In seinem letzten Buch Petrolio hat Pasolini bittere und satirische Bilder entworfen, voll Trauer über die Zerstörung einer vertrauten Welt, voll Wut über den heraufkommenden hedonistischen Konsumismus. Diese Wut hat auch nach 40 Jahren nichts von ihrer Kraft zur rückhaltlosen Provokation und ihrer Modernität verloren. Der Stolz des Proletariats verlöre sich in der Konsumgesellschaft klagte Pasolini, der sich damit in eine Reihe der Klagenden einreihte, die von Adorno bis hin zur neuen Rechten reiht. Während Pasolini und Adorno klug genug waren, es bei der Klage zu belassen führt die neue Rechte einen Begriff ein, der in die Antike zurückreicht: Katechon, genauer gesagt, der oder das, die Macht, die die Apokalypse noch aufhält.
Der Begriff Katechon fällt nur einmal, in 2. Thessaloniker 2, 6/7 einem möglicherweise späteren, nicht mehr von Paulus verfassten Brief, in dem diskret unter die religiöse Abscheu vor der damaligen Friedensmacht, dem imperium romanum, ein doppelter Boden gezogen wird.
Jeder, der sich mit paulinischen Texten beschäftigen will, muss in die tief in die Widersprüche seiner Theologie eintauchen, um überhaupt die Dialektik des Textes zu erfassen: „Am Anfang des Römerbriefes hatte Paulus die Sünde der Heiden sehr verklausuliert, auch jetzt bezieht er (Römer 13,1) gegenüber dem Imperium eine Position, die scheinbar jede Autorität sanktioniert: ‚Jedermann ordne sich der obrigkeitlichen Gewalt unter; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott ist. Die bestehenden (Gewalten) sind von Gott angeordnet.‘ […] Schon die Frage, ob die Thora für die jüdischen Christen noch verbindlich sei, hatte im Römerbrief keine klare Antwort gefunden. Auch jetzt liefert Paulus ein grandioses Schauspiel verzwickter Dialektik.
Der Anfang des Römerbriefes hatte den göttlichen Kaiser als die schlimmste aller Sünden gesehen und jetzt sollen sich also die Gemeindemitglieder brav dem Kaiser unterordnen? Giorgio Agamben erläutert (Fünfter Tag, der Die Zeit, die bleibt), es sei die Sicht auf die Apokalypse, mit der Paulus in dem Brief an die Thessalonicher (2. Thessaloniker 2,1 ff.) sein Argument einleite. Die Gemeinde warte verzweifelt auf das Kommen Jesu und nun habe Paulus erneut eine Antwort parat, die an Zweideutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Paulus präsentiert wieder als Muster für den Antichristen der Endzeit das Tier Daniels aus dem Abgrund, den Antiochus IV. Epiphanes, der sich in den Tempel begeben und sich als göttlich erklärt hatte. Erst wenn dieser an den Höhepunkt seiner Macht gekommen sei, sozusagen den Tempel erneut betreten habe, würde der Messias kommen. Hier erscheint erneut der jüdische Gedanke der Beschwörung des Messias. Erst wenn das Böse offenbar geworden oder offenbar gemacht worden sei, würde der Messias kommen. Der Antichrist, wie der Widersacher später in der Offenbarung des Johannes genannt werden wird, sei zwar da, aber noch verborgen.“ (2) „Ihr wisst jetzt auch, was ihn zurückhält, damit er erst zu seiner Zeit offenbar wird. Denn das Geheimnis der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muss erst der beseitigt werden, der es jetzt noch zurückhält.“ (2. Thessaloniker 2, 6/7.)

„Der, der noch aufhält, ist nach einer landläufigen theologischen Deutung der Kaiser, oder die staatliche Macht, das imperium romanum. Damit ist die Rolle des Kaisers, wie auch jeglicher staatlicher Macht, umrissen. Einerseits bewahrt sie die Menschen vor der Raserei des Bösen in den letzten Tagen […] und andererseits ist der Staat derjenige Schleier, der das Böse als Böses und damit auch die Gegenwart des Messias verbirgt. Was für eine Wendung! Das Imperium ist böse, kein Zweifel, nicht nur, weil es als Machtpyramide ungerecht ist, sondern auch, weil es die messianische Zeit verhindert und verbirgt. Aber weil am Ende der Zeit alles im umfassenden Blutbad ausarten würde, hatte Tertullian noch in der Antike gesagt, sei es klug für das Imperium zu beten. Für Paulus wie auch für Jesus verkörperte das römische Reich das letzte, nicht mehr steigerungsfähige, Reich des Tieres. Trotzdem bewahrt die Macht Roms vor der endgültigen Raserei des letzten Krieges.“ (1) Gleichzeitig reiht sich diese Sicht immer noch in das überaus feinsinnige Zwiedenken paulinischer Briefe ein, wenn in 1. Thessaloniker 5, die Sicherheit der Frieden versprechenden Imperien in Zweifel gezogen wird: „Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau und es gibt kein Entrinnen.“
Rom ist böse, der Kaiser auch, aber gleichzeitig ist es angenehmer in der Epoche relativer Sicherheit zu leben, als in dem Chaos eines zerbrechenden Imperiums. Man mag das mit der Position gealterter, ehemals strammer Linker vergleichen, die jetzt von der Furcht beschlichen werden, nach dem inzwischen möglichen Ende der imperialistischen Vorherrschaft des Westens brächen noch weit finstere Zeiten an.
Katechon, der Aufhalter, ein Begriff, der in der mittelalterlichen katholischen Theologie eher auf das christliche Kaiserreich bezogen wurde, fand daher in den Umbrüchen des letzten Jahrhunderts neue Popularität. Katechon wurde anderem von Carl Schmitt und in der protestantischen Ethik von Dietrich Bonhoeffer neu interpretiert. In den Wirren und der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre geriet die Macht in den Blick, die das drohende Chaos aufhalten konnte. Während Bonhoeffer die politischen Ordnungsmächte mit kritischer Distanz betrachtete näherte sich Carl Schmitt den Nazis an, die er im 3. Reich als Ordnungsmacht, oder, ohne es direkt auszusprechen (2), fast als Inkarnation des Katechon irrigerweise, wie wir heute wissen, begriff. Alexander Dugin sieht in The Great Awakening vs the Great Reset das absolut reaktionäre Russland unter Putin als Katechon, als die Macht, die aufgerufen ist, der in den Augen Dugins zerstörerischen nihilistischen Kraft des gleichmachenden Liberalismus und der westlichen Moderne, die unter der Flagge des Friedens segeln, entgegenzutreten.
Vergessen wird bei der reaktionären Lobhudelei der Macht auch der Tanz, den die paulinische Theologie aufführt. Paulus, der in seiner Jugend als jüdischer Fundamentalist agiert hatte, verweigerte sich in allen paulinischen Briefen absoluten Urteilen; der Verstand des Menschen erscheine, so schrieb er, angesichts der Erfahrung der kosmischen Vision Christi „entwertet“ oder „ruiniert“ (kathargein). Infolgedessen scheitern fast alle Versuche, die paulinischen Briefe in ein theologisches System zu bringen, zu fein sind Widersprüche und Irrwege gelegt, die den oder die Leser(in) davor bewahren wollen, sich an feste, rational nachvollziehbare theologische Kategorien klammern zu wollen. „Was in den Briefen geleistet wird, ist, wie bei Paulus insgesamt, ein intellektueller Spagat, der die Sicherheit des Denkens und Urteilens mit Freude ruiniert. […] Nur im Rahmen dieser Dialektik ist Paulus verständlich, und alle anderen Deutungen seiner Briefe führen in irrige Richtungen.“ (1)
Oder, einfacher gesagt, Dialektik, Widersprüche und der rauschende Wirbel des sowohl als auch führen heraus aus dem Irrgarten des Eindeutigen und Einfältigen.
Alle Bibelzitate: Einheitsübersetzung 2016
(1) Aufstand und Apokalypse, Der Traum der Multitude
(2) vgl. „Die Lehre vom Katechon ist für Schmitts politische Theologie fundamental, obwohl das Wort in der gleichnamigen Schrift nicht auftaucht.“ Jürgen Manemann, Herrschaft in Permanenz – Zur Katechontik Peter Thiels und Carl Schmitts
Bild: Das steinerne Abbild der tönernen persona des Bordellwirts (Pornoboskos) in der römischen Komödie, Spolie, Schloß Glienicke.