Transzendentalien

Denken / Geschichte / Theologie

In einer Zivilisation, die langsam am Zerbrechen war, fand ein junger, begabter Beau Trost. Er, der eine steile Karriere vor sich hatte, begann sich nach der Essenz des Lebens zu fragen, er untersuchte Zeit und Erinnerung um dann einen gedanklichen Sprung zu machen, der atemberaubend weit war und die nächsten tausend Jahre in Westeuropa intellektuell prägen sollte.

Augustinus von Hippo postulierte, wenn Menschen nach Ewigkeit angesichts ihrer Vergänglichkeit fragen könnten, müssten sie nicht einen Funken Ewigkeit in sich tragen? Wo bliebe die Erinnerung, wenn man stürbe, fragte sich Augustinus, um dann ein neues Ziel einzuführen, das seine strenge Karriereplanung in den Bereich des Spirituellen verlegte. In der Seele, in dem Geist sei wirkliche Wahrheit angelegt, in der Seele, die zu Gott gehöre, dort, wo in Zukunft reines Leben sein werde. Augustinus sah das Denken als ein nicht zu hintergehendes Phänomen, das Teil hätte an der Wahrheit. Wenn das Denken die Frage nach der transzendentalen Wahrheit stellt, berührt es den geheimnisvollen Kern des Denkens, der als Unruhe in der Seele selbst angelegt sei. Augustinus sagte, unruhig sei die Seele, bis sie endlich Ruhe gefunden habe in der Gewissheit des Ewigen. Und nur dieses könne erlösen aus der Knechtschaft des Vergänglichen.

Dass Sein und Ideen in Gott gegründet seien und dass dies wahr sei, dieser Gedanke prägte Westeuropa bis zum späten Mittelalter. Denn jenseits von Wahrheit und Sein gäbe es keine fassbare Begriffe, die ihre Existenz verifizieren könnten. Wahrheit und Sein, zwei der später sogenannten Transzendentalien, muss man wie Axiome, die nicht in Frage gestellt werden können, begreifen. Das Denken könne im Grunde nicht ausloten, ob es tatsächlich Wahrheit und Sein gäbe, aber ihre Existenz wären die einzige Möglichkeit, darüber ein Urteil zu fällen. Deswegen sei die zwingende Konsequenz des Denkens die Annahme der Existenz Gottes, also der Wahrheit und der Wirklichkeit. Je mehr das Seiende, etwa das Denken, am Sein als solchen teilhabe, desto größer würde seine Wahrheit. Thomas von Aquin wird später im Hochmittelalter Wahrheit auch in der Betrachtung des einzelnen Seienden finden, sofern die Seele sich dem Gegenüber anpasst („ita quod assimilatio dicta est causa cognitionis“). Wahrheit sei in der Welt enthalten, wenn wir sie sehen wollen, wenn wir uns, wie man heute sagt, ganz auf sie einlassen wollen. Was für eine Ekstase des Denkens! Wer hochgotische Architektur betrachtet, wird die vollständige Einheit zwischen dem statisch Erforderlichen, bautechnisch Vereinfachendem und ästhetisch Herausragendem erkennen. Doch diese Epoche war kurz. Im Spätmittelalter trennt Wilhelm von Ockham diese Liaison, Transzendentalien seien lediglich gedankliche Konstrukte des Menschen, ein Denken, was den Konstruktivismus des 20.Jahrhunderts vorausnimmt. In den Bauten der Spätgotik wird diese Trennung offensichtlich, die immer filigraneren Gewölberippen etwa, die ursprünglich dazu dienten, die Schalung der Gewölbe abschnittsweise vorzunehmen, sind nur noch Ornament am Gewölbe des Raumes, ihr Sinn ist verloren.

Mehr als vierhundert Jahre später, nach zwei Jahrhunderten erneuter Glaubensinbrunst, der Religionskriege und Hexenverbrennungen, wird Kant als letzter intellektueller Höhepunkt der Aufklärung noch einmal in die dieselbe Kerbe schlagen. Ob es eine Transzendenz gäbe, könne man nicht überprüfen, eine postulierte Insel sei ja auch nicht zwangsläufig eine wahre Insel. Diese Sottise war natürlich eine Anspielung auf die wissenschaftliche Diskussion der damaligen Gegenwart, James Cook hatte wegen ihr vor 1775 mehrfach mit der Resolution und der Adventure den südlichen Polarkreis überquert und hatte feststellen müssen, dass der seit der Antike postulierte Südkontinent eine Chimäre war. Seit Kant wird jede sorgsame Philosophie nur noch bis zu der Grenze gehen wollen, an der das Denken die eigenen Grenzen ausloten kann, wer darüber hinaus will, muss schweigen. Denn in dem Bereich der Metaphysik kann niemand wie James Cook in das Eismeer segeln, um die These eines Südkontinents zu widerlegen; was letztlich auch dem Agnostiker bleibt sind metaphysische Ungewissheiten, die das Fundament unseres Lebens bilden. Selbst das Bewusstsein, das jetzt immer mehr in den Fokus rückt, ist nur ein Begriff, etwas zu benennen, von dem wir nicht ansatzweise wissen, was es ist. Man steht immer noch am Rande eines Abgrundes, ohne je die Möglichkeit zu haben, Steine hinab zu werfen um seine Tiefe zu erahnen. Das Einzige, was sich im Denken seit dem Mittelalter an diesem Punkt geändert hat, ist die Vorsicht davor, aufgrund unauflösbarer Aporien unserer Erkenntnismöglichkeit metaphysische Gedankengebäude zu entwerfen.

Gautama Buddha soll angeblich gefragt worden sein, ob es einen Atman, einen unsterblichen Teil unserer Selbst gäbe. Buddha wies die Frage zurück, diese Frage sei im Grunde nur weitere Nahrung für den unersättlichen Appetit des Ahamkara, den Produzenten unseres Ichs. Eine Antwort füttere den Falschen, wesentlich sei der Einblick in das Wesen des Leidens, und nur darum ginge es ihm. Wesentlich sei es die falschen Verhaftungen aufzulösen.

Ob ein Kōan zu verstehen hilft?