Samenspender

Fiction

Da steht Luise jetzt in dem Zimmer und weiß nicht, wie sie sagen soll, was sie getan hat. Ihr Freund sitzt am Schreibtisch und geht noch wie immer die Emails durch, die er in nicht im Büro hatte bewältigen können. Sie könnte ihm noch einen Tee machen und sich neben ihn setzen, aber er wird wohl nur sagen, er habe noch zu tun. Es ist spät, aber beide haben nicht zusammen gegessen, weil er noch in einer Sitzung sein musste, da der neueste Pitch vorbereitet werden musste. Es sei jetzt viel zu tun, sagt er, die Herbstkampagnen müssten vorbereitet werden und jetzt sei dieser Pitch dazugekommen, der die Agentur auf ein neues Level heben würde. Ihr Freund wird jetzt noch bis spät in die Nacht da sitzen, gebeugt über sein Macbook, es gehe, wie er kurz gesagt hatte, um irgendein digitales Projekt, aber Luise hatte nicht zugehört, wie denn auch, nach dem, was heute geschehen war. Warum merkt er nichts, sagt sie sich, Markus müsste es doch spüren, natürlich spürt man es bei einer Frau, vor allem bei einer Frau, mit der man Bett und Wohnung teilt.

Markus ist anders geworden, der Rücken fester und verhärteter, der Bauch weicher, die Stimme fester und gemessener, distanzierter und machtbewusster, seit er öfters nach London und New York fliegt, um die Kampagnen abzugleichen, die angesichts der Klimakrise entworfen werde. Aber trotzdem war heute geplant gewesen, man muss ja auch die Tage achten, Verkehr zu haben um in neun Monaten das Gastzimmer in ein Kinderzimmer verwandeln. Im Wohnzimmer ist alles sauber, die Vintage Sessel im dänischen Design sind heute geliefert worden, ihrer Holzlehnen riechen noch nach frischem Lack, irgendwie ist es für Luise gleichgültig jetzt, die Haut erinnert sich noch an ganz andere Oberflächen, die an einigen Stellen fast so hart wie Holz gewesen waren und anderswo weich, samtig fast, dabei war es nichtmal etwaige puppengleiche Schönheit, die sie in den Bann geschlagen hatte, denn es war, als wechselte bitterer, abgeschlossener Ernst mit spitzbübischen Lachen, wie ein Tag im April, der launisch zwischen Schnee und Sonne pendelt. Es war nicht augenscheinige Attraktivität gewesen, nein, geschweige denn irgendein Stil, er trug ja die hilflosen Sachen armer junger Männer, Hosen, die nicht ganz passen, verschossene Sweatshirts und dünne Turnschuhe, dazu ein paar Bartstoppeln, nichts, was eigen oder besonders gewesen wäre. Kann es sein, dass ein einziges Wort, ein einziger Satz trotzdem alles verändert, das ganze Bisherige in den Wind schleudert als wäre es eine Festplatte, die neu formatiert würde?

Da waren ja die Hände gewesen, die Luises Kopf umfasst hatten und ihn einen Moment lang gehalten hatten, bevor sie sich hatte wegtreiben lassen als wäre sie ein Blatt im Wind, außer sich vor Erwartung und Furcht, nur gehalten von den großen Händen und den klaren Augen, die sie unverwandt anschauten.

– Hast Du Angst, war seine Frage und seine schlanken Finger strichen über ihre Wangen, als wäre sie ein Teenager, der zum ersten Mal mit einem Jungen zusammen ist.

Luise dreht sich um und nimmt ihren iPad, um auf der Couch zu lesen, als wäre die digitale Welt ansteckend. Ihr Freund wird noch nach der Arbeit an dem Pitch eine Stunde seine Mails schreiben, das ahnt sie und setzt sich, als wäre das digitale Miteinander eine Kur um das Beben in ihr zu beruhigen. Es war mehr gewesen, als die kurze Ekstase, mehr als der Nachmittag, der ihr gefolgt war, dessen war sie sicher, aber was sollte sie sagen? Es hatte ja niemand gemerkt, dass sie trotz anstehender Projekte heute erst Abends gekommen war, ihr Freund war ja in der Arbeit und ihr Vater hatte ja wie immer sie am frühen Morgen zum Bahnhof gebracht in seiner Mischung aus übergroßer Fürsorge und unsicherer Männlichkeit, da er seit einem halben Jahr Rentner war und nichts zu tun wußte mit sich. Er würde dann traurig in seinem Lederblouson im Auto sitzen und an den Zug denken, der seine Tochter nach Berlin bringen würde, aber das war immer so gewesen die letzten Jahren.

Dann war der Fremde neben ihr gestanden, hatte Vaters Traurigkeit und seine bislang vergebliche Sehnsucht nach Enkelkindern verdrängt. Der junge Fremde war durch den Gang mit großer Vorsicht gegangen, in seiner Hand war das Das Schloß von Kafka und ein großer Rucksack, dann nahm er das höfliche Sie als Anrede, ob er der Platz noch frei sei.

Und plötzlich wurde alles anders, können denn ein paar Stunden alles verändern auf immer?

Vielleicht waren es auch nur Worte am Anfang, freundliches Tasten, wohin man denn führe, wie hässlich der Bahnhof sei oder wie überfüllt und unpünktlich häufig die Züge.

Ja, sie war auch gereist, das Obligate, Thailand, USA und Spanien, als selbstständige Grafikerin fehlten ihr jetzt Zeit und Geld. Und er? Erzählte er aus Scham von tristen Travellern letzten Sommer in Budapest, die nichts von den Ländern, die sie durchreisten, wissen wollten. Ignorant seien sie gewesen, ignorant und versessen Eindrücke zu konsumieren, darum lese er und wandere allein zu Fuß oder nähme die Bahn, er bekäme in Flughäfen Angstzustände, sagte er, was befremdlich wirkte angesichts der großen, schlanken Hände und der breiten Schultern mit den sehnigen Armen. Flughäfen seien furchtbar, fast so schlimm wie IKEA, er rede dumm, sagte er, wie so viele Leute, die auf cool machen würden, er wisse doch nichts.

– Warum, die Frage?

Er habe nie die Schule abgeschlossen, sagte er, er sei jetzt bei seinen Eltern gewesen, die nur mit sich, dem Alkohol, Tabletten und ihren Sorgen beschäftigt waren. Der Fremde hatte große, offene Augen, mit denen er lustig zwinkern konnte, aber zugleich ernste, strenge Züge, ein schmales Gesicht mit großer Nase und schlanke Hände, denen man aber ansah, dass er mit ihnen Geld verdiente. Vielleicht reparierte er Dinge, sie fragte nach, er sah kurz zu Boden, ein befristeter Job als Gärtner, mit zeitweiligen Auftritten als Schauspieler in sozialen Projekten, in seiner Stimme schwang leichte Bitterkeit mit, sein Gesicht wurde hart und streng, Luise bemerkte das böse Muskelspiel in seinen Wangen.

– Du bist ein schöner Mann, das Kompliment entkam ihr ohne Absicht, dann schwieg sie wieder. Der Fremde nestelte sich aus einem der Shirts, die er übereinander wie Zwiebelschalen trug. Sie sah auf die feine Spur Haare, die sich über seinen flachen Bauch zog, dann zog der Fremde hastig sein Shirt zurecht. Da passierte es in ihr, ein Ozean der Erwartung brach in ihr auf, sickerte feucht weiter unten und ließ ihre Hände zittern, als wäre sie noch einmal ein Teenagerin, die in einem rosa Zimmer hausen muß. Allein seine Achseln riechen zu dürfen, dachte sie, aber ihre klügere Seite schob es auf fruchtbare Tage und die Hoffnung, mit Ende Dreißig noch ein Kind zu bekommen.

Jetzt steht Luise auf dem Balkon, langsam greift sei nach einer Zigarette. Es ist geschehen, das Schachbrett ist umgekippt, die Figuren sind am Boden. Sicher, eine befreundete Ärztin könnte alles arrangieren, für andere medikamentöse Lösungen müßte sie sich jetzt entscheiden.

Vielleicht gelingt es ihr ja, Markus doch zum Verkehr zu überreden? Aber vielleicht nein, er reagiert ja nicht, nein, wird er vielleicht in der Nacht sagen, nein, der Pitch ist wichtig, nächsten Monat, Liebes?

Es ist unmöglich, das ahnt sie. Kann man das, was jetzt in ihr ist, wegmachen? Doch wie ist das Leben, wenn das Kind in Armut aufwächst? Weil Markus nicht ein fremdes Kind aufziehen will? Wie denn auch, wenn sie ihn betrogen hat? Weil es kein Unfall war, sondern der törichte Gedanke, einfach einen späteren Zug beim Umsteigen zu nehmen um mit einem Fremden zu schlafen? Weil jetzt in ihr die rationale, berechnende Front alles andere niederschreit? Weil sie mit „du hättest“, „du hättest nicht sollen“ und einer weiteren, trostlosen Kaskade von Vorwürfen alles niedermachen will? Aber das Gespräch hatte einen immer engeren Kokon aus Nähe und Verstehen um sie gewoben, Luises Vater in seinem Lederblouson, Svens trinkende Eltern mit den sinnlosen Psychopharmaka, Markus mit der Karriere und dem allmählich sich verhärtenden Rücken, die trostlosen weiten Industrieäcker, die schon längst keine Insekten und Vögel mehr kennen und das Rauschen der See am Morgen. Er habe noch nicht alles gesehen, sagte Sven, für ihn sei vieles noch so neu, aber er sei ja noch jung. Luise dachte an Markus, der, wie sie sagte, immer wählerischer und statusbewusster würde. Sven sah sie erstaunt an, dann fragte er, warum sie ihren Freund nicht mehr liebe? Wußte sie eine Antwort? Wieso war Sven darauf gekommen? Was spürte er? Was wußte dieser Mensch eigentlich noch? Erschrocken sah sie Sven an, als hätte er etwas Unangenehmes berührt, er war jung, aber zugleich scheu und reserviert. Liebte sie Markus denn noch?

Und was machte sie jetzt, da die ersten Häuser der Stadt, in der Sven wohnte, vor dem Zugfenster vorbeiglitten? War sie es, die seine Hand auf einmal festhielt? Ist es so, dass es Gipfelpunkte gibt, in denen Minuten über alles entscheiden? Dass plötzlich die Zeit inne hält und nur dieser Blick alles entscheidet? Natürlich, nur ein Tee. Natürlich, aber was sonst? Svens Scheu war förmlich zu spüren, als er die Tür öffnete, die Wohnung war klein, ein Bett stand in der Ecke, Pflanzen waren überall und überraschend geschmackvolle Poster, es war ärmlich, eng, aber doch angenehm, mit einem einem wunderschönen Tisch aus Kirschholz in der engen Küche. Dachte Luise an Markus, als sie in der Küche Platz nahm? Dachte sie noch an ihn? War es ihr bewußt, dass sie bereit war, sein Leben zu ruinieren, indem sie ihn betrog? Da fassten Svens Hände ihre Hände, sie erschrak. Luise schluckte, seine Hände ließen sie ihre Finger nicht los, im Gegenteil, langsam fuhren sie ihre Handflächen ab.

– Willst Du ein Kind, fragte er, um sich gleich zu entschuldigen und die Hände zurückzuziehen, er blickte scheu nach unten um dann wieder zu lächeln und schließlich sie zu küssen. Seine Haut im Gesicht war weich, seine Zunge zart, aber die Hände waren rau und kräftig, ihr gefiel es, wie seine Finger unter ihrem Pullover nach dem Verschluss des BHs suchten, wie eine Ertrinkende riß sie ihm das Shirt vom Leib, fast zerfetzte sie es nur wegen dieser weißen Haut eines hageren, dünnen Mannes, der so fest zugreifen konnte und trotzdem gesagt hatte, er sei zu schwach, um Gärtner zu sein…

Luise nimmt einen Zug aus ihrer Zigarette. Vielleicht ist auch alles nur erfunden. Vielleicht wäre es auch nur eine Möglichkeit gewesen, die ihr jetzt durch den Kopf geistert, weil sie neben dem jungen Mann gesessen war und sich das alles nur erträumt hatte; sie sich erhofft hatte, der stille, ernste Mann mit den feinen Grübchen in der Wange und dem verschmitzten Lächeln würde ihr mehr schenken als nur ein Lächeln. Und jetzt, jetzt, da sie in den Hof blickt, weiß sie auch nicht mehr, ob sie nicht vielleicht sogar froh sein würde, wenn Markus diese ganze Nacht an dem Pitch arbeiten würde, oder ist es nur, dass sie, jetzt wo es vielleicht soweit sein würde, an den Fremden denkt, der Kafka las.