Framing

Fiction

»Wir müssen den Suizid als erstrebenswerte Marke etablieren.« Der Spindoctor legte sein massiges Handy auf den Tisch. Er trug einen dezent gemusterten Anzug und einen mittelmäßig teuren Kaschmirpullover mit Rollkragen. Daneben saß eine Referentin, die ein grellrotes Kostüm trug.

»Wir müssen ihn radikal neu denken,« fügte der Spindoctor dazu.

An der Wand des Besprechungszimmers hingen bunte, abstrakte Grafiken. Der Art Director sah auf sein iPad, offenbar erwartete er, dass jemand an seiner statt antwortete.

»Wenn ich sie richtig verstehe«, sagte der Konzeptioner, »soll der Suizid in einer Fernsehserie aus zwingenden Gründen mit einem positiven Framing versehen werden.«

»Das ist genau das, weswegen wir hier sind,« sagte die Referentin.

Der Spindoctor faltete seine Hände. Der Konzeptioner hatte die Wandbilder in dem Konferenzzimmer nie leiden können.

»Ja, sie bringen es auf den Punkt,« der Spindoctor lächelte.

»Soweit ich weiß, rennen wir da doch schon offene Türen ein. Es sind doch die Alten, die oft längst nicht mehr weiter leben wollen.« Was für eine lahme Ausflucht, dachte sich der Konzeptioner.

»Ja, die Masse aller Suizide geschieht zwischen 55 und 85. Das dürfte sich noch verstärken, weil die Pflegearbeit inzwischen zunehmend auf private Ressourcen verlagert wird,« warf die Referentin ein.

Die Referentin hat eine eiskalte Ausstrahlung, dachte sich der Konzeptioner. Wahrscheinlich ist sie diejenige, die eine fachliche Supervision des Projektes leitet.

»Auf Dauer gesehen wird sich die Pflege wieder in den privaten Bereich verlagern,« sie fuhr fort, »denn die neuen, frisch erhöhten Besoldungsstufen in der Pflege können durch die Beitragssätze der Kassen bereits jetzt nicht mehr abgebildet werden. Viele Pflegestationen und Heime werden längerfristig schließen müssen.«

Die Grafiken waren abscheulich. In ihrer Leere passten sie zu dem Sujet.

»Auf gut Deutsch, der selbstbestimmte Exit aus dem Leben soll in dieser Fernserie als der ultimative Akt der menschlichen Souveränität gedeutet werden und wir sollen überlegen, wie das werbetechnisch platziert werden kann.« Der Konzeptioner konnte seinen Ärger kaum verhehlen, er klappte seine Kladde zu, er war einer derjenigen, die immer noch handschriftliche Notizen machen.

»Denken sie auch an die Alterspyramide,« sagte der Spindoctor, »es wird in die Zukunft gesehen, gar nicht mehr genug junge Menschen geben. Die nackten Zahlen weisen auf eine Entwicklung hin, die von gar keinem Etat bewältigt werden könnte. Also geht es darum, mit dem bisherigen Trend arbeiten und ihn mit einem anderen, positiven Label zu etikettieren.«

»Wir dürfen keine düstere Dramatik konzipieren, die auf die Tränendrüse drückt,« sagte der Art Director, »das wäre kontraproduktiv.«

»Warum?« wandte die Referentin ein.

»Wir müssen weg von dem Gedanken der Schuld,« sagte der Art Director. Seine entschiedene Bestimmtheit passte zu seiner schweren Brille von CUTLER AND GROSS. »Schuld und Krankheit als solche sind nie ein attraktives Sujet.«

Der Konzeptioner fasste sich an den Kopf. Jetzt, jetzt musste er in die Vollen gehen, sonst würde er in der Diskussion eine Abseitsposition einnehmen. Er allein konnte das Projekt nicht mehr schlecht reden.

»Nehmen wir an,« sagte er, »die todkranke Erna S. fährt dann Nachts mit ihrem Neffen in die Schweiz, übernachtet mit ihrem Neffen in dem Wohnmobil und begeht dann auf dem auf dem Parkplatz Suizid, indem sie das Mittel schluckt, das ihr EXIT oder wie immer die Organisation heisst, reicht. Haben wir da irgendwelche emotional attraktive Bilder? Das ist doch ästhethisch trostlos.«

Niemand antwortete.

»Also, Soylent Green auf Stereoiden. Sagen wir in der Karibik. Nehmen wir als Trendsetter alte Gays und einsame alte Damen. Alle reich und kultiviert. Türkisfarbenes Wasser, hübsche Jungs die Cocktails servieren und dann zuletzt oben ohne den Schierlingsbecher. Mit einem herzzerreissenden Abschiedskuss. Selbstbestimmtes Leben bis zum Schluss!«

»Das ist doch eine Karikatur,« der Spindoctor klang ärgerlich.

Entsorgungspark Gorleben? Was für ein Framing schon vor vierzig Jahren! Aber der Konzeptioner verbiß sich den Kommentar.

»Nein, das ist Traumschiff pur,« sagte er, »ein Hotel mit Swimmingpool, angeschlossenem Krematorium und super Strand. Alles im Gegensatz zum Traumschiff in einem unglaublich korrupten Umfeld. Und in diesem Rahmen, der natürlich völlig überzogen wirkt, umgehen wir ethische Fragen und aber zeigen spannende Konstellationen.«

Einmal war der Konzeptioner in Asien in der Bar eines passenden Hotels gewesen. Wie Robben lagen dicke, alte Menschen auf Liegen um dem Swimmingpool herum während junge Asiaten den Gästen Cocktails servierten. Man sah hinter einer Palmenreihe den Strand, der hier sorgfältig von dem überall anwesenden Plastikmüll gereinigt war.

»Wir müssen schon für ethische Diskussionen den angemessenen Rahmen wahren,« die Ablehnung des Spindoctors stand im Raum.

»Es gibt enorm erfolgreiche Kampagnen, wie „Just Do It“ von Nike, die als Auftakt 1988 den achtzigjährigen Walt Stack halbnackt über die Golden Gate Bridge joggen ließ und eigentlich ein junges Publikum ansprechen wollte.« Der Art Director hatte wie immer eine kurze, prägnante Zusammenfassung gegeben. Er nickte dem Konzeptioner wohlwollend zu.

»Also es geht nicht um Karikatur sondern um divergente Botschaften, die den Moment der Attraktion bilden?« Die Referentin schien auf die Seite der Agentur zu wechseln. Der Spindoctor sah sich um. Man sah, dass ihn das drohende Überlaufen der Referentin ärgerlich machte.

»Wenn wir eine Fernsehserie, die selbstbestimmtes Sterben propagiert, konzipieren,« der Konzeptioner stand auf und ging zum Whiteboard, »ist es nicht sinnvoll, head on auf bestehende Mauern anzureiten. Der ethische Konflikt wird sich immer in einem emotional negativ besetzten Umfeld abspielen. Besser ist es, von der Flanke her das Thema anzugehen. Und das machen wir, indem wir dieses Thema scheinbar grotesk verzerren, sodass es hoffähig wird.«

»Sei meinen der Hofnarr durfte sagen, was er wollte? Und so können wir das Thema klandestin gesellschaftsfähig machen?« Der Spindoctor brauchte offenbar nur eine kurze Bestätigung, sein Widerstand war am schwinden.

»Wir nehmen die Hintertür. Wir lassen allenfalls ein trojanisches Pferd zurück.«

»Die Kirchen bilden diesbezüglich trotz ihrer schwindenden Basis eine unglaublich zähe Bastion des Widerstandes,« die Referentin schien zu überlegen, »vor allem in den Fraktionen wird dieser Widerstand am Leben gehalten.«

»Denken sie an Dallas. Die Familie Ewing war wirklich so grotesk eklig, dass der beginnende Neoliberalismus nicht weiter negativ auffiel. Im Gegenteil, er wurde verklärt, weil die Serie ungeheuer erfolgreich war.«

»Aber das war doch nicht die damalige Absicht der Serie?«

»Wir sind anders.« fügte der Konzeptioner dazu, »wir wissen, was wir tun. Ja das Tabu, wozu müssen wir leiden? Das letzte Monopol der Religiösen. Stellen sie sich vor, es ginge darum Narkose anzuwenden. Und man würde sagen, also die Wurzelbehandlung müssen sie aus spirituellen oder ethischen Gründen ertragen. Oder gar die Blinddarm OP? So schieben wir mögliche Argumente konservativer Kreise einfach zur Seite. Wir zeigen nur wunderbare Korruption, die Cocktails und die letzte Party am Strand.«

Der Konzeptioner erschrak. Auf einmal sah er eine Tür vor sich, die er geöffnet hatte und die in Räume führte, die er nie betreten wollte. Er sah freundliche Herren in Uniform oder im Anzug und mit Undercut vor sich, die sachdienliche Debatten über die Entsorgung genetisch disqualifizierter Mitmenschen führten.

Die Referentin schien erleichtert. Sie tauschte sogar mit dem Spindoctor den Ansatz eines Lächelns aus. Es war zu ahnen, dass sie mit freudig trippelnden Schritten zu ihrem Taxi laufen würde, die Tasche mit dem Laptop unter dem Arm und neuen Wegen in ihren Gedanken.

Später, als die Beiden gegangen waren, stand der Art Director neben ihm am Fenster.

»Dir hat das Thema zu schaffen gemacht,« sagte er, »aber du warst großartig.«

Und dann, nach einer Pause, »habt ihr die Wohnung jetzt gekauft?«