Auf literarischen Spuren spazieren..

Berlin / Fiction


Ich bin auf literarischen Spuren spazieren
und erstaunt über die radikalen Brüche, die die Verkehrsschneisen schlagen. Wie massiv hat man mit dem Bauhaus, dem massenweise abgeschlagenen Stuck der Fassaden und durch die schmucklosen sachlichen Neubauten der Dreißigerjahre am Alexanderplatz eine radikale Moderne propagiert.
Es ist eigenartig am Alexanderplatz zu sein, wo die Verwerfungen im Stadtraum stärker sind als anderswo, und wo so wenig steinerne Zeugnisse früherer Epochen ein umfassendes Gefühl für die Kontinuität der Zeit ergeben. Es ist kein bergender Ort, eher haltlos und leer, und ich fühlte den eigenartig scharfen und frischen Blick auf die entstehende maschinelle Zivilisation in den Zwanzigern, ein Blick, der mit Abscheu, Bewunderung und Erschrecken auf die Kälte der neuen Welt und die Utilisierung des eigenen Lebens blickte, weil nach dem Zerfall der wilhelminischen Ordnung sich die Leere eines geistigen Raumes aufgetan hatte. Die Menschen taumelten in eine Welt, die, wie die des Barocks, Karl-Liebknecht Strasseunbegriffen blieb, weil die sozialen Normen keine Sicherheit gaben und die Menschen, wie die Jesuiten im Barock, wie Gracián, lernen mussten, sich in einer von Kriegen verwüsteten Welt nur durch Schlauheit und ständige Verstellung zu behaupten. Man begann, sich wie in einem feindlichen Dschungel zu bewegen, man nahm Witterungen auf und suchte Chancen, man legte sich eine persona zu, eine Maske, unter der man laviert und sich im öffentlichen Raume wie in einer feindlichen Welt bewegt.“

Baarucka oder die Gasse der Blinden, Kap: 2.November 2000