Bescheidenheit guter Form

Architektur / Kunst

In der Nähe von Landshut liegt das Anwesen von Fritz König. Dort, in Ganselberg, waren nicht nur sein Wohnsitz und sein Gestüt, sondern auch sein Atelier. Auch wenn das Atelier scheinbar wie ein historisches Gebäude aussieht, sieht man doch bei genauerem Hinsehen Betonfundamente, skulpturale Plastizität der Türbeschläge und strengen Formwillen in den eisernen Bändern, die die Türflügel halten.

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Armut und Ökologie

Architektur / Berlin

An wenigen Stellen wird das Bild einer möglichen Zukunft sichtbar, die in ihren Bildern den sparsamen, nur auf Zweck ausgerichteten Bauten der Nachkriegsära gleicht. Hier sind es neue Projekte in Berlin, ein Mehrgeschossbau aus Holz im Wedding und in Neukölln Alltag, ein Gebäude, das Menschen aus prekären Situationen Obdach geben soll, sowie ein Eine Welt Zentrum, das 40 NGOs beherbergen soll. Die Bauten sind schlicht, teilweise ökologisch orientiert und überragend häßlich. Mehr als in allem anderen tritt in ihnen das Antlitz einer möglichen Zukunft entgegen, die wegen schwindender Ressourcen und wachsender Ungleichheit ökonomischen Abschwung und immer größere Kargheit für die Meisten bringt.

Über die Projekte in Neukölln: Alltag und Eine Welt Zentrum

Pornografie des Barock

Berlin / Kunst

Auszug aus einem aktuellem Schreibprojekt. Hier geht es um die feinen Regeln der Darstellung, durch die Kulturen das Territorium der Prüderie abstecken. Die fragliche Plastik allerdings sprengt alle Grenzen zugunsten der Pornografie, wenn man die feinen Unterschiede in der Darstellung gewisser Organe als Erklärung liest, wie die Plastik zu deuten sei. Der weitere Text, der eine mögliche Lesart sehen will, ist, wie die Plastik, womöglich nicht jugendfrei:

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Inseln der ästhetischen Hoffnung

Architektur / Theologie

Wenn man durch die trostlose Münchner Schotterebene nach Poing fährt, muß man eine von Autobahnen, Schnellstrassen, Gewerbeparks und gesichtslosem Siedlungsbrei völlig zerstörte Landschaft durchqueren. Die Plünderung der Erde, die dazu dient dem Menschen Dinge zu geben, zieht am Autofenster vorbei, wenn man Glück hat, sieht man den fernen Streif der Alpen, sonst nur eine Verwüstung, die mit gerne mit dem Euphemismen des Landschaftsverbrauchs und der Flächenversiegelung umschrieben wird.

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Ränder der Neuzeit, Teil 2

Geschichte / Theologie

1969 nimmt Bernward Vesper in Schwabing mit einem Reisebegleiter, Burton, einen Trip, der fast vierundzwanzig Stunden dauern wird und später die Grundlage für Vespers Autobiographie, Die Reise, dienen wird. Fast vierundzwanzig Stunden irren Vesper und Burton durch München, durchqueren den Hofgarten, gehen in den Englischen Garten, die Dinge scheinen sich zu verschieben, eine andere, scheinbar intensivere Wirklichkeit könnte sich auftun, die Welt könnte weit und schön werden, aber in Wahrheit werden Vesper und Burton feststellen, dass sie in der WG nur halbwillkommen sind, was auf Trip besonders unentspannt ist, und Bernward Vesper wird danach seinen Text radikal neu ordnen wollen. Joachim Lehmann schrieb 1992 in DER ZEIT, Vesper habe sich in einer unmöglichen Situation empfunden, herum das böse, kleinbürgerliche Deutschland voller Vegetables, wie Vesper seine Mitbürger nennt (auch Burton, vermutet Vesper, wird als amerikanischer Jude vom schicken Loft in Manhattan träumen), und der verlorene, weil unsinnige Kampf der RAF, an dem Vesper nicht teilnehmen wollte — so, laut Lehmann, ist der Ausflug in romantische Bilder ein Signum der seit dem Sturm und Drang schauerlich scheiternden deutschen Linken. Nimmt Bernward Vesper die Erlebnisse als Signum für eine tiefere, poetischere Existenz, die sich auftun könnte, obwohl er die Studentenbewegung als gescheitert ansieht? Oder ist der Trip Auslöser für eine radikale Nabelschau, die schlichtweg als Schlüsseltext für eine ganze radikale Generation gilt? Wenn ja, dann war es eine Reise, die zu einer gnadenlosen Selbsterkenntnis führte, ohne dass es irgendeines tröstenden Momentes gegeben hätte. Es wird ein Horrortrip, in dem Dantes Figuren der Hölle von real existierenden Figuren der BRD übernommen werden, die in gütefreier und humorloser Manier durch die Biografie wandeln. Warum wird eine triste Badewanne in einem Text Ausgang für eine illusionslose Sicht auf den eigenen Werdegang als solchen?

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Ränder der Neuzeit, Teil 1

Geschichte / Theologie

1976 hungerte sich einem Siedlungshaus in Franken eine junge Frau mit 23 Jahren zu Tode, 

nachdem sie 1973 erstmals durch Klopfen im Zimmer und Stimmen aus der Hölle beunruhigt wurde, es war das Jahr, in dem der Film The Exorcist von William Friedkin in die Kinos kam, der eine fiktive Teufelsaustreibung beschreibt. Anneliese Michel war darauf wegen vermuteter Epilepsie in Behandlung, seit ihrem Zeit als Teenager sah sie außerdem dämonische Gesichter, Fratzen, wie sie sie nannte, sie war streng katholisch aufgewachsen, Tanzen war ihr verboten, Fotos des Elternhauses lassen auf eine enge, karge religiöse Atmosphäre schließen.

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Die vertane Chance eines Jahrhunderts

Architektur / Berlin / Fotografie

Neue Architektur Berlin, Bahnhofsviertel und Friedrichshain längs der Spree. Die Straßenführung und die Masterpläne für die Bebauung dürften teilweise noch der unseligen Ära Diepgen enstammen. Die Daimler Benz Arena wurde von Anschütz gebaut und zuerst von O2 betrieben. Die jüngst entstandenen Plätze dürften zu den hässlichsten Architekturleistungen Europas gehören, mehr als alles andere sind sie das Janusgesicht einer Ära, die durch Klötzchen, Raster und Vergabe an private Investoren Baumuster, die längst vergessen gehört hätten, erneut evoziert.

Das Geheimnis der Mönche

Theologie

Wir blickten auf die Saône, die breit und träge an der mittelalterlichen Stadt vorbei floß. Auf dem Strom lagen Yachten an Stegen vertäut, offenbar mieden die Skipper die gefährliche herbstliche Fahrt durch die Biskaya um ins Mittelmeer zu kommen. Der Bruder, mit dem ich den Ausflug machte, schaute auf die Schiffe, wir tranken Kaffee und aßen Kuchen, den wir mitgenommen hatten. Auf einmal fragte er mich, welche der Yachten wohl seegängig sei, er wusste, ich hatte früher Wochen auf hoher See verbracht. Ich antwortete, das hinge von Ballast und Unterwasseschiff ab, aber die Antwort lief ins Leere. Ich spürte die leise feine Sehnsucht des Bruders, obwohl er in Spanien und Südamerika gelebt hatte, aber ich redete nicht weiter. Es war alles gesagt, vor uns glitzerte die Saône im Herbstlicht, ich spürte die unausgesprochene Sehnsucht und Verletzlichkeit meines Begleiters, obwohl dessen breite Schultern so wirkten, als gäbe es kein Hindernis für sie.

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Die Schönheit der Medizin

Architektur / Berlin / Fotografie

2 Bauten der Charité, deren Abriss geplant ist und die in ihrer völlig unterschiedlichen Gestaltung Zeugnisse hervorragenden und mutigen skulpturalen Umgangs mit Beton sind:

Zentrale Tierversuchslaboratorien (1971–80, heute: Forschungseinrichtung für Experimentelle Medizin, FEM), Architekten Gerd und Magdalena Hänska. Ein herausragendes Beispiel des Brutalismus in Deutschland.

Das ab 1966 geplante und bis 1974 gebaute Institut für Hygiene und Mikrobiologie (heute: Institut für Hygiene und Umweltmedizin). Architekten Fehling+Gogel.
Bis heute ist es praktisch im Originalzustand – eine Zeitkapsel seiner Bauzeit.

Schichten der Wahrheit

Denken / Geschichte

Was ist, wenn die Welt zunehmend einer totalen Kontrolle unterläge und alles, was wir erleben, längst die Agenda einer neuen, totalen Weltordnung sei?

Lutz Dammbeck folgt in seinem Filmessay Das Netz von 2004 der These eines offenbar verwirrten rechtsradikalen Attentäters, die Wirklichkeit, die wir kennen, sei in Wahrheit das perfide Konstrukt einer Machtmaschine, die sich im Umkreis diverser scheinbar liberaler Institutionen und Geheimdienste der USA etabliert habe.

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