Empathie an das Verlieren

Erinnerung / Kunst

Es war eine der Ausstellungen, die auf den ersten Blick verloren wirkte. Die Werke hingen in einem temporär unbenutzten ehemaligen Verkaufsraum in Zehdenick, einer langsam sich entvölkernden Kleinstadt 60 Kilometer nördlich von Berlin. Der Verkaufsraum hatte sichtbar bessere Tage hinter sich, einige der häßlichen Platten, mit denen die Decke verschalt war, fehlten und gaben den Blick auf das Innenleben der Decke frei. An der blassgelb und pink gestrichenen Wand hingen Gemälde. Man sah immer wieder Ansichten eines Tisches mit überquellendem Aschenbecher, einer brennenden Kerze auf einem Stalagmit aus Wachs, Bierflaschen und Büchsen. An der Wand des gemalten Raumes hingen Bilder, sorgfältig arrangiert, auf Regalen lagen CDs, einmal standen am Boden abgetragene Turnschuhe und immer wieder erschien ein alter, vorsintflutlicher Fernseher.

Weiterlesen

Überwältigung durch Polyphonie

Architektur / Theologie

Als die Söldner und Fürsten aus dem hohen Norden, die sich in Süditalien festgesetzt hatten, reinen Tisch machten und auf Geheiß des Papstes im 11. Jahrhundert Sizilien eroberten, fanden sie eine eine Mischkultur aus orthodoxen Griechen, katholischen Langobarden, einheimischen Sizilianern, Juden und muslimischen Arabern vor.

Weiterlesen

Erzählungsfragment

Fiction

Auf der Terrasse waren lästige Mücken. Der malerische See, auf den man sehen konnte und der in dem Wald lag, war von einem Sumpf umgeben. Die Terrasse ging übergangslos in die Halle über, die Scheibe war abgesenkt worden. Es war dunkel, nur die Kerzen auf den Tischen und die Fackeln gaben Licht. Man hörte Grillen und die Geräusche des nahen Waldes, das Grammophon war abgestellt worden. Das Haus war ein riesiger Bungalow, wie die Amerikaner diese Häuser beschreiben würden, mit Fensterläden und einer Terrasse, die übergangslos in die Wohnhalle überging. Bei der Hinfahrt hatten die Wachen der SS und die pompöse Eingangstür verraten, dass hier der Gauleiter von Berlin ab und zu residierte. Das Haus war neu, frisch erbaut, die Pflanzungen noch nicht zugewachsen und es roch noch ein wenig streng, wie alle Neubauten es tun pflegen. Wie konnte man nur in frischgebauten Häusern leben? Ein Diener brachte gekühlten Weisswein und Mineralwasser auf die Terrasse und mischte alles zu einer Schorle.

Weiterlesen

Die Volte Rückwärts

Geschichte / Theologie

An wenigen Orten wird der Wandel der Zeit als Backlash so offenkundig wie in Wittenberg. Anfang des sechzehnten Jahrhunderts hatte das selbst für damalige Verhältnisse winzige Wittenberg eine frisch gegründete, liberale Universität. 1518 berief der Fürst Friedrich III., der Weise, Melanchthon, einen jungen, brillanten Humanisten, als Dozent. Luther, der Mönch und ebenfalls Professor war, hatte sich ein Jahr zuvor an seinen Bischof mit 95 Thesen über die Kraft der Ablässe gewandt — man versprach ja in der römischen Kirche dass mit Geldspenden Dauer und Qualen der verstorbenen Angehörigen im Fegefeuer gemildert werden könnten. Luther fand keine Antwort. Luther gab den Text an Bekannte weiter, die ihn dann im Oktober 1517 veröffentlichten. Dass Luther sie an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt habe dürfte eine Legende sein. Ebenso dass damit ein Bruch mit Rom insinuiert war, es ging dem jungen, hageren Mönch um Reform, nicht um Aufstand. Lagen etwa Hoffnung und Aufbruch in der Luft?

Weiterlesen

Der Alte

Fiction

Das Bild wollte nicht aus dem Kopf. War es der alte, arm wirkende Mann mit der struppigen, dünnen schwarzen Hündin, der sich neben mich an den Tisch gesetzt hatte? Ja, ich hätte mir das Gespräch verbitten können, aber irgendwie war es nicht dazu gekommen, vielleicht weil ich im Herzen nachgiebig bin und manchmal wie ein Opfer wirke. Hätte ich mich ich überhaupt dem aussetzen dürfen, schalt ich mich?

Es war ein alter Mann, dessen schlecht rasierte Bartstoppeln Gleichgültigkeit, einen blinden Badezimmerspiegel oder abgeschabte Rasierklingen verrieten, vielleicht spielte auch alles zusammen. Die Hände des Alten waren ungepflegt, die Fingernägel hatten leicht schwarze Ränder. Vielleicht war die Hündin die einzige, die diesen altem Mann noch freiwillig Wärme gab, auch wenn sie, nachdem sie an dem Alten hochgesprungen war, immer wieder mit ihrer Schnauze an den Rucksack stiess, in dem offenbar die Hundekekse untergebracht waren.

Weiterlesen

Die Extase des Expressionismus

Architektur / Fotografie

 

Weiterlesen

Ränder der Neuzeit, Teil 3

Denken / Geschichte

Ende 1938 fanden Fritz Straßmann und Otto Hahn heraus, dass ihnen die Kernspaltung geglückt war. Einen Monat vorher sollte Orson Welles mit einer Radiosendung, die die Landung feindlicher Außerirdischer, also die späteren UFOs, zum Thema hatte, weltberühmt werden. Der Roman The War of The Worlds war 1896 begonnen worden, in jenem Jahr, als Antoine Henri Becquerel die Radioaktivität entdeckt hatte. Die Linien, die damals noch weit auseinander zu sein schienen, verbanden sich aber später. Als die ersten Atombomben in Testreihen gezündet wurden, erschienen, wie die Journalistin Leslie Kean und der Filmemacher James Fox vermuten, tatsächlich vermehrt unbekannte Flugobjekte.

Weiterlesen

Die Apokalypse des Pornostars

Erinnerung / Theologie

Als ich ihn das erste Mal 1994 sah, ahnte ich nichts von der Vision der Apokalypse, die er in seinem Kopf trug, denn er war breitschultrig und beunruhigend muskulös. Er hatte eine Glatze und sein junges, gewinnendes Lächeln zeigte sauber geordnete Zähne, die vor Gesundheit nur so zu strotzen schienen. Die Hüften waren schmal. Auf den äußerst üppigen nackten Armen spiegelte sich das Selbstvertrauen eines begehrten Mannes.

Weiterlesen

Das Kloster der Moderne

Fotografie / Kunst

In Mailands gesichtslosen Randbezirken hat die Fondazione Prada in einem aufgelassenem Industriebau ihre Ausstellungsräume. Der Gebäudekomplex wurde von Rem Koolhaas überarbeitet, der Turm (torre) ist ein Neubau. Anders als in den Kreuzgängen der Klöster, in deren Abgeschiedenheit angesichts der überaus gewalttätigen Welt des Mittelalters Erfahrung des Friedens gesucht wurde, wird hier eine vielschichtige Kontemplation der Moderne offeriert, da die Kunstwerke mit dem Außen durch die offene Architektur in Beziehung stehen.

(Foto 8: Copyright Stefan Hofmann)

Fabriktagebuch

Geschichte / Theologie

Das Fabriktagebuch (La condition ouvrière) von Simone Weil ist eines der eigenartigsten und sperrigsten Werke des 20.Jahrhunderts. Aus einer großbürgerlichen, kosmopolitischen jüdischen Familie stammend stand Simone Weil zuerst dem Kommunismus nahe, wurde Lehrerin, arbeitete für ein Jahr als Experiment in verschiedenen Fabriken, engagierte sich danach in dem spanischen Bürgerkrieg, um dann zuletzt, angewidert von der Brutalität der Anarchisten, sich der Religion anzunähern. Im Zweiten Weltkrieg floh sie nach London und arbeitete vorübergehend für de Gaulle. Mit nur 34 Jahren starb sie an Tuberkulose: „Das ist es, was wir Gott geben, das heißt: zerstören sollen. Es gibt durchaus keinen anderen freien Akt, der uns erlaubt wäre, außer der Zerstörung des Ich.“ (1)

Weiterlesen