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Fiction

Lesung vom 24.2.2018 in der Gale­rie Zwit­scher­ma­schi­ne

– Goyas Bild, sag­te Theo­dor, müs­se man nicht als Kunst betrach­ten, son­dern als eine Visi­on des miss­glück­ten Lebens. Man müs­se sich vor­stel­len, in die eige­nen, zap­peln­den, vor Schmerz schrei­en­den Kin­der zu beis­sen und ihnen suk­zes­si­ve alles Fleisch aus dem Hals her­aus­zu­reis­sen bis sie zu atmen auf­hö­ren und dann mit blu­ti­gem Mund ihren Schä­del auf­zu­bre­chen und den Kopf zu ver­schlin­gen. Ja, es gel­te wirk­lich in das wei­che, wehr­lo­se und saf­ti­ge Fleisch eines Säug­lings die Zäh­ne zu ver­sen­ken, ja, täte man es, man wäre das Mons­ter, das Goya gemalt habe, ein alter, häss­li­cher, kno­chi­ger Greis mit vor Schreck auf­ge­ris­se­nen Augen, der sei­nen Sohn ver­speist. Mehr noch, ein absto­ßen­der Dämon ist auf dem Bild, aus­ge­zehrt und böse, des­sen kno­chi­ge Pran­ken den Rest sei­nes win­zi­gen, toten Kin­des hal­ten, indes­sen ihm das Blut aus dem Mun­de tropft. Sieh es, sag­te Theo­dor, sieh es immer und immer wie­der an und dann stel­le Dir vor, Du bist es, der auf immer dazu ver­dammt ist, sei­ne Kin­der, sei­ne Hoff­nung zu essen, weil Saturn die Herr­schaft über­nom­men hat und alles unter das erbit­ter­te Regi­ment blei­er­ner Zeit stellt. Medi­tie­re die­ses Bild nicht als Kunst­werk, son­dern als Sym­bol Dei­ner Situa­ti­on, alles was du dir erhoffst wird von dem Mons­ter, das nachts auf dei­nem Bet­ten­de sitzt, ver­schlun­gen. Sag Dir ein­fach, es gibt kei­ne Hoff­nung, es wird kei­ne Ände­rung mehr geben, nicht mehr und nie­mals, geschwei­ge denn zum Guten, reiß alle Gedan­ken dar­an aus dei­nem Her­zen und zer­stö­re sie, wie Saturn, der sei­nen Sohn ver­schlingt. End­sta­ti­on, Du bist gefan­gen, ver­stehst Du, Du musst Dei­ne Hoff­nung ver­zeh­ren wie Saturn sei­nen Sohn. Saturn, das ist kei­ne Han­dels­ket­te, son­dern ein Zustand, der unter der der Ägi­de eines furcht­ba­ren Got­tes steht…

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Kalte Glätte

Fotografie / Geschichte / Kunst

Nir­gend­wo tritt die merk­wür­di­ge Käl­te des Moder­nen so zuta­ge, wie in dem deut­schen Welt­aus­stel­lungs­pa­vil­lon 1929 in Bar­ce­lo­na. Es ist, als habe man einen unbe­rühr­ba­ren Kris­tall erschaf­fen wol­len, des­sen rei­ne Ober­flä­che die Gegen­wart des Todes und der rei­nen Anschau­ung ver­eint. Dass die­se archi­tek­to­ni­sche Reduk­ti­on den Blick eines Man­nes voll­zieht, zeigt die im Hof ein­ge­schlos­se­ne Sta­tue einer nack­ten Frau. Den Fetisch des unbe­rühr­bar Männ­li­chen und Voll­ende­ten hat sich ein spä­te­res deut­sches Regime zuei­gen gemacht ohne die­sen Stil zu ver­wen­den, der im Angel­säch­si­schen inter­na­tio­nal style genannt wird.

Herr Demand, der Sympathisant

Fiction / Geschichte

Wird man zur Ein­schüch­te­rung offen über­wacht, wie es Herr Demand sagt, der in sei­ner Jugend als Sym­pa­thi­sant galt?

Ich bin höf­lich zu ihm und las­se ihn reden. Jede sei­ner Lieb­schaf­ten sei wochen­lang vom west­deut­schen Geheim­dienst beschat­tet wor­den, das habe ihn fast zu mili­tan­ter Akti­on brin­gen kön­nen, aber für den Unter­grund habe er sich nie wirk­lich ent­schlie­ßen kön­nen, man war Bohe­me und wie vie­le der radi­ka­len Lin­ken der Sieb­zi­ger aus der Mit­te der Mit­te der Gesell­schaft gekom­men. Man wäre doch eine gewis­se Lebens­per­spek­ti­ve gewöhnt gewe­sen, Bader war ein gut aus­se­hen­der Macho mit Leder­ja­cke und Mer­ce­des, Call­boy sagen eini­ge, Frau Mein­hof eine sehr klu­ge und attrak­ti­ve Jour­na­lis­tin und Hol­ger Meins begab­ter und, last not least, schö­ner Mann, ein Fil­me­ma­cher, des­sen frü­he­re Freun­de stei­le Kar­rie­re gemacht haben.
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Preisträger der Moderne: Stettin

Fotografie / Kunst

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Vaterängste

Fiction

EINE KURZGESCHICHTE

Es war ein Alb­traum, die Erin­ne­rung kennt nur eines die­ser gesicht­lo­sen Hotel­zim­mer, die für rei­sen­de Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter oder Pro­gram­mie­rer kon­zi­piert sind. Das war der Ort des Trau­mes, die Ein­rich­tung war bil­lig und prak­tisch, aber doch so als wür­de sie aus einem dritt­klas­si­gen Ein­rich­tungs­heft stam­men, das in Dro­ge­ri­en ver­kauft wird.
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Die Kathedrale des industriellen Verfalls

Fotografie

Auf­ge­las­se­nes Indus­trie­ge­län­de in Bran­den­burg. Die Kunst nis­tet sich von allei­ne ein. Um den Ort und die Indus­trie­rui­ne zu schüt­zen wur­den die EXIF Infor­ma­tio­nen von den Bil­dern ent­fernt.

Die Festung starren Glaubens

Geschichte / Kunst / Theologie

In weni­gen Bau­ten ver­wirk­licht sich die Mischung aus Glau­be, Ideo­lo­gie und Macht sosehr in einem Kris­tall wie dem El Esco­ri­al nahe Madrid, das von Phil­ipp II. von Spa­ni­en am Ran­de der Ber­ge in der Nähe von Madrid als Klos­ter und Palast kon­zi­piert wor­den ist. In ihm scheint der mili­tan­te Katho­li­zis­mus der Gegen­re­for­ma­ti­on zu einem stei­ner­nen, abwei­sen­den Mani­fest abso­lu­ten Wil­lens zur eige­nen Unter­ord­nung ver­dich­tet zu sein, des­sen grau­er Gra­nit fast schmuck­los ist, aber eine unge­heu­re seri­el­le und dis­zi­pli­nie­ren­de Wucht aus­strahlt. Das ein­zi­ge, was nicht Glau­be und Macht der Herr­scher­hau­ses aus­drückt, sind Sti­che von Dürer mit Tie­ren und Pflan­zen in dem inti­men Arbeits­zim­mer von Phil­ipp II.

Geistigkeit und Vernunft

Denken / Kunst / Nonfiction / Theologie

Fast nur deutsch­spra­chi­ge Autoren und Phi­lo­so­phen haben sich an einer Gesamt­schau der Geschich­te ver­sucht,

Karl Marx etwa, des­sen The­sen erneut bei etli­chen Lin­ken eine zwei­te Renais­sance erle­ben, je mehr der Spät­ka­pi­ta­lis­mus sich in sei­ne dys­funk­tio­na­le Ago­nie stei­gert und absur­der das Ver­hält­nis zwi­schen den Gütern der Weni­gen und der Mit­tel­lo­sig­keit der Vie­len wird. Auch die Rech­ten könn­ten in ihrer Lek­tü­re bei einer Gesamt­schau der Geschich­te fün­dig wer­den, nur hier wäre es Oswald Speng­ler, der Kul­tu­ren in ihrer Ent­wick­lung ver­gli­chen hat und nun dem Wes­ten ana­log Rom einen all­mäh­li­chen Über­gang von der Demo­kra­tie in das Impe­ri­um ver­heisst, mit den Begleit­erschei­nun­gen des Popu­lis­mus, des Ver­falls der Fröm­mig­keit zuguns­ten von Eso­te­rik und Fun­da­men­ta­lis­mus sowie der immer wei­ter aus­ein­an­der klaf­fen­den sozia­len Sche­re, auch der Limes, was Speng­ler ja so noch nicht gese­hen hat­te, wird ja in Ungarn und Ser­bi­en zum “Schut­ze” der EU neu errich­tet.

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Rationale Strukturen alten Stils

Denken / Fotografie / Kunst

Das Eigen­ar­ti­ge an recht­wink­lig, funk­tio­na­len For­men ästhe­ti­scher Ord­nung ist, dass manch­mal ihre Struk­tur offen­kun­dig gest­rig erscheint. Gera­de, rech­ter Win­kel, Qua­drat, das sind kla­re, weni­ge For­men. Zwar war seit der Anti­ke mit der Fibo­nac­ci-Fol­ge die Kur­ve eines Schne­cken­hau­ses dar­stell­bar, aber erst mit der Man­del­brot­men­ge ist schein­ba­res Cha­os ratio­nal bere­chen­bar gewor­den. Jetzt haf­tet dem Design sol­cher schuh­schach­tel­glei­chen Struk­tu­ren etwas Archai­sches an. Die Fra­ge­stel­lung der Roman­tik, die Schön­heit jen­seits dama­lig fast immer recht­wink­lig ratio­na­ler Struk­tu­ren gesucht hat­te, ist obso­let ange­sichts der heu­ti­gen Mög­lich­keit, in nahe­zu allen For­men ratio­na­le Struk­tu­ren zu ent­de­cken. Hier sind Ursa­che und Wir­kung sau­ber auf­ge­lis­tet, die Struk­tu­ren habe kla­re Auf­ga­ben, Zwe­cke und For­men. Es sind die geis­ti­gen Struk­tu­ren der Inge­nieu­re des letz­te Jahr­hun­derts, es ist die Bestands­auf­nah­me eines Den­kens, das in Ord­nun­gen, Sepa­ra­ti­on und Reduk­ti­on gedacht hat­te. In voll­ende­ter Aus­füh­rung gelan­gen die­sem Den­ken durch­aus schö­ne, wenn auch beklem­men­de Objek­te.

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Terror und Geschichte

Geschichte / Theologie
Als Ver­non Way­ne How­ell 1981 zu den Branch Davi­di­ans stiess, war er ein jun­ger, schlan­ker Mann, der rela­tiv gut Gitar­re spiel­te, lan­ge Haa­re hat­te, schmut­zi­ge Jeans trug und eine begrenz­te Bil­dung hat­te. Die Branch Davi­di­ans waren eine Abspal­tung der Sie­ben Tages Adven­tis­ten, die wegen ihrer Radi­ka­li­tät aus der Kir­che aus­ge­schlos­sen wor­den waren. Sie waren der Anschau­ung, dass nach dem zwei­ten Kom­men Chris­ti das tau­send­jäh­ri­ge Reich des Frie­dens anbrä­che, und leb­ten in einer gespann­ten Erwar­tung, dass dies unmit­tel­bar bevor­stün­de.
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