst, eigent­lich zu spät für den höl­zer­nen Seg­ler

der mit 276 Per­so­nen an Bord ähn­lich über­la­den wie heu­ti­ge Flücht­lings­schif­fe vom Süd­os­ten Kre­tas aus­lief um längs der Küs­te nach Wes­ten nach Pho­i­nix, das gän­gi­ger­wei­se im Wes­ten Kre­tas ver­mu­tet wird, zu segeln. Man stritt sich vor dem Aus­lau­fen, ob die Pas­sa­ge nicht zu gefähr­lich sei, aber der Haupt­mann, der den Gefan­ge­nen nach Rom brin­gen soll­te, woll­te an Bord. Der pro­mi­nen­te Gefan­ge­ne warn­te ein­dring­lich vor dem Aus­lau­fen, ein Motiv, das an Star­buck von Mel­vil­le erin­nert. Man lief aus, der Leser ahnt es, es wird nicht gut­ge­hen. Als der Seg­ler in See war stei­ger­te sich der Wind zu einem veri­ta­blem Sturm aus Nord­ost, die Segel muss­ten ein­ge­holt wer­den, mit Mühe konn­te das Bei­boot an Bord geholt wer­den, die Besat­zung band Taue um das Schiff, um es am Zer­bers­ten zu ver­hin­dern, warf einen Teil der Schiffs­aus­rüs­tung über Bord und lasch­te die Ruder fest.
Wei­ter­le­sen

Struktur des Alltäglichen

Fotografie / Kunst / München

El Ana­tsui. Tri­um­phant Sca­le, Haus der Kunst. Objek­te des All­täg­li­chen ver­dich­ten sich bei El Ana­tsui zu mas­si­ven For­men, die in ihrer Flui­di­tät der Natur glei­chen.

Der Fremde

Erinnerung

Es war vor mehr als zwan­zig Jah­ren im Volks­bad, jenem ocker­gel­ben Jugend­stil­bad in Mün­chen, ein nor­ma­ler Sams­tag­nach­mit­tag, die Schwimm­hal­le war voll, die Umklei­de auch, es waren vie­le Män­ner da. Eini­ge ver­such­ten mit­ein­an­der ver­stoh­len zu flir­ten, ande­re such­ten nur Was­ser und Schwim­men oder waren des­in­ter­es­siert an den Bli­cken. Sah man von der Balus­tra­de der Umklei­de auf das Becken her­un­ter, so sah man das Blau des Beckens, die prunk­vol­len Flie­sen und die Schwim­mer. Eini­ge Besu­cher saßen auch am Becken­rand, wahr­schein­lich genos­sen sie die Atmo­sphä­re, die Schwim­mer und den schö­nen Raum mit dem hohem Gewöl­be.

Wei­ter­le­sen

Street Art in Marseille

Fotografie

Sinnsuche der Funktionselite

Geschichte / Theologie

Der jun­ge Mann aus Nord­afri­ka war ein aus­ge­bil­de­ter Rhe­to­ri­ker, der als rae­tor für den Kai­ser arbei­te­te,

also, wie wir heu­te sagen wür­den, als Pres­se­spre­cher des Prä­si­den­ten fun­gier­te. Klug war er ohne­hin, sexy auch (in sei­ner Auto­bio­gra­fie erwähnt er den Stolz des Vaters, einen so wohl­ge­bau­ten Sohn zu haben, als sein Vater ihn als Teen­ager in der Bade­wan­ne gese­hen hat­te) und eine Hei­rat in eine der füh­ren­den Adels­fa­mi­li­en war anvi­siert. Die lang­jäh­ri­ge Gelieb­te, mit der er einen Sohn hat­te, soll­te ver­sto­ßen wer­den, das Pro­jekt, das ihn, den Ber­ber­sohn aus Nord­afri­ka, in die füh­ren­den Krei­se des Impe­ri­ums brin­gen soll­te, erfor­der­te wohl gewis­se Ziel­kor­rek­tu­ren im Bereich des pri­va­ten Lebens. Wir müs­sen uns einen bril­lan­ten, bild­schö­nen und äußerst ehr­gei­zi­gen Yup­pie vor­stel­len, klar wie Eis, der sich wie ein Fisch im Was­ser inner­halb der Funk­ti­ons­eli­te am Hofe und in Mai­land bewegt. Trotz­dem litt der jun­ge Mann an Zwei­feln, nicht an sich, da gab es nichts zu Zwei­feln, son­dern an dem Glück, das er such­te. Als er einen betrun­ke­nen Bett­ler sah (Conf. VI 6), stürz­te ihn das in eine Kri­se, nicht weil er von Mit­leid über­rannt wur­de (Mit­leid tut Funk­ti­ons­eli­ten als Funk­ti­ons­eli­ten nicht gut), son­dern weil er sei­ne Zie­le über­prü­fen muss­te. Was, frag­te Augus­ti­nus sich, sind sein Glück, sein Stre­ben wert, wenn die­ser Bett­ler das­sel­be mit Hil­fe einer Fla­sche Wein erreicht? War­um müht er, Augus­ti­nus, sich, so vola­ti­le Din­ge, wie Ruhm und Geld, zu erwer­ben? Sind die nicht längst ver­gäng­lich? Da ist er drei­ßig Jah­re alt, umge­ben von Freun­den, die ihn bewun­dern, und längst fest im Leben. Er hat ja alles, glän­zen­de Kar­rie­re, die mate­ri­el­len und fami­liä­ren Güter, die noch aus­ste­hen mögen, sind in Reich­wei­te – dann wech­selt der Kurs sei­nes Lebens um 180°.

Wei­ter­le­sen

Treppen der Träume II

Berlin / Fotografie / Kunst

Unter den Preis­trä­gern für den Mies van der Rohe Preis 2018 befin­det sich auch das Ter­ras­sen­haus Ber­lin, ein schmuck­lo­ser Bau von Brandl­hu­ber+, der sich jeder Ästhe­tik zu ver­wei­gern scheint und wie eine unfer­ti­ge Fabrik in dem trost­lo­sen Rings­um des Wed­ding gelan­det zu sein scheint. Von den Ter­ras­sen vor den Ate­liers aus fällt der Blick auf die Gelei­se der Ring­bahn, als ob dahin­ter eine unge­heu­re Wei­te sei (ähn­lich der Alten Utting in Mün­chen).

So fas­zi­nie­rend das Gebäu­de auch sein mag, ist es auch ein Vor­bo­te der Gen­tri­fi­zie­rung.