Herr Demand, der Sympathisant

Fiction / Geschichte

Wird man zur Ein­schüch­te­rung offen über­wacht, wie es Herr Demand sagt, der in sei­ner Jugend als Sym­pa­thi­sant galt?

Ich bin höf­lich zu ihm und las­se ihn reden. Jede sei­ner Lieb­schaf­ten sei wochen­lang vom west­deut­schen Geheim­dienst beschat­tet wor­den, das habe ihn fast zu mili­tan­ter Akti­on brin­gen kön­nen, aber für den Unter­grund habe er sich nie wirk­lich ent­schlie­ßen kön­nen, man war Bohe­me und wie vie­le der radi­ka­len Lin­ken der Sieb­zi­ger aus der Mit­te der Mit­te der Gesell­schaft gekom­men. Man wäre doch eine gewis­se Lebens­per­spek­ti­ve gewöhnt gewe­sen, Bader war ein gut aus­se­hen­der Macho mit Leder­ja­cke und Mer­ce­des, Call­boy sagen eini­ge, Frau Mein­hof eine sehr klu­ge und attrak­ti­ve Jour­na­lis­tin und Hol­ger Meins begab­ter und, last not least, schö­ner Mann, ein Fil­me­ma­cher, des­sen frü­he­re Freun­de stei­le Kar­rie­re gemacht haben.
Viel­leicht sind auch Hel­den der Ver­wei­ge­rung in der Geschich­te oft nur die, die höhe­ren Ran­ges sind. Augus­ti­nus, der Anwalt am Kai­ser­hof war und Mönch wur­de, Tho­mas von Aquin, dem ein Lehen samt ein paar Hun­dert Män­ner für das Gro­be zuge­stan­den wären, Franz von Assi­si, der Sohn eines rei­chen Tuch­händ­lers war, Rim­baud als Shoo­ting Star der Bohe­me und Che Gue­va­ra als Arzt. Eben­so die spä­te­ren Mit­glie­der der so genann­ten RAF, die Herr Demand, der His­to­ri­ker, noch per­sön­lich gekannt hat­te, als er in Schwa­bing 1968 im damals unru­hi­gen Mün­chen gewohnt hat­te. In einem Alt­bau, in einer Kom­mu­ne, wie man damals sag­te, als Expe­ri­ment des befrei­ten Daseins. Das rich­ti­ge Leben, das man in dem fal­schen pro­bier­te, da man Ador­no las, der als Exi­lant in das som­mer­li­che Kali­for­ni­en mit den stan­dar­di­sier­ten Holz­häu­sern, den immer glei­chen Auto­bah­nen und den schein­bar nivel­lier­ten Klas­sen­ge­gen­sät­zen gekom­men war und nun mit Schre­cken jene gleich­ge­schal­te­te Moder­ni­sie­rung wie­der­erkann­te, die der Gefrei­te aus Brau­nau Deutsch­land hat­te ver­ab­rei­chen wol­len.
Die Pols­ter von Herrn Demand sind alt und längst ver­bli­chen. Mein Gast­ge­ber ist um mich besorgt, er steht in der Küche und macht Fil­ter­kaf­fee.
Er hus­tet und geht lang­sam mit wat­scheln­den Schrit­ten her­ein, wobei auf dem Tisch bereits eine Packung fil­ter­lo­ser Ziga­ret­ten ange­bro­chen ist, sei­ne zwei­te an dem Tag. Die Vor­hän­ge und die Wän­de sind gelb von Niko­tin, über­all lie­gen Bücher, noch­mals Bücher und Zeit­schrif­ten. His­to­rie, Sozio­lo­gie und Thea­ter, nur wenig Hin­du­is­mus und kali­for­ni­sche Bewusst­seins­er­wei­te­rung, dazu eine Aus­ga­be von Rom, Bli­cke, den Tage­bü­chern Rolf Die­ter Brink­manns und die Dop­pel­bän­de der Män­ner­phan­ta­si­en von Klaus The­we­leit. An der Wand hän­gen Foto­gra­fi­en von Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der sowie die einer jun­gen Frau und eines jun­gen Man­nes, die ich bei­de nicht ken­ne. Dane­ben eine Schar Pati­en­ten aus der Psych­ia­trie, die in schlech­ten Kos­tü­men auf einer Art Büh­ne pos­tiert sind, dazu jun­ge Leu­te, die Män­ner tra­gen Schlag­ho­sen und haben Kote­let­ten, die Frau­en Mini­rö­cke.

Es muss ein Foto aus den Sieb­zi­gern sein, als Herr Demand das Kol­lek­tiv Cuba Libre in Schwa­bing gelei­tet hat, das aus Stu­den­ten und Insas­sen der Psych­ia­trie bestehend Thea­ter der Befrei­ung in den neu ent­stan­de­nen Fuß­gän­ger­zo­nen der west­deut­schen Städ­te pro­biert hat, in Frank­furt, Köln und Mün­chen. In der Mit­te der Grup­pe Herr Demand, damals schlank, mit kur­zen Haa­ren, Kote­let­ten und Bril­le, ein schö­ner Mann. An der Tür ein Foto, das aus einem Auf­klä­rungs­buch für Jugend­li­che ent­nom­men wor­den zu sein scheint und als Pos­ter auf­ge­zo­gen wor­den ist, ein nack­tes Paar sit­zend, mit nack­tem Sohn. Neben dem Jun­gen, der viel­leicht fünf oder sechs Jah­re alt ist, bau­melt Vaters Geni­tal. Der Mann mit dem Geni­tal ist Herr Demand, jugend­lich noch, mit einem schüt­te­ren Bart und lan­gen Haa­ren, und einer leicht behaar­ten Brust, nicht unsport­lich, aber mit Bril­le. Von der Text­zei­le ist nur noch das Jan übrig, das ver­mut­lich sich auf den Sohn bezieht, denn der unte­re Teil des Bil­des ist abge­schnit­ten.
Was wür­de ich den­ken über die­ses Bild? Es dürf­te so heu­te nicht mehr publi­ziert wer­den, wie Herr Demand mir erläu­tert, weil es zu unsitt­li­chen Hand­lun­gen an Kin­dern anre­gen kön­ne. Kin­des­miss­brauch sozu­sa­gen, Herr Demand wird emo­tio­nal, am Kin­des­miss­brauch ent­schei­de sich, ob die Zukunft eine Frei­heits­ge­schich­te habe oder nicht, man habe den Kin­des­miss­brauch als ulti­ma­ti­ve Waf­fe in dem gesell­schaft­li­chen Roll­back ent­deckt. Wer wür­de denn heu­te noch sagen, man müs­se Kin­der in die Lage ver­set­zen, sich gegen sexu­el­le Über­grif­fe zu weh­ren? Wer wol­le den Klei­nen heu­te noch eine Spra­che an die Hand geben, die es ermög­li­chen wür­de, über Sexua­li­tät zu spre­chen? Es sei doch damals um die Eman­zi­pa­ti­on der Kin­der gegan­gen, die ohne Sprach­ver­bo­te in der Lage sein soll­ten, sich gegen sexu­el­le Über­grif­fe zu weh­ren!
Nun setzt er sich, wie einer der vie­len Lin­ken, die alt wer­den und immer auf der rich­ti­gen Sei­te stan­den, um, wie es in einem Bon­mot heisst, trotz­dem zwi­schen abge­grif­fe­nen Schall­plat­ten und ver­staub­ten Büchern zu ster­ben.
Ver­mut­lich hat Herr Demand einen Schlag­an­fall gehabt, das Gesicht ist fast unmerk­lich ver­zo­gen und die Lin­ke etwas lang­sa­mer in den Bewe­gun­gen als die Rech­te. Was bleibt von der Uto­pie, wenn die eigent­li­chen Geg­ner Krampf­adern, zitt­ri­ge Hän­de und Inkon­ti­nenz sind, wenn der Ver­fall des Flei­sches grau­sa­mer ist als der Ver­fall des gesell­schaft­li­chen Kör­pers? Wenn das Leben kei­nes­wegs ver­geht wie eine Spur im Sand, wie es Fou­cault beschrie­ben hat­te?
 
Text­aus­zug aus Baa­ru­cka oder die Gas­se der Blin­den, Kap.: 25. Febru­ar 2001, etwai­ge Ähn­lich­kei­ten von Herrn Demand mit leben­den Per­so­nen wären rein zufäl­lig