Claqueurinnen der Ohnmacht

Literatur

Es beginnt mit dem Anflug auf Dschiddha. Ein letzter Drink im Flugzeug. Frances hofft, von ihrem Mann abgeholt zu werden. Wenn nicht, sagt sie, nähme sie ein Taxi. Das ginge nicht, sagt der Steward, der die Gläser abräumt, einer Frau sei es verboten in ein Auto zu einem fremden Mann zu steigen. Aber, wirft Frances ein, das sei der Job des Taxifahrers, Leute zu befördern, oder? Und schon verliert Frances allen rechtlichen Status:

„You’re a woman, aren’t you? You’re not a person anymore.“ 

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Der verfrühte Text

Denken / Theologie

Kids wollen Indianer sein, keine Cowboys. Ich erinnere mich noch an den Siedlungsblock am Ende der Straße, wo wir Schulkinder spielten. Und weil es doch gleich viele Indianer wie Cowboys geben musste und alle alle Indianer sein wollten, gab es Streit. Gewürfelt wurde nie, die Cowboys waren immer die Dummen, körperlich Unfitten und Uncoolen. Also ich.

Lag das an Karl May, den ich wegen dieser Spiele nie gelesen habe?

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Der Albtraum

Denken / Fiction

Es war wieder der Alte, der mich diesmal wieder gefunden hatte.

Dieser böse alte Mann, der mit sich eine Hündin führte. Ich sah ihn kommen, gleich würde er sich neben mich setzen und mit der Verbissenheit eines verbitterten Menschen mir seine Verschwörungstheorien verkaufen. Ich kam aber nicht weg, es war mir als müsste ich auf dieser Bank kleben und konnte nicht aufstehen. Es war zu spät, die zudringliche Besserwissererei des Alten kam immer näher, ich war wie gelähmt. Ich blieb sitzen, ich war allein, schon die Nähe des Alten würde mich von meiner Umgebung entfernen. Knotige Hände fuchtelten in der Luft, es war kalt und wahrscheinlich näherte sich eine feuchte Hundeschnauze mir hinter meinem Rücken und ich würde wieder dieser feuchten Attacke ausgesetzt sein.
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Empathie an das Verlieren

Erinnerung / Kunst

Es war eine der Ausstellungen, die auf den ersten Blick verloren wirkte. Die Werke hingen in einem temporär unbenutzten ehemaligen Verkaufsraum in Zehdenick, einer langsam sich entvölkernden Kleinstadt 60 Kilometer nördlich von Berlin. Der Verkaufsraum hatte sichtbar bessere Tage hinter sich, einige der häßlichen Platten, mit denen die Decke verschalt war, fehlten und gaben den Blick auf das Innenleben der Decke frei. An der blassgelb und pink gestrichenen Wand hingen Gemälde. Man sah immer wieder Ansichten eines Tisches mit überquellendem Aschenbecher, einer brennenden Kerze auf einem Stalagmit aus Wachs, Bierflaschen und Büchsen. An der Wand des gemalten Raumes hingen Bilder, sorgfältig arrangiert, auf Regalen lagen CDs, einmal standen am Boden abgetragene Turnschuhe und immer wieder erschien ein alter, vorsintflutlicher Fernseher.

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Der Alte

Fiction

Das Bild wollte nicht aus dem Kopf. War es der alte, arm wirkende Mann mit der struppigen, dünnen schwarzen Hündin, der sich neben mich an den Tisch gesetzt hatte? Ja, ich hätte mir das Gespräch verbitten können, aber irgendwie war es nicht dazu gekommen, vielleicht weil ich im Herzen nachgiebig bin und manchmal wie ein Opfer wirke. Hätte ich mich ich überhaupt dem aussetzen dürfen, schalt ich mich?

Es war ein alter Mann, dessen schlecht rasierte Bartstoppeln Gleichgültigkeit, einen blinden Badezimmerspiegel oder abgeschabte Rasierklingen verrieten, vielleicht spielte auch alles zusammen. Die Hände des Alten waren ungepflegt, die Fingernägel hatten leicht schwarze Ränder. Vielleicht war die Hündin die einzige, die diesen altem Mann noch freiwillig Wärme gab, auch wenn sie, nachdem sie an dem Alten hochgesprungen war, immer wieder mit ihrer Schnauze an den Rucksack stiess, in dem offenbar die Hundekekse untergebracht waren.

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Ränder der Neuzeit, Teil 3

Denken / Geschichte

Ende 1938 fanden Fritz Straßmann und Otto Hahn heraus, dass ihnen die Kernspaltung geglückt war. Einen Monat vorher sollte Orson Welles mit einer Radiosendung, die die Landung feindlicher Außerirdischer, also die späteren UFOs, zum Thema hatte, weltberühmt werden. Der Roman The War of The Worlds war 1896 begonnen worden, in jenem Jahr, als Antoine Henri Becquerel die Radioaktivität entdeckt hatte. Die Linien, die damals noch weit auseinander zu sein schienen, verbanden sich aber später. Als die ersten Atombomben in Testreihen gezündet wurden, erschienen, wie die Journalistin Leslie Kean und der Filmemacher James Fox vermuten, tatsächlich vermehrt unbekannte Flugobjekte.

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Die Apokalypse des Pornostars

Erinnerung / Theologie

Als ich ihn das erste Mal 1994 sah, ahnte ich nichts von der Vision der Apokalypse, die er in seinem Kopf trug, denn er war breitschultrig und beunruhigend muskulös. Er hatte eine Glatze und sein junges, gewinnendes Lächeln zeigte sauber geordnete Zähne, die vor Gesundheit nur so zu strotzen schienen. Die Hüften waren schmal. Auf den äußerst üppigen nackten Armen spiegelte sich das Selbstvertrauen eines begehrten Mannes.

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Das Kloster der Moderne

Fotografie / Kunst

In Mailands gesichtslosen Randbezirken hat die Fondazione Prada in einem aufgelassenem Industriebau ihre Ausstellungsräume. Der Gebäudekomplex wurde von Rem Koolhaas überarbeitet, der Turm (torre) ist ein Neubau. Anders als in den Kreuzgängen der Klöster, in deren Abgeschiedenheit angesichts der überaus gewalttätigen Welt des Mittelalters Erfahrung des Friedens gesucht wurde, wird hier eine vielschichtige Kontemplation der Moderne offeriert, da die Kunstwerke mit dem Außen durch die offene Architektur in Beziehung stehen.

(Foto 8: © Stefan Hofmann)