Pornografie des Barock

Berlin / Kunst

Aus­zug aus einem aktu­el­lem Schreib­pro­jekt. Hier geht es um die fei­nen Regeln der Dar­stel­lung, durch die Kul­tu­ren das Ter­ri­to­ri­um der Prü­de­rie abste­cken. Die frag­li­che Plas­tik aller­dings sprengt alle Gren­zen zuguns­ten der Por­no­gra­fie, wenn man die fei­nen Unter­schie­de in der Dar­stel­lung gewis­ser Orga­ne als Erklä­rung liest, wie die Plas­tik zu deu­ten sei. Der wei­te­re Text, der eine mög­li­che Les­art sehen will, ist, wie die Plas­tik, womög­lich nicht jugendfrei:

War­um man eine nack­te Frau, die sich gera­de befrie­digt hat, nur als schrei­en­de Frau bezeich­net, ist Mar­cel nie­mals klar gewe­sen. Ein Arm der Plas­tik ist ver­schwun­den, geblie­ben ist der unglaub­lich mus­ku­lö­se Kör­per und der zurück­ge­wor­fe­ne Kopf mit dem nur ange­deu­te­ten Gesicht. Die Frau faßt sich an den Kopf, ihre Bei­ne schei­nen sich wie im Schmerz zu bewe­gen, aber die Figur läßt schein­bar offen, ob es Orgas­mus oder Schmerz ist. Natür­lich, es ist eine Frau in tie­fem Schmerz, so darf die Plas­tik da ste­hen, dis­kret in der Ecke in einer Vitri­ne. Aber das Signum Schrei­en­de Frau stimmt für den Kun­di­gen natür­lich nicht, es ist ein Euphe­mis­mus um das ein­zig­ar­ti­ge Werk zu ver­ste­cken. Es ist ein son­der­ba­res Werk, ein­zig­ar­tig in der baro­cken Geschich­te Euro­pas, denn es zeigt Sexu­el­les in reins­ter und unge­teil­ter Form, ohne jede Prü­de­rie oder ohne jede Rück­sicht auf etwai­ge Kon­ven­tio­nen. Es gab in Euro­pa natür­lich Regeln mit denen sexu­el­le Kon­no­ta­tio­nen aus der Nackt­heit ver­wie­sen wur­den, win­zi­ge Kin­der­pe­nis­se bei Män­nern etwa oder fla­che, tel­ler­ar­ti­ge Brüs­te mit apfel­för­mi­ger Erhe­bung bei Frau­en, aber hier, hier wird durch die pral­len und unglaub­lich lebens­ech­te Brüs­te die­ser Frau die­sen Kon­ven­tio­nen förm­lich ins Gesicht gespuckt. Ja, hier geht es um Sex, wirk­lich um Sex, kei­ne blö­de Dia­na oder treu­doo­fe Maria in tran­szen­den­tem Schmerz, nein, schaut her, so sieht es aus, wenn eine jun­ge Arbei­te­rin sich gera­de befrie­digt. Seht doch hin, das sind Tit­ten, kei­ne ange­deu­te­ten Äpfel, hin­ter denen die Sün­de lau­ert, und jetzt, ihr Trot­tel, zwi­schen den Bei­nen war­tet eine Vagi­na, deren Kitz­ler ein Erd­be­ben schie­rer Kör­per­lich­keit aus­lö­sen kann. Allein die­se Wüs­te an Kraft in den mus­ku­lö­sen Schen­keln, die fast ver­krampft wir­ken, ein ein­zi­ges Geflecht aus Seh­nen und purem Fleisch, ange­spannt in äußers­ter Erre­gung und dar­über die­se in die Luft gestreck­ten Brüs­te, die abso­lut taug­lich für ein Pin Up auf einem ame­ri­ka­ni­schen Bom­ber sein könn­ten. Wun­der­bar geformt, fest und doch weich, abso­lut rea­lis­tisch! Was für Nip­pel! Was für eine Plas­tik! Man könn­te fast die Schreie der Arbei­te­rin hören und wür­de die noch nas­sen Fin­ger an den kräf­ti­gen Hän­den sehen, wür­de an das kör­per­li­che Beben der Erre­gung den­ken, wür­de er, denkt sich Mar­cel, auf Brüs­te sexu­ell ste­hen, er könn­te sich nicht von die­ser Figur lösen, son­dern müss­te Hand­ar­beit leis­ten wann immer er die­se abso­lut rea­lis­ti­sche Dar­stel­lung betrach­ten wür­de. Was für eine muti­ge Kunst, die zeit­los alle Regeln der Epo­che negiert und selbst für Ken­ner kaum irgend­ei­ner Epo­che zuzu­wei­sen wäre! Angeb­lich stammt die­se Plas­tik aus den Nie­der­lan­den, rich­tig annon­ciert könn­te sie wohl einen ech­ten Knal­ler bil­den, welt­weit här­tes­ter Por­no aus dem Früh­ba­rock, Zutritt nur ab 18, mit Reser­vie­rung online min­des­tens 3 Tage im vor­aus und andäch­ti­gen, erek­ti­ons­be­rei­ten Schlan­gen an Besu­chern, die die völ­li­ge Sou­ve­rä­ni­tät ero­ti­scher Kunst aus einer Epo­che eines rigi­den und wach­sen­den Fun­da­men­ta­lis­mus bestau­nen, aber so? So fris­tet die gesichts­lo­se jun­ge Arbei­te­rin ein trau­ri­ges Schick­sal in einer Ecke zwi­schen gra­vi­tä­ti­schen, pelz­be­setz­ten From­men, ernst­ge­krümm­ten Wit­wen und einem Ensem­ble schreck­li­cher, ste­ri­ler Nack­ten mit Apfel­brüs­ten oder Body­buil­dings­kör­pern in abso­lut hirn­ris­si­gen Kampf­po­sen. Mul­ti­pler Jeff Koons des Früh­ba­rocks für die B‑Ausstattung euro­päi­scher Paläs­te, der so anhei­melnd wirkt wie das gol­de­ne, dia­mant­be­setz­te Bling, Bling in den Megaman­si­ons poli­tisch extrem erfolg­rei­cher Repu­bli­ka­ner in den USA. In die­sem Raum, der vol­ler Designun­fäl­len des frü­hen Baro­ckes ist, geht die­se Plas­tik, eine Per­le der Kunst, ein­fach gna­den­los unter […] Mar­cel geht zurück in die Mit­te des Rau­mes und starrt auf irgend­wel­che scheuß­li­che Brüs­te aus Bron­ze, die fast unmerk­lich künst­lich erschei­nen, flach, mit ange­deu­te­ter Apfel­form, die übli­che Codie­rung, dass Sexu­el­les hier kei­ne Rol­le spie­le son­dern es Varia­tio­nen grie­chi­scher Mytho­lo­gie sei­en. Lang­wei­li­ge Kunst für die Herr­schen­den, die hier ihre Welt­läu­fig­keit para­die­ren, sagt Mar­cel sich, war­um erklärt nie­mand den Besu­chern und Besu­che­rin­nen die Unter­schie­de zu der jun­gen Arbei­te­rin? War­um erläu­tert nie­mand die Prü­de­rie des Baro­ckes, die Nackt­heit andeu­tet aber so ste­reo­typ wer­den läßt, dass jeg­li­che Ero­tik ver­schwin­det und Brüs­te aus­se­hen, als rei­che die Schlan­ge erneut einen Apfel. Warum?”

Die frag­li­che Plas­tik befin­det sich im Bode-Muse­um Ber­lin. Um etwai­ger Erre­gung kei­nen Vor­schub zu leis­ten und die Span­nung vor dem Besuch zu erhö­hen, wur­de auf ein Bild verzichtet.