berlin modern

Architektur / Berlin / Fotografie

Zwischen zwei absolut meisterhaften und einander diametral widersprechenden Solitären, der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe und der Neuen Philharmonie von Hans Scharoun, entsteht ein Gebäude, das auf den ersten Blick wie ein überdimensionierter, entsetzlich aufgequollener Zweckbau von ALDI wirken könnte: berlin modern. ”Ja, ein HAUS, keine abstrakte Form, weil sie reiner und perfekter als Mies von der Rohe’s Nationalgalerie nicht werden könnte. Auch keine organische, spielerische Komposition, weil sie immer im Widerstreit stünde mit Scharoun’s Philharmonie.“

Jahrzehnte blieb das Gelände zwischen den Bauten ein Ort herausragender Tristesse. Auch wenn beide Bauwerke für sich Meisterwerke sind, hat nur der erhöhte Sockel der Neuen Nationalgalerie so etwas wie einen belebten Raum schaffen können, ansonsten war das Gelände ein tristes Sammelsurium beziehungsloser Solitäre. Es könnte Symbol sein für das häufige Scheitern der Moderne, bergendende Orte zu errichten. Ausser der erhöhten und umfassten Terrasse der Nationalgalerie gab es für Spaziergänger keinen Ort in dem Areal, der nicht ästhetisches Grauen erwecken würde. Das Debakel hätte auch eine Visualisierung der Singulariserung des Einzelnen in der Moderne sein können, insofern war das Ensemble in seiner Kakophonie weit mehr als eine Offenbarung mißglückter städtebaulicher Konzeption. Dazu durchschneidet eine vierspurige Straße das Gelände, am Ende ist das belanglose, kommerziell orientierte Konglomerat an Bauten des Potsdamer Platzes zu sehen. Oder, wie es Jaques Meuron in einem Interview ausgedrückt hatte: ”Es ist kein städtischer Raum, sondern eine Brache.“ Viel von ihr war Parkplatz.

Der in die Fläche ausgeuferte Neubau wird Ränder und Plätze definieren, wo vorher kein bergender Raum war. Er verweigert sich der große Geste, wirkt für den wohlgesonnenen Blick wie ein riesiges Chalet und schafft eine ”eigenständige, selbstverständliche und offene Form, die den Menschen und seine Begegnungen mit Kunst in den Vordergrund rückt und die bestehenden Gebäude zu einem städtebaulichen Ganzen verbindet.“

Genauer und präziser kann man die Aufgabe, die zu lösen war, nicht umschreiben. In seiner Haltung, das Bestehende zu heilen und dabei nicht mit Meisterwerken Konkurrieren zu wollen, ist der entstehende Bau ein absolutes Meisterwerk. Er könnte auch eine Visualisierung dessen werden, was der atomisierten, spätkapitalistischen Gesellschaft fehlt, das bergende Ganze, aber Herzog de Meuron verweigern hier jeden Pathos. Sie schaffen hier lediglich eine respektvolle Textur, die weit über die Gegenwart hinausreicht, ein Haus, das Geborgenheit schafft indem es den Raum, der vor ihm liegt, einfasst und wieder behaust.

Alle Zitate und das Interview sind der Webseite von Herzog de Meuron entnommen. Fotos: Herbst 2026. Dazu passt ein Beitrag über neue britische Architektur.