Alle Artikel in: Denken

Ränder der Neuzeit, Teil 3

Denken / Geschichte

Ende 1938 fanden Fritz Straßmann und Otto Hahn heraus, dass ihnen die Kernspaltung geglückt war. Einen Monat vorher sollte Orson Welles mit einer Radiosendung, die die Landung feindlicher Außerirdischer, also die späteren UFOs, zum Thema hatte, weltberühmt werden. Der Roman The War of The Worlds war 1896 begonnen worden, in jenem Jahr, als Antoine Henri Becquerel die Radioaktivität entdeckt hatte. Die Linien, die damals noch weit auseinander zu sein schienen, verbanden sich aber später. Als […]

Schichten der Wahrheit

Denken / Geschichte

Was ist, wenn die Welt zunehmend einer totalen Kontrolle unterläge und alles, was wir erleben, längst die Agenda einer neuen, totalen Weltordnung sei? Lutz Dammbeck folgt in seinem Filmessay Das Netz von 2004 der These eines offenbar verwirrten rechtsradikalen Attentäters, die Wirklichkeit, die wir kennen, sei in Wahrheit das perfide Konstrukt einer Machtmaschine, die sich im Umkreis diverser scheinbar liberaler Institutionen und Geheimdienste der USA etabliert habe.

Fotographische Hyperrealität

Denken / Fotografie / Geschichte

Jeder, der ein neueres Smartphone in den Händen hält und damit mehr als nur seinen Hund, sein Essen oder seinen Geliebten fotografiert, wird die Fotos als irreal empfinden. Die geringere Tiefenschärfe, wie sie von großformatigen Kameras je nach der gewählten Blende gewohnt war, ist verschwunden (es sei denn sie wird artifiziell bei Portraits durch Software erzeugt). Vordergrund und Hintergrund sind, bedingt durch die Linsengröße, gleich scharf. Es ist, als habe jemand jedes Detail so scharf […]

Geistigkeit und Vernunft

Denken / Geschichte / Theologie

Fast nur deutschsprachige Autoren und Philosophen haben sich an einer Gesamtschau der Geschichte versucht, Karl Marx etwa, dessen Thesen erneut bei etlichen Linken eine zweite Renaissance erleben, je mehr der Spätkapitalismus sich in seine dysfunktionale Agonie steigert und absurder das Verhältnis zwischen den Gütern der Wenigen und der Mittellosigkeit der Vielen wird. Auch die Rechten könnten in ihrer Lektüre bei einer Gesamtschau der Geschichte fündig werden, nur hier wäre es Oswald Spengler, der Kulturen in ihrer Entwicklung […]

Rationale Strukturen alten Stils

Denken / Fotografie / Kunst

Das Eigenartige an rechtwinklig, funktionalen Formen ästhetischer Ordnung ist, dass manchmal ihre Struktur offenkundig gestrig erscheint. Gerade, rechter Winkel, Quadrat, das sind klare, wenige Formen. Zwar war seit der Antike mit der Fibonacci-Folge die Kurve eines Schneckenhauses darstellbar, aber erst mit der Mandelbrotmenge ist scheinbares Chaos rational berechenbar geworden. Jetzt haftet dem Design solcher schuhschachtelgleichen Strukturen etwas Archaisches an. Die Fragestellung der Romantik, die Schönheit jenseits damalig fast immer rechtwinklig rationaler Strukturen gesucht hatte, ist obsolet angesichts der heutigen Möglichkeit, in nahezu […]

Es war Samstag

Berlin / Denken / Theologie

“Was hältst Du von dem IS?” Es war Anfang Dezember und Samstag Nacht, die U-Bahn fuhr nach Neukölln, um mich herum saß eine Gruppe junge Männer. Sie redeten miteinander und scherzten. Sie hatten dunklere Haut und Drei-Tage Bärte und die Figur von Leuten, die regelmäßig Sport machen oder mehrmals wöchentlich ins Fitnesstudio gehen. Vermutlich waren sie türkisch oder arabisch stämmig, sie redeten auf Deutsch, ich hörte nicht hin, da ich noch meinen Gedanken nachhängen wollte. Sie […]

Schönheit ist planbar

Architektur / Denken / Geschichte

Für Unkundige, die zum ersten Mal eine mittelalterliche Stadt durchwandern, erscheint diese als ein Gewirr krummer und unregelmäßig breiter Gassen, das allmählich entstanden sein müsste und bar jeder gestalterischen Ordnung wäre. Sie übersehen dabei, dass dem allen ein exakter Plan zugrundeliegen könnte, der uns nicht mehr zugänglich ist. Stadtplanung beruht in diesen Augen auf dem rechtwinkligen cardo und decumanus der Römer, der geometrisch exakten Idealstadt der Renaissance oder dem grid der Städte in den USA. Als […]

Rückkehr zum Hass

Denken / Geschichte

Wie Linke zu Rechten werden. Warum wandern Stars der Avantgarde wie Céline und Handke in das rechte Lager? Am Anfang des Romans Reise ans Ende der Nacht von Louis-Ferdinand Céline werden Tage unter einem lethargisch in schwüler Hitze dahinsämmernden Kolonialregime geschildert, das in bürokratischer Unfähigkeit versinkt. Klimaanlagen, die Europäern die Wohlfühlzone enorm ausweiten, sind noch nicht vorhanden, so bleibt die feuchte, stickige und klebrige Hitze und das Scheitern der Hoffnung, in den Tropen zu reüssieren. Nach […]

Der Untergang des Proletariats

Denken

In seiner Sammlung von Essays, die Freibeuterschriften genannt wurden, hatte Pasolini den Untergang des Proletariats vor seinen Augen gehabt. Nicht dass es etwa seitdem weniger Arme gegeben hätte oder gar für viele die wirtschaftlichen Verhältnisse keineswegs prekärer geworden seien, verschwunden ist die Klasse des Proletariates als eine eigenständige, stolze Gruppe, die unter sich Solidarität gekannt hatte und sich durch Sprache, Kleidung und Gestus als von den Übrigen abgegrenzt definiert hatte. Ausgebeutet, das hatte ja der Marxismus […]

Die See

Denken

Der Respekt vor der See. Ich erinnere mich noch an das Frühstück, bevor die Segel gesetzt werden sollten. Die Stimmung war gedämpft, es fielen wenig Worte, geschweige denn schmeckte das Essen. Auch der Vormittag, an dem im türkisfarbenen Hafenbecken gebadet wurde, war kaum besser…