Der Reisende

Fiction / Theologie

Der ältere Herr mit der schweren Brille saß in dem Zug, der nach Süden fuhr. Hinter den Scheiben glitten weite Felder und Schlote von Industriekomplexen vorbei, aber dann fiel sein Blick wieder auf den Ipad.

„Sehr geehrter Herr Kaluza,

Ihre Email spricht von tiefer, echt empfundener Sehnsucht. Ich spüre eine große Aufrichtigkeit darin, ein sehr ernst empfundenes Suchen und reiche Empfindsamkeit. Das was sie mir in Ihrem Schreiben geschildert haben, ist so außergewöhnlich, so reich an Bildern, dass ich ich dankbar bin, daran teilhaben zu dürfen. Dennoch möchte ich Sie an Matthäus 7,15 erinnern, Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt. Dasselbe gilt für das, was wir in uns zu hören glauben, was wir glauben, gesehen zu haben, manche Eingebungen täuschen uns und lassen uns, wenn ihre erste Wirkung verebbt ist, ärmer dastehen als vorher.“

Es war die Waldlichtung gewesen, vor einem Jahr im Frühling, da hatte Herr Kaluza ein Kribbeln am Scheitel gespürt, plötzlich war es, als strömte eine große Wärme in ihn herein, und für einen Moment sah er er die Welt, das All weit unten und um ihn herum war das Gefühl einer unendlichen Freude und Freiheit. Alle, die da oben waren, waren außer sich vor Freude erlöst zu sein und dem Getriebe der Welt entronnen zu sein. Nahezu niemals hatte Herr Kaluza ein so tiefes Glück und so eine tiefe Verbundenheit gespürt, aber nach einem Moment war es vorbei und als er wieder die Augen öffnete, blieb ein schales, trauriges Gefühl zurück – als habe er einen Moment etwas genossen, was wirklicher und schöner war als alles andere.

„Auch wenn Sie etwas schildern, was Offenbarung 19 ähnelt, Danach hörte ich etwas wie eine große Stimme einer großen Schar im Himmel, die sprach: Halleluja! Die Rettung und die Herrlichkeit und die Kraft sind unseres Gottes! Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte, dass er die große Hure verurteilt hat, die die Erde mit ihrer Hurerei verdorben hat, und hat das Blut seiner Knechte gerächt, das ihre Hand vergossen hat, rate ich zur Vorsicht.“

Es war ja nicht möglich gewesen, sich dessentwegen Freunden anzuvertrauen. Hätte Herr Kaluza bewußtseinserweiternde Drogen wie Ayahuasca genommen, vielleicht wären derartige Visionen verständlich gewesen, aber das kam in seinem Freundeskreis nicht vor und außerdem war seine Position als Mitglied der Judikative mit dem Konsum in Deutschland verbotener Substanzen nicht wirklich zu vereinbaren. Das Erlebte war ja kaum jemandem mitzuteilen, geschweige denn war es leidlich geglückt, es in einen lesbaren Text zu verwandeln. Hätte man davon bei Tisch so en passant zwischen Kaffee und Mousse au Chocolat sprechen sollen? Es wäre schlichtweg out of topic gewesen, Punktum. So trug Herr Kaluza das Erlebte in sich herum und wusste auch nicht, was er damit tun sollte.

„Prüfen sie das, was das alles in ihnen ausgelöst hat,“ Herr Kaluza las die E-Mail weiter, „nur an den Früchten können wir erkennen, welche Geister uns besucht haben. Wenn Sie schreiben, dass sie den Wunsch hegen ihr bisheriges Leben aufzugeben und es immer wieder als wertlos empfinden, so werfen sich Fragen auf, die bedacht werden sollten.“

Herr Kaluza ließ das Ipad sinken. Die Bebauung wurde dichter, offenbar näherte sich der Zug einer Stadt. Das Abteil erster Klasse war halbleer, unwirklich waren die Dinge seitdem. Was war sein Leben, das von angenehmer Normalität war, wenn es letztlich schal war angesichts dieser Freiheit? Sollte er sich, wie Buddha zurückziehen oder gar wie Charles de Foucauld als Wandermönch durch die Gegend ziehen? Und das alles mit Arthrose, Gleitsichtbrille und sich steigernder Adipositas? Vor mehr als vierzig Jahren, als er in einer freien Jesusgemeinde gewesen war, mochte es eine Alternative gewesen sein, aber jetzt? Natürlich, das Interesse für Philosophie und Metaphysik war immer noch vorhanden, die Lektüre stapelte sich auf den Dielen. Das Einzige, was neu war, war eine tiefe Verunsicherung, es war, als wäre die jugendliche Rede von der Überwindung der „Welt“ zurückgekehrt. Was bedeutete es für ein religiöses Leben? Konnte es denn sein, dass das bisherige Gewebe des Lebens, die Eigentumswohnung, die Arbeit, der Sohn, der zur Zeit in England lebte, ein Gefängnis des Karma war, wie es in Ostasien postuliert wurde? Oder war es etwas anderes? Aber was? War es nach diesem Moment der Ekstase nicht bitter, in das Vertraute zurückkehren zu müssen? Und, die Frage schlich sich immer wieder heftiger ein, was war, wenn er niemals zu dem Ort zurückdurfte, den er gesehen hatte? Was war, wenn er am Ende abgewiesen wurde?

„Ich darf Ihnen eine theologische Handreichung einer guten Freundin zukommen lassen: Die Verwandlung durch Gottes Liebe, die kann an jedem Menschen geschehen. So ist es zu meiner Erfahrung geworden. Wenn ich mich ganz in Gottes Zuwendung und seine Liebe hingebe, so zieht das in meinem Leben Kreise. Wenn ich mich wie ein Kind von seiner Liebe bescheinen lasse, dann verändert das meine Person, mein Wesen. Und damit verändern sich auch meine Beziehungen, da beginnt etwas in meinem Leben zu leuchten und zu strahlen, was sich nicht mehr auslöschen lässt. Ich erlaube mir, als Dank für ihre ausführlichen Zeilen ebenfalls ein Foto von mir beizulegen.“

Herr Kaluza sah auf den Bahnsteig. Zwei junge Männer standen neben voluminösen Rucksäcken und debattierten. Herr Kaluza fühlte sich mißverstanden. Die Vision hatte ihn mit dem bangen Gefühl bekannt gemacht, im Letzten scheitern zu können. War diese Angst nur ein Produkt seiner kurzen evangelikalen Phase? Oder gab es doch irgendwann einen Daumen, der sich senken würde? Die E-Mail hatte etwas Klebriges zurück gelassen. Es war als wäre eine Zuckermasse auf dem Klapptisch am Sessel verteilt gewesen und Herr Kaluza müsste sich auch noch die klebrige Substanz von den Fingern ablecken. In der E-Mail sah das Gesicht des Pfarrers, dem Herr Kaluza sich offenbart hatte, freundlich aus. Knapp vorbei ist auch vorbei, sagte sich Herr Kaluza als er an die E-Mail dachte. Knapp vorbei ist auch vorbei. Der Zug fuhr an. Die beiden jungen Männer hatten ihre Rucksäcke geschultert und gingen zur Treppe.

Die Verspätung des Zuges, Herr Kaluza sah auf die Uhr, betrug mittlerweile 28 Minuten.

Das Predigzitat ist der Webseite von Esther Handschin entnommen. Das Porträt des Pfarrers hat freundlicherweise die KI Perplexity erstellt.