Nacht ohne Augen

Fiction

EINE KURZGESCHICHTE

Was ist das für ein Drehbuch, dachte ich mir, was für eine Geschichte, ich hätte mich nie dazu bereit erklären lassen sollen, auch nur ein Blick hinein zu werfen, sage ich mir, niemals hätte ich einen Blick riskieren dürfen, keine einzige Silbe hätte ich lesen dürfen, aber die Autorin ist die Nichte einer entfernten Bekannten, die jetzt an der Filmhochschule ihren ersten Abschlussfilm produziert hat, eine unverfängliche Liebesgeschichte, wie ich gehört habe.
Ich zögere, die Dinge kehren zurück, ich sehe den halbnackten Mann neben mir in dem schäbigen Zimmer zum Hinterhof in Hamburg. Ich war damals noch jünger als die Nichte und dachte, der Fluss der Zeit trüge im Augenblick eine Qualität wie nie zuvor in sich. Ich kann diese Erinnerung nicht ertragen, ich sehe das winzige Zimmer mit dem Plattenspieler und den leeren Bierflaschen im Träger, und ich habe den halbnackten Mann vor Augen, in dessen Gesicht ich das Alb meines Lebens sehen sollte. Es gab noch Ölöfen und man rauchte im Bett, aber er, der neben mir lag, schlief trotz seiner sehnigen und kräftigen Arme eingekrümmt wie ein ängstliches Kind. Die Jahre sind seitdem vergangen, wie ein Strom, der dahinfliesst, aber der Fluss trug nie die Erinnerung fort, es ist so, als wäre es gestern, als wäre ich immer noch der hagere Student mit den verschossenen Pullovern damals mit dem Blick in den engen Hof. Jetzt stehe ich in meinem Büro, aber über diese Nacht habe ich nie geschrieben. Nie habe ich davon gesprochen. Nun sehe ich das Drehbuch, das die Nichte verfasst hat und was sie in einen Kinofilm verwandeln will, auf meinem Schreibtisch. Ihr erstes großes Projekt, für das sie jetzt einen Produzenten sucht, sowie Geldgeber und Lektoren. Sie nahm es als selbstverständlich, dass ich die Lektüre vornehmen wollte, als sie mir das Drehbuch vorbeibrachte. Ich sah sie an, sie ist eine blendend schöne junge Frau, aber was soll ich sagen, die Frauen sind ja sehr groß gewachsen heutzutage, vielleicht erklärt das ihre etwas burschikose Art, mit der sie die Bitte an mich herantrug. Sie weiss, dass sie hübsch ist, gutaussehend und gewohnt, mit jedem Zoll ihres Körpers zu wuchern. Ich wiegelte mit einem Hinweis auf die für die nächsten Jahre bereits geplanten Projekte ab, mit einem Lächeln, das alles als selbstverständlich nimmt, entschuldigte sie sich. Ob ich nicht eine Empfehlung schreiben könnte, meinte sie, eine Kriminalgeschichte sei es, sagte sie, eine Geschichte, die in ihrer Radikalität zwingend verfilmt werden müsse. Sie redete mit dem Selbstverständnis derer, die immer im Zentrum der Fürsorge gestanden waren. Nun sehe ich dieses Treppenhaus von damals vor mir, ich höre wieder das Pochen, ich ertrage es nicht, das Pochen wieder im Ohr zu haben, das verwüstete Gesicht zu sehen. Mein Angebot an meine Bekannte war ein Fehler, die Nichte erwartet sicherlich eine detaillierte Antwort, wenn ich ihr das Drehbuch zurückschicke, als wäre ich ihr das schuldig. Was soll ich machen? Ich kann es ihr nicht sagen, sie wird es nicht verstehen, ich weiß nicht, ob sie etwas fühlt. Ich sehe diesen Text vor mir und frage mich, ob sie eines jener Geschöpfe ist, die alle Empfindungen ihrem Fortkommen opfern. Vielleicht ist sie kalt wie Eis, rational und berechnend, auch in der Liebe, sie hat ja gute Karten, um an Aufmerksamkeit zu erhalten, was sie wünscht. Was hat sie verfasst? Eine Geschichte der Berechnung, der lauernden Füchse, einer Rotte, die einander nichts gönnt. Figuren, die entworfen werden sind wie Lauernde auf der Bühne, kleine Wölfe, auf ihr Fortkommen bedacht, ich weiß, das Geschäft des gesellschaftlichen Aufstieges ist grausam, aber das ist es nicht. Ich sehe diese Klarsichtfolie vor mir, den Manuskriptdeckel, der im elektrischen Licht wie Eis glänzt. Das Material ist glatt, es spiegelt das Licht, es ist kalt, kalt wie die Sexualität, die die Autorin entwirft. Nähe, die keine ist, aber ich kann diesen Text nicht weiterlesen, ich ertrage ihn nicht, ich sehe die Wohnung mit Aussentoilette vor mir, ich höre das Pochen als wäre es heute, ich sehe das verwüstete Gesicht durch den Türspion, die Augen mit den Ringen einer schlaflosen Nacht, ich muss aufstehen, ich brauche Luft. Ich ertrage ihre Vorstellung nicht, dass ein Mörder in der Nacht nach der Tat mit einer Frau schläft, gerade in jener Nacht mit ihr schläft, da er zum Mörder geworden ist. Die Frau merkt es nicht, sie spürt nicht, dass der Mensch, den sie hält, getötet hat. Ich muss abbrechen, ich errege mich so, ich spüre immer noch meine Hand am Türknauf, sehe mich den Türspion vorsichtig nach oben schieben, ich sehe die fettigen Haare noch immer vor mir, ich weiß nun, man errettet sich nicht vor den anderen in der Nacht. Die Haut trägt keine Erlösung und keine Hoffnung, die Gier wollte es es, die Gier fragt nicht nach dem Wohin und dem Wieso, nach der Dauer und der Wärme, man errettet sich nicht in der Nacht. Später errettet man sich allenfalls voreinander. Aber was denke ich, ich ärgere mich, ich muss in das Freie, ich kann die Geschichte nicht glauben, die da geschrieben wurde.
Ist es so, dass diese Frau in dem Film so kalt sein soll, dass sie nicht spürt, dass sie nie spüren will, wer ihr Befriedigung verschafft? Eine tragende Figur schläft mit noch in derselben Nacht mit Täter, ohne zu ahnen, was passiert ist? Man soll im Film den Erschlagenen erst später am Boden liegen sehen. Ich weiß, sage ich mir, die Autorin ist in einem behüteten Rahmen aufgewachsen und hat erst vier Semester Literatur studiert, ehe sie an die Filmhochschule genommen wurde, vielleicht ist ihre Geschichte mit künstlicher sozialer Realität erfüllt wie sie. Oder ist man so kalt, dass man einen Totschlag einfach überspielen kann? Ist es so, dass jetzt die gemeinsam geteilten Nächte so kalt sind, dass zwei Körper sich so verbergen? Das Manuskript gibt keine Antwort. Ein kaltes Design haben alle Figuren erhalten, sage ich mir, pathetisch klar sind sie in ihrem Drang, zu gewinnen. Ich gebe der Sekretärin Bescheid und gehe das Stiegenhaus hinunter. Ich öffne die Haustür.Ich höre das Pochen noch, ich sehe mich im Bademantel im Flur stehen. Niemand weiß davon, ich habe es niemanden erzählt, niemand kennt die Geschichte, ich sehe das verwüstete Gesicht, die Augen, die so tief lagen, die hageren Wangenknochen, ich kannte ihn, der da geklopft hatte. Er flehte, komm, wollen wir ein Bier trinken gehen, ich gebe die Getränke aus, er stand da, verwüstet und wie in Trance, Schweiß perlte auf seiner Stirn, ich sehe die Koteletten vor mir, den Anflug eines Bartes, die Kette unter dem halb offen stehendem Hemd und die fettige Lederjacke, ein Kleinkrimineller war er gewesen. Er klopfte, warum ich nicht öffnen würde, sagte er, er müsse mich sprechen, jetzt, sofort, aber ich schwieg, ich spürte einen düsteren Hauch, eine metaphysische Wucht, ich hatte Angst, nicht vor der Bar um die Ecke, aber ich hatte Angst, es war als Stünde hinter ihm ein Grau, ein ungeheures Schwarz, ein Meer von Dehumanisierung und Gewalt, was den Menschen verschlingt und überwältigt. Es war Angst, das sah ich, er hatte eine Niederlage erlitten, die schlimmer war als alles andere. Er fror, als hätte er Fieber. Schwarz war über ihn hereingebrochen, es hatte ihn überwältigt, ich spürte und ahnte es mit leuchtender Klarheit, er hatte kurz vorher einen Menschen getötet. Ich wusste es. Es war so, es war ein eisiges luzides Erkennen, das in mir sprach. Er wollte Reden, um der Verurteilung zu entkommen, jener Verurteilung, die aus der eigenen Seele entspringt. Er wollte meine Stimme, meine Gegenwart, meinen Trost und meine Verzeihung, wohl weniger meine Hilfe. Er pochte an die Tür, ich öffnete nicht. Ich stand barfuss im Flur und wartete, ich hörte den Schlag mit dem er gegen die Tür trat, einmal, ein zweites Mal, dann wartete er, ich auch, ich wusste, er ist stark genug um die Tür einzutreten. Ich war allein, es war ein Sonntag, ich wartete, um das Bersten des Holzes zu hören, ich sah die splitternde Tür vor mir, es wird das Präludium meiner brechenden Knochen sein, sagte ich mir, ich stand da, ich sah immer noch diesen ungeheuren Schmerz in seinem Gesicht, diesen ungeheuren Schmerz, diese Leere, ein Schmerz, der alles ausfüllte, was er war. Aber dann waren nur die Schritte, die auf den Treppenstufen zu hören waren. Ich stand auf, ging vorsichtig herunter, irgendwelche Männer liefen laut debattierend über die Strasse, aber der, der geklopft hatte, war verschwunden. Ich sah sein Gesicht vor dem Kiosk am übernächsten Morgen, es prangte auf allen Zeitungen. Er hatte schon in der Nacht vorher seinen Stiefvater erschlagen. Ich kaufte keine Zeitung, als wolle ich nicht wissen, was passiert war. Der Täter sei flüchtig, las ich nur. Vielleicht war er in der letzten Nacht in einen Zug gestiegen, hoffte ich, aber wer denkt klar in diesem Zustand? Blieben ihm nicht nur die Passagen in Marseille, wo Tag und Nacht die Anwerbestationen der Fremdenlegion geöffnet waren? Man sagte damals, dort blinke ein Licht die ganze Nacht, damit jeder die Legion fände. Ich wusste, mein Besuch war sportlich genug um rekrutiert zu werden, ausreichend Zeit für den Nachtzug nach Paris war gewesen. Ich habe nie etwas mehr über ihn gehört, vielleicht hat man ihn auch verhaftet irgendwo auf dem Land, nach einem halben oder einem Jahr. Vielleicht ist er auch irgendwo in Afrika gefallen. Damals war in mir alles still. Ich wusste nicht, was tun. Ich ging an dem Morgen zur Hafenstrasse, ich sah einen Frachter stromauf laufen, Schlepper begleiteten ihn, es war ein kühler Herbstmorgen, leicht neblig, das Schiff war nur ein Schemen im Fluss. Ich fröstelte, ich hatte den Mantel vergessen, es war das Ende meiner Unschuld. Was soll ich sagen, ich weiß es nicht, sieht die junge Autorin nicht, dass Gewalt wie der Hauch des Frostes ist? Oder ist sie fühllos, dass sie den Nächsten nicht spürt? Ich weiß nicht, was ich sagen werde, vielleicht werde ich das Drehbuch zurückschicken und eine Antwort verfassen, die sowenig preisgibt wie ihre Figuren in der Nacht.