Für Unkundige, die zum ersten Mal eine mittelalterliche Stadt durchwandern, erscheint diese als ein Gewirr krummer und unregelmäßig breiter Gassen, das allmählich entstanden sein müsste und bar jeder gestalterischen Ordnung wäre. Sie übersehen dabei, dass dem allen ein exakter Plan zugrundeliegen könnte, der uns nicht mehr zugänglich ist. Stadtplanung beruht in diesen Augen auf dem rechtwinkligen cardo und decumanus der Römer, der geometrisch exakten Idealstadt der Renaissance oder dem grid der Städte in den USA. Als das Mittelalter in der Romantik en vogue wurde, hatte Stadtplanung bereits sehr oft das starre Raster aufgegeben und geschwungene Strassen geplant. Doch umstritten ist seitdem, inwieweit mittelalterliche Städte geplant oder Ergebnis einer chaotischen Bebauuungspolitik waren.
Für diejenigen, die in dem scheinbaren städtebaulichem Chaos immer wiederkehrende Muster erkennen können, liegt allem ein höchst komplexes Verfahren zugrunde. Einige vermuten, dass man die zukünftigen Bauplätze nach geomantischen oder geologischen Gesichtspunkten wählte und ebenso für die Kirchen geeignete Orte. Wurden Wege und Plätze ebenfalls unter diesen Gesichtspunkten bestimmt? Oder wurde auf eine uns heute nicht mehr eingängige Weise das immer sanft gebogene Raster für die Strassen und Plätze erstellt?
Klaus Humpert hat diverse Städte untersucht und glaubt feststellen zu können, dass eine planerische Methode mit Raster, Zirkel und Kreissegmenten Grundlage für die immer noch ästhetisch überwältigende Wirkung mittelalterlicher Städte ist. Dabei wurden im Kleinen höchst komplexe Muster entworfen, die dann im größeren Maßstab auf dem Felde mit Seil und Pflock abgemessen und mit dem Pflug nachgezeichnet wurden. Als Teile diverser Kreissegmente und regelmäßiger Raster wurden einzelne Hausecken und Strassenzüge mit größter Präzision nach einem als harmonisch empfundenen abstrakten Muster festgelegt, eine Methode, die Klaus Humpert auch in gleichzeitiger Buchmalerei erkennen will.
Schönheit und Harmonie, die göttlichen Attribute, galten in der mittelalterlichen Kosmologie als planbar. Der mittelalterliche Stadtplaner wollte ein Ensemble schaffen, das größte visuelle Abwechslung auf kleinstem Raum schaffen sollte, weswegen sogar die Breite der Strassen variiert wurde. Doch die Geduld, in dem scheinbar chaotischem Gewirr eine exakt ausgeführte und höchst abstrakte Form der Komposition zu erkennen, ist den Meisten verloren gegangen, sie sind nahezu blind geworden.