Wer in Genua den Palazzo Bianco betritt und die dortige Gemäldegaleriei durchstreift, wird, falls man junge Männer erotisch findet, an einem Gemälde überwältigt stehen bleiben: Ecce Homo gemalt von Michelangelo Merisi da Caravaggio. Ein junger Mann mit schütterem Bart, scheuem Ausdruck im Gesicht, niedergeschlagenen Augen sowie nacktem, haarlosen, dünnen und feingliedrigen Oberkörper steht gefesselt da, präsentiert von einem altem, weißhaarigen Mann mit feiner Tracht. Ecce Homo, der Moment in dem der frisch gefolterte Gefangene von dem Statthalter einer überaus brutalen Besatzungsmacht den Untertanen präsentiert wird: „Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keine Schuld an ihm finde. Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, der Mensch!“ (Einheitsübersetzung 2016)
Auch wenn Jesus traditionell häufig als überaus attraktiv dargestellt wird, ist er selten als junger, sanfter und in seiner Scheu fast noch nicht erwachsener Mann zu sehen (es gibt natürlich im Barock die Ausnahme des verhüllten Christus in Neapel im Museo Cappella Sansevero, eine Plastik, die alle erotischen Maßstäbe souverän sprengt). Suchte Caravaggio einen Skandal in dem er zu sehr gay porn fabrizierte?
Wenig später wird Caravaggio mit dem Tode Mariens 1606 wirklich ein Bild präsentieren, das als Skandal empfunden wurde. Der päpstliche Rechtsberater Laerzio Cherubini, der Auftraggeber des Bildes, wies die höchst realistische Darstellung der verstorbenen Jungfrau Maria, die als Frau einfacher Herkunft dargestellt wurde, unverzüglich zurück, weil die Mönche des Klosters, für dessen Kappelle das Bild bestimmt war, sich durch das Fehlen religiöser Symbole verletzt fühlten. Dazu kam, dass Caravaggio als Modell gerüchteweise die Wasserleiche einer Prostituierten genommen hatte. So blieb den Mönchen keine Wahl als das Gemälde als sittenwidrig zurückzuweisen. Doch die Wahl des Modells war nicht zwingend eine gewollte Provokation seitens von Caravaggio, ehrbare Frauen durften nie alleine die Häuser fremder Männer betreten, Maler mussten in Italien wie in fast allen katholischen Ländern im Barock die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen, wollten sie Frauen als Modell haben.
Für die unwissenden Betrachter erscheint Geschichte als die Abfolge monolithischer Epochen, in der Regel sind bei genauerem Hinsehen partikulare und divergierende Ansichten am Werk. Auch die nachreformatorische katholische Kirche war kein Monolith, es gab einerseits die kirchliche Position, die das Volk durch Bilder grandios dargestellter göttlicher Macht in Bann schlagen wollte und andererseits diejenige, die die Nähe zu den Armen suchte und sie, wie Caravaggio, zu den Sujets der bildlich dargestellten christlichen Historie machte. Caravaggios Tod Mariens bewegt sich laut Andrew Graham-Dixon immer noch innerhalb der Bandbreite der damaligen Ikonographie und Spiritualität. Nahm Caravaggio seit seiner Jugend die volkstümlichen figurativen Darstellungen biblischer Geschichte, wie das sacro monte bei Varallo in Piedmont, als Vorbild? Das Bild wurde übrigens auch rasch von einem äußerst wohl situierten Connaisseur gekauft.
War das sexuelle Leben Caravaggios damals ein Skandal? Caravaggio hatte wahrscheinlich Beziehungen zu Prostituierten, vermutet wird auch, dass er, der ein guter Fechter war und dank des Ranges seines langjährigen Hausherrn einen Degen tragen durfte, als Zuhälter Schutzdienste für seine Prostituierten leistete. Hatte Caravaggio eine erotische Beziehung zu seinem Schüler und Gehilfen, Cecco del Caravaggio, ursprünglich vermutlich Francesco Boneri? Wurde Francesco Boneri nicht in dem Bild Amor Vincit Omnia als junger Cupido gemalt? War das Bild, das für Kardinal Benedetto Giustiniani und seinen Bruder, dem Bankier Marchese Vincenzo Giustiniani, gemalt wurde, in Wahrheit schlecht verklausulierte Kinderporographie? Im Zuge der Edathi Affäre gab es Forderungen, dieses Bild in Berlin nicht mehr zu zeigen. Diese Forderung spiegelt die soziale Befindlichkeit unserer Epoche wieder, Amor als Gott wurde in der Antike und im Barock als junger, leichtsinniger Knabe emblematisch dargestellt. Im Barock unterschied man in Bezug auf Homosexualität nicht weiter zwischen Päderastie und dem gegenseitigen, einvernehmlichen Tun erwachsener Männer. Strafbar mit dem Tode war die anale Penetration, der Rest war eher eine Sache des sozialen Ansehens, denn der Strafverfolgung. Auch Caravaggios langjähriger Gönner, Kardinal Francesco Maria del Monte, soll sich mit jungen Künstlern umgeben haben und durchaus flexibel in seiner Moral gewesen sein.
Caravaggio musste Rom verlassen, nachdem er in einem – im Kirchenstaat verbotenen – Duell einen Gegner erstochen hatte. Carvaggio floh nach Malta, malte die Seigneurs des waffenstarrenden Ordens, wurde zum Ritter geschlagen, geriet in Händel und landete in einem Hochsicherheitstrakt. Caravaggio glückte trotzdem die Flucht nach Sizilien. Wie bei Paolo Pier Pasolini durchziehen Gewalt, Körperlichkeit und Armut das Werk Caravaggios. Caravaggio verzichtet im Gegensatz zu Pasolini auf offensichtliche Pornographie. Mit zunehmenden Alter verdüstern sich die Bilder Caravaggios, zum Schluß bleiben, wie bei dem Seppellimento di Santa Lucia von 1608, nur noch dunkle, lichtlose Räume und massive Körperlichkeit. In Petrolio, seinem letzten, düsteren Buch wird Pasolini nächtliche Sexpartner nur durch Geruch und Form ihrer Schwänze beschreiben und gleichzeitig einen Abgrund an Korruption und Zerstörung in der Ölindustrie. Pasolini wurde laut dem Schuldspruch eines Gerichtes von einem Stricher, der mit einer Kopfwunde am Steuer von Pasolinis Alfa 2000 CT von der Polizei angehalten wurde, erschlagen. Nur deuten die Spuren auf einen geplanten Mordkomplett. Gedungene Attentäter lauerten ebenso Caravaggio in Neapel nach einem Besuch in einer einschlägigen, von Homosexuellen frequentierten Bar auf und zerschnitten sein Gesicht, sfregiato, eine damals übliche Methode sich für Beleidigungen zu rächen. Wenig später wird Caravaggio einsam an einem Fieber sterben, nach einem Parforceritt in glühender Hitze, weil Caravaggio dem Schiff mit seinen Bildern nachjagte, das er einholen wollte, nachdem er aus einer Untersuchungshaft entlassen war.
Bei beiden, Caravaggio und Pasolini sind Sinnlichkeit und Religion untrennbar verwoben, am Ende seines Lebens wird Pasolini den Film Salò oder die 120 Tage von Sodoma und Gomorra fertiggestellt haben, ein, wie Deutschlandfunk Kultur schrieb, „den Film, der sofort zum Skandal wurde, hat Pasolini als eine seiner gelungensten Provokationen gegen die Macht bezeichnet. […] Kommunist, Homosexueller, Querdenker und visionärer Dichter, Atheist und religiöse Seele, Pasolini war in seinem Leben immer eine kämpferische unbequeme unkonventionelle Persönlichkeit gewesen.“
Bilder: entnommen aus Wikiemedia commons