Das Geheimnis der Mönche

Theologie

Wir blickten auf die Saône, die breit und träge an der mittelalterlichen Stadt vorbei floß. Auf dem Strom lagen Yachten an Stegen vertäut, offenbar mieden die Skipper die gefährliche herbstliche Fahrt durch die Biskaya um ins Mittelmeer zu kommen. Der Bruder, mit dem ich den Ausflug machte, schaute auf die Schiffe, wir tranken Kaffee und aßen Kuchen, den wir mitgenommen hatten. Auf einmal fragte er mich, welche der Yachten wohl seegängig sei, er wusste, ich hatte früher Wochen auf hoher See verbracht. Ich antwortete, das hinge von Ballast und Unterwasseschiff ab, aber die Antwort lief ins Leere. Ich spürte die leise feine Sehnsucht des Bruders, obwohl er in Spanien und Südamerika gelebt hatte, aber ich redete nicht weiter. Es war alles gesagt, vor uns glitzerte die Saône im Herbstlicht, ich spürte die unausgesprochene Sehnsucht und Verletzlichkeit meines Begleiters, obwohl dessen breite Schultern so wirkten, als gäbe es kein Hindernis für sie.

Am letzten Tag aßen wir zu dritt, ein alter Bruder war auch am Tisch, er hatte mit großem Interesse meinen Essay gelesen, ein Mann, der über Achtzig war und seit langem in Brasilien in einer Stadt unweit von Salvador der Bahia lebte und Anspechpartner für die Kids, die in Bandenkriegen verwickelt waren, war. Für Touristen ist Salvador de Bahia eine pittoreske Kulisse aus barocken Häusern, die, wie der alte Bruder versicherte, leer stehen und, wie ich sehen durfte, geschützt durch Polizeieinheiten mit automatischen Waffen eine Sonderzone für Touristen unter nächtlichen Flutlicht bilden, denn ringsum erstrecken sich Armenquartiere scheinbar ohne jedes Ende. Er würde nächste Woche wieder zurück kehren, sagte der Bruder, aber sein Wunsch sei es immer gewesen, wenigstens einmal die Reise mit dem Schiff zu machen. Plötzlich fühlte ich mich nackt, ich hatte von meiner Fahrt erzählt. Ich sah den Moment da der Anker aus der Klüse der Dreimastbark, auf der ich aus Europa gekommen war, gerauscht war. Hatte ich das etwa nur erzählt um mich interessant zu machen? War die Fahrt über die Weite des Meeres tatsächlich eines der wenigen tiefen Ereignisse in meinem Leben?

Wer sind wir, dachte ich, die wir in der Kulturwelt der großen Städte leben, was sind wir ausser Akteure unseres eigenen Geltungsdranges? Was? Die Bescheidenheit der Brüder beschämte mich, die Maske meiner persona, die wir Ich nennen, trug hässliche Züge. Ich fühlte mich wie Rambo, der bei Kaffee und Kuchen sitzt und seine Automatic auf die Serviette neben der Sachertorte legt. Es war kein gutes Bild von mir, das sich mir da zeigte, doch war ich nicht in der Lage, meine Sehnsucht nach einer Welt ohne Zurschaustellung des Selbst zu offenbaren. Im Gegenteil, es war als stopfe ich all dies wie ein schmutzige Serviette in mich hinein um nicht bloß dazustehen.

Die Brüder verzichteten darauf, gelten zu wollen, sie waren da, mehr nicht. Die Frage wer welchen Rang einnimmt, interessierte sie anscheinend überhaupt nicht, dazu seien sie viel zu scheu, hieß es. Wie viele große Meister in extremen Sportarten unter extremen Bedingungen strahlten die Mönche unaufgeregte Klarheit und Demut aus. Die Conversatio Morum, die innere Arbeit an der Umkehr aller misslichen Gewohnheiten, gleicht wohl dem konstanten Training eines Athleten. Ein Bewusstsein, das sich wie ein Bergsteiger im Eis vor Absturz bewahren muss, wird vorsichtig und achtsam werden gegenüber den kleinen Nachlässigkeiten, die einen großen Absturz auslösen können. Wie an Bord kommt die Praxis der Gemeinschaft dazu, die ohne ständige Aufmerksamkeit und Einhegung des Ichs niemals gelingen kann, es denn man will auf See in einem Albtraum enden.

Für diejenigen, die einen spirituellen Meister suchen, sind Klarheit und Demut sichere Anzeichen eines geglückten spirituellen Weges, sei es im monastischen Umfeld oder anderswo. Wer sich als Lehrer oder Lehrerin wie ein balzender Vogel aufplustert, ist alles, nur kein sicherer Hirte durch die Abgründe unseres Selbst, geschweige denn durch die Illusionen, die wir als kulturelle Gewissheit und Sicherheit des Denkens begreifen. Das schließt die Methodik, mit der nach Klarheit gesucht wird, ein. Mit Ironie und Distanz sollte auf das eigene Tun geblickt werden. Man sollte sich eher als jemand begreifen, der nicht Lehren besitzt sondern im Gehen gelernt hat, welche Fallen auf einen warten könnten. Im spirituellen Leben kommt die außerordentlich schwierige Unterscheidung der Geister dazu. Diejenigen, die Opfer ihrer selbst hätten werden können, lässt sie weise und vorsichtig gegenüber sich selbst werden.

Es geht ja um die große Reise, die ohne Wiederkehr.