Die vertane Chance eines Jahrhunderts II

Architektur / Berlin / Fotografie

Neue Archi­tek­tur Ber­lin, Bahn­hofs­vier­tel und Fried­richs­hain längs der Spree. Die Stra­ßen­füh­rung und die Mas­ter­plä­ne für die Bebau­ung dürf­ten teil­wei­se noch der unse­li­gen Ära Diep­gen enstam­men. Die Daim­ler Benz Are­na wur­de von Anschütz gebaut und zuerst von O2 betrie­ben. Die jüngst ent­stan­de­nen Plät­ze dürf­ten zu den häss­lichs­ten Archi­tek­tur­leis­tun­gen Euro­pas gehö­ren, mehr als alles ande­re sind sie das Janus­ge­sicht einer Ära, deren düs­te­re Sei­te man nicht schau­en möch­te.

Das Geheimnis der Mönche

Theologie

Wir blick­ten auf die Saô­ne, die breit und trä­ge an der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt vor­bei floß. Auf dem Strom lagen Yach­ten an Ste­gen ver­täut, offen­bar mie­den die Skip­per die gefähr­li­che herbst­li­che Fahrt durch die Bis­ka­ya um ins Mit­tel­meer zu kom­men. Der Bru­der, mit dem ich den Aus­flug mach­te, schau­te auf die Schif­fe, wir tran­ken Kaf­fee und aßen Kuchen, den wir mit­ge­nom­men hat­ten. Auf ein­mal frag­te er mich, wel­che der Yach­ten wohl see­gän­gig sei, er wuss­te, ich hat­te frü­her Wochen auf hoher See ver­bracht. Ich ant­wor­te­te, das hin­ge von Bal­last und Unter­was­seschiff ab, aber die Ant­wort lief ins Lee­re. Ich spür­te die lei­se fei­ne Sehn­sucht des Bru­ders, obwohl er in Spa­ni­en und Süd­ame­ri­ka gelebt hat­te, aber ich rede­te nicht wei­ter. Es war alles gesagt, vor uns glit­zer­te die Saô­ne im Herbst­licht, ich spür­te die unaus­ge­spro­che­ne Sehn­sucht und Ver­letz­lich­keit mei­nes Beglei­ters, des­sen brei­te Schul­tern so wirk­ten, als gäbe es kein Hin­der­nis für sie.

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Die Schönheit der Medizin

Architektur / Berlin / Fotografie

2 Bau­ten der Cha­ri­té, deren Abriss geplant ist und die in ihrer völ­lig unter­schied­li­chen Gestal­tung Zeug­nis­se her­vor­ra­gen­den und muti­gen skulp­tu­ra­len Umgangs mit Beton sind:

Zen­tra­le Tier­ver­suchs­la­bo­ra­to­ri­en (1971–80, heu­te: For­schungs­ein­rich­tung für Expe­ri­men­tel­le Medi­zin, FEM), Archi­tek­ten Gerd und Mag­da­le­na Häns­ka. Ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel des Bru­ta­lis­mus in Deutsch­land.

Das ab 1966 geplan­te und bis 1974 gebau­te Insti­tut für Hygie­ne und Mikro­bio­lo­gie (heu­te: Insti­tut für Hygie­ne und Umwelt­me­di­zin). Archi­tek­ten Fehling+Gogel.
Bis heu­te ist es prak­tisch im Ori­gi­nal­zu­stand – eine Zeit­kap­sel sei­ner Bau­zeit.

Schichten der Wahrheit

Geschichte

Was ist, wenn die Welt zuneh­mend einer tota­len Kon­trol­le unter­lä­ge und alles, was wir erle­ben, längst die Agen­da einer neu­en, tota­len Welt­ord­nung sei?

Lutz Damm­beck folgt in sei­nem Film­essay Das Netz von 2004 der The­se eines offen­bar ver­wirr­ten rechts­ra­di­ka­len Atten­tä­ters, die Wirk­lich­keit, die wir ken­nen, sei in Wahr­heit das per­fi­de Kon­strukt einer Macht­ma­schi­ne, die sich im Umkreis diver­ser schein­bar libe­ra­ler Insti­tu­tio­nen und Geheim­diens­te der USA eta­bliert habe.

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Das verlorene Buch des Aristoteles

Geschichte / Theologie

Was wäre, wenn einer der erha­bens­ten, wich­tigs­ten phi­lo­so­phi­schen Tex­te über das Lachen geschrie­ben wäre?

Es gäbe, so die Erzäh­lung, einen Text, der so geheim und sub­ver­siv sei, dass er nie­mals an die Öffent­lich­keit drin­gen dür­fe, wes­we­gen er ein­ge­schlos­sen und ver­wahrt blei­ben müs­se, denn alles, wirk­lich alles, gerä­te ins Wan­ken, wür­de die­ser Text öffent­lich. Der Mönch, der dies äußert, ist in dem Roman einer jener hage­ren, kno­chi­gen Gestal­ten, die mit allen Mit­teln das Über­lie­fer­te sichern wol­len, ein blin­der aske­ti­scher Mann mit rigo­ro­sem Pro­ce­de­re, ähn­lich den angeb­li­chen Bewah­rern des Glau­bens, die auch immer lie­ber die Welt in Flam­men set­zen als ein Fuß­breit ihrer ver­meint­li­chen Wahr­heit preis­zu­ge­ben. Ja, der blin­de Biblio­the­kar wird die Biblio­thek, die ein Sym­bol der Welt ist, ein­äschern, damit der Text des Aris­to­te­les über die Komö­die, also das Lachen, nie­mals an die Öffent­lich­keit gelan­ge.

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Die Internationale der Hässlichkeit

Architektur / Fotografie

 

Feri­en­zen­tren für den Mas­sen­tou­ris­mus. Die feh­len­de anspre­chen­de visu­el­le Kom­po­nen­te dürf­te durch gewinn­ori­en­tier­te Mas­sen­hal­tung ver­ur­sacht sein.

Samenspender

Fiction

Da steht Lui­se jetzt in dem Zim­mer und weiß nicht, wie sie sagen soll, was sie getan hat. Ihr Freund sitzt am Schreib­tisch und geht noch wie immer die Emails durch, die er in nicht im Büro hat­te bewäl­ti­gen kön­nen. Sie könn­te ihm noch einen Tee machen und sich neben ihn set­zen, aber er wird wohl nur sagen, er habe noch zu tun. Es ist spät, aber bei­de haben nicht zusam­men geges­sen, weil er noch in einer Sit­zung sein muss­te, da der neu­es­te Pitch vor­be­rei­tet wer­den muss­te. Es sei jetzt viel zu tun, sagt er, die Herbst­kam­pa­gnen müss­ten vor­be­rei­tet wer­den und jetzt sei die­ser Pitch dazu­ge­kom­men, der die Agen­tur auf ein neu­es Level heben wür­de. Ihr Freund wird jetzt noch bis spät in die Nacht da sit­zen, gebeugt über sein Mac­book, es gehe, wie er kurz gesagt hat­te, um irgend­ein digi­ta­les Pro­jekt, aber Lui­se hat­te nicht zuge­hört, wie denn auch, nach dem, was heu­te gesche­hen war. War­um merkt er nichts, sagt sie sich, Mar­kus müss­te es doch spü­ren, natür­lich spürt man es bei einer Frau, vor allem bei einer Frau, mit der man Bett und Woh­nung teilt.

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Fotographische Hyperrealität

Denken / Fotografie / Geschichte

Jeder, der ein neue­res Smart­pho­ne in den Hän­den hält und damit mehr als nur sei­nen Hund, sein Essen oder sei­nen Gelieb­ten foto­gra­fiert, wird die Fotos als irre­al emp­fin­den.

Eine gerin­ge­re Tie­fen­schär­fe, wie sie von groß­for­ma­ti­gen Kame­ras je nach der gewähl­ten Blen­de gewohnt war, ist ver­schwun­den (es sei denn sie wird arti­fi­zi­ell bei Por­traits durch Soft­ware erzeugt), Vor­der­grund und Hin­ter­grund sind, bedingt durch die Lin­sen­grö­ße, gleich scharf. Es ist, als habe jemand jedes Detail so scharf stel­len wol­len, dass die Land­schaf­ten unwirk­lich erschei­nen, hyper­nor­mal und fremd, als wäre es Cana­l­et­tos Dres­den oder War­schau.

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Das Beharren der Institutionen

Geschichte / Theologie

Es war Herbst, eigent­lich zu spät für den höl­zer­nen Seg­ler

der mit 276 Per­so­nen an Bord ähn­lich über­la­den wie heu­ti­ge Flücht­lings­schif­fe vom Süd­os­ten Kre­tas aus­lief um längs der Küs­te nach Wes­ten nach Pho­i­nix, das gän­gi­ger­wei­se im Wes­ten Kre­tas ver­mu­tet wird, zu segeln. Man stritt sich vor dem Aus­lau­fen, ob die Pas­sa­ge nicht zu gefähr­lich sei, aber der Haupt­mann, der den Gefan­ge­nen nach Rom brin­gen soll­te, woll­te an Bord. Der pro­mi­nen­te Gefan­ge­ne warn­te ein­dring­lich vor dem Aus­lau­fen, ein Motiv, das an Star­buck von Mel­vil­le erin­nert. Man lief aus, der Leser ahnt es, es wird nicht gut­ge­hen. Als der Seg­ler in See war stei­ger­te sich der Wind zu einem veri­ta­blem Sturm aus Nord­ost, die Segel muss­ten ein­ge­holt wer­den, mit Mühe konn­te das Bei­boot an Bord geholt wer­den, die Besat­zung band Taue um das Schiff, um es am Zer­bers­ten zu ver­hin­dern, warf einen Teil der Schiffs­aus­rüs­tung über Bord und lasch­te die Ruder fest.
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