Paulus und die Schwulen

Nonfiction / Theologie

Sind für die Bibel Schwu­le ulti­ma­ti­ve Sün­der?

Dar­um hat sie auch Gott dahin­ge­ge­ben in schänd­li­che Lüs­te: denn ihre Wei­ber haben ver­wan­delt den natür­li­chen Brauch in den unna­tür­li­chen; des­glei­chen auch die Män­ner haben ver­las­sen den natür­li­chen Brauch des Wei­bes und sind anein­an­der erhitzt in ihren Lüs­ten und haben Mann mit Mann Schan­de getrie­ben und den Lohn ihres Irr­tums (wie es denn sein soll­te) an sich selbst emp­fan­gen.“

Jeder auf­ge­klär­te Christ hat es schwer, will er sich mit der Homo­se­xua­li­tät arran­gie­ren (den Kon­ser­va­ti­ven und Fun­da­men­ta­lis­ten stellt sich die­se Fra­ge erst gar nicht) und gleich­zei­tig nicht sei­nen Glau­ben über Bord wer­fen, denn gleich am Anfang des Römer­brie­fes, nach der obli­ga­to­ri­schen Gruss­adres­se, steht die­ser Text als ers­te Kon­se­quenz des­sen, dass die Men­schen das Geschöpf und nicht mehr den Schöp­fer anbe­ten wür­den. Klein reden lässt sich der Text von Pau­lus nicht, zu wuch­tig ist es in der pro­mi­nen­tes­ten Stel­le des Römer­brie­fes ver­an­kert.

Die katho­li­sche Kir­che hat dar­aus die Kon­struk­ti­on der wider­na­tür­li­chen Sexua­li­tät abge­lei­tet und die sexu­el­le Ver­feh­lung an sich als die ers­te und am tiefs­ten gehen­de defi­niert. Weni­ger haben sich die Theo­lo­gen gefragt, war­um dies gera­de am Anfang des Brie­fes an die Römer steht — des ers­ten Brie­fes der pau­li­ni­schen Brief­samm­lung, der dazu an das Zen­trum des Impe­ri­ums gerich­tet ist.

Rom war ja nicht irgend­ei­ne Klein­stadt, nein, ein urba­nes Kon­glo­me­rat wie es es noch nie gege­ben hat­te, eine Metro­po­le mit über einer Mil­li­on Ein­woh­nern, mehr­ge­schos­si­gen Miets­ka­ser­nen, Sta­di­en, Thea­tern und Ther­men. Sym­bol eines Cäsars, der sich als gött­lich ernann­te, des­sen Lega­ten und Vize­kon­suln Mil­li­ar­dä­re, wie wir heu­te rech­nen wür­den, wur­den, weil sie die Reich­tü­mer ihrer Herr­schafts­ge­bie­te in ihre Por­to­kas­se über­füh­ren durf­ten. Rom als das stärks­te, größ­te und am meis­ten durch­ka­pi­ta­li­sier­te Impe­ri­um, so sag­ten die Apo­ka­lyp­ti­ker, sei ohne Stei­ge­rung.

Und, da soll so ein biss­chen Anal­sex das Schlimms­te sein? In der Tat, sagt Pau­lus.

Aber es fragt sich nie­mand in der theo­lo­gi­schen Dis­kus­si­on des Römer­brie­fes, wie denn die anti­ke, römi­sche Homo­se­xua­li­tät aus­sah und wie sie gesell­schaft­lich ver­an­kert war — und was sie von der der Grie­chen unter­schied. Der anti­ke freie Mann war im römi­schen Impe­ri­um nach der Lex Scan­ti­nia frei als Akti­ver sich zu neh­men, wen er als Unfrei­en oder Pro­sti­tu­ier­ten woll­te. Wich­tig war, wie Michel Fou­cault über das Traum­buch des Artem­idor schreibt, dass der Akt der Pene­tra­ti­on der sozia­len Dif­fe­renz ent­sprach, der Pas­si­ve der Jün­ge­re, Ärme­re, Rang­nie­de­re ist, dass dabei die Hier­ar­chie gewahrt und bestä­tigt wird — männ­li­che römi­sche Her­an­wach­sen­de, die frei und reich gebo­ren waren, tru­gen die bul­la, ein Amu­lett, als Zei­chen dass sie off limits waren.

Der heu­ti­ge Schwu­le, der gleich­ran­gi­ge liebt und für den es, was sei­nen Sta­tus angeht, egal ist, wer im Bett unten und wer oben ist, der ist als öffent­lich vor­han­de­nes Rol­len­mo­dell in der römi­schen Anti­ke nicht da, nicht vor­han­den, nicht sicht­bar und nicht ein­mal vor­stell­bar. Rein pas­si­ve erwach­se­ne Homo­se­xu­el­le wur­den, wenn sie Glück hat­ten, abge­drängt in die Rol­le der Hure, des Trans­ves­ti­ten — die anti­ken Män­ner Roms konn­ten als Akti­ve in der von Rang­un­ter­schie­den gepräg­ten Öffent­lich­keit in ihrem Sta­tus gar nicht unter­schei­den zwi­schen Frau­en, Pro­sti­tu­ier­ten und Skla­ven oder zwi­schen Homo­se­xua­li­tät und Hete­ro­se­xua­li­tät. Sie voll­zo­gen die Pene­tra­ti­on immer im Hin­ter­grund als einen Akt der hier­ar­chi­schen Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Eine ande­re Vor­stel­lung von sich als sexu­el­lem Sub­jekt hat­ten sie nicht. Die Fra­ge der Lei­den­schaft redu­ziert sich auf die tra­gi­sche Sehn­sucht des Älte­ren nach dem Jün­ge­ren, der aber nur die Ver­kör­pe­rung der Schön­heit und der Jugend ist, so wie Kai­ser Hadri­an Anti­noos ver­ehrt hat­te.

Nimmt man die­se Sicht­wei­se an, ist der lite­ra­ri­sche Auf­bau des Pau­lus­brie­fes zwin­gend, die Men­schen haben den Kai­ser als gött­li­che Ver­kör­pe­rung der Macht erwählt und weil sie so gewählt haben, sind, vul­gär gesagt, die frei­en Män­ner gewohnt Skla­ven und Pro­sti­tu­ier­te zu ficken und die ande­ren, gesell­schaft­lich unfrei­en, ihren Arsch hin­zu­hal­ten.

Lapi­dar und böse. Und trotz­dem so geschrie­ben, dass eine ande­re Les­art mög­lich ist, wie immer, wenn in Ver­hält­nis­sen geschrie­ben wird, bei denen eine Kri­tik an der insti­tu­tio­nel­len Macht rigo­ros unter­bun­den wird: Water­boar­ding? Ver­ste­hen wir die Römer da nicht falsch, mit sol­chen Peti­tes­sen gaben römi­sche Voll­stre­cker sich gar­nicht erst ab, wenn es dar­um ging, für das Impe­ri­um und den Kai­ser zu fol­tern. Rom war, wie wir heu­te sagen wür­den, eine bru­ta­le Dik­ta­tur und jeder, der in der Nord­ko­rea, Chi­na oder dem Iran auf­ge­wach­sen ist, wird eben­so nie anders als Pau­lus regime­kri­ti­sche Tex­te gele­sen und geschrie­ben haben.

Aber das ist die ver­ges­se­ne, sozu­sa­gen okkul­te Les­art des Tex­tes, die die Macht als Quel­le allen Übels sieht, wäh­rend die gebräuch­li­che dazu führt, dass die Schwu­len aus dem Him­mel ver­bannt wer­den und die Kir­che sich dis­kret in das war­me, wei­che Bett der Macht legt.

Foto: Trans­ge­nia­ler CSD 2011. Die tote Rat­te, die sie auf der Stras­se gefun­den hat­ten, so haben die Punks mir erzählt, wur­de spä­ter ord­nungs­ge­mäss der Poli­zei über­ge­ben. Dank glück­li­cher, lei­der meist gegen die Kir­che errun­ge­ner Libe­ra­li­sie­rung, muss­te nur die Rat­te den CSD in der Poli­zei­wan­ne ver­brin­gen. Mehr zu dem The­ma: Auf­stand und Apo­ka­lyp­se