Autor: GMZ

Wege für Füße

Fotografie / Geschichte

Neben den Insekten, Amphibien und Reptilien sterben in dem Europa der Hochleistungslandwirtschaft auch die krummen Wege, die Jahrhunderte oder Jahrtausende Menschen zu den Feldern geführt haben und die jetzt, im Zeitalter der maschinell bewirtschafteten Latifundien, obsolet oder zu geteerten Pisten werden. Mit ihnen stirbt auch die Idee des Mäanderns, des Umherschweifens in der bäuerlichen Kulturlandschaft, um einer neuen, seelisch reduzierten Person Platz zu machen. Verschwunden sind nicht nur Schmetterlinge und Lurche, sondern auch die krummen […]

NachbarschaftsTV

Fiction

Lesung vom 24.2.2018 in der Galerie Zwitschermaschine – Goyas Bild, sagte Theodor, müsse man nicht als Kunst betrachten, sondern als eine Vision des missglückten Lebens. Man müsse sich vorstellen, in die eigenen, zappelnden, vor Schmerz schreienden Kinder zu beissen und ihnen sukzessive alles Fleisch aus dem Hals herauszureissen bis sie zu atmen aufhören und dann mit blutigem Mund ihren Schädel aufzubrechen und den Kopf zu verschlingen. Ja, es gelte wirklich in das weiche, wehrlose und […]

Kalte Glätte

Architektur / Fotografie / Geschichte / Kunst

Nirgendwo tritt die merkwürdige Kälte des Modernen so zutage, wie in dem deutschen Weltausstellungspavillon 1929 in Barcelona. Es ist, als habe man einen unberührbaren Kristall erschaffen wollen, dessen reine Oberfläche die Gegenwart des Todes und der reinen Anschauung vereint. Dass diese architektonische Reduktion den Blick eines Mannes vollzieht, zeigt die im Hof eingeschlossene Statue einer nackten Frau. Den Fetisch des unberührbar Männlichen und Vollendeten hat sich ein späteres deutsches Regime zueigen gemacht ohne diesen Stil zu verwenden, […]

Herr Demand, der Sympathisant

Fiction / Geschichte

Wird man zur Einschüchterung offen überwacht, wie es Herr Demand sagt, der in seiner Jugend als Sympathisant galt? Ich bin höflich zu ihm und lasse ihn reden. Jede seiner Liebschaften sei wochenlang vom westdeutschen Geheimdienst beschattet worden, das habe ihn fast zu militanter Aktion bringen können, aber für den Untergrund habe er sich nie wirklich entschließen können, man war Boheme und wie viele der radikalen Linken der Siebziger aus der Mitte der Mitte der Gesellschaft […]

Die Festung starren Glaubens

Architektur / Fotografie / Geschichte / Theologie

In wenigen Bauten verwirklicht sich die Mischung aus Glaube, Ideologie und Macht sosehr in einem Kristall wie dem El Escorial nahe Madrid, das von Philipp II. von Spanien am Rande der Berge in der Nähe von Madrid als Kloster und Palast konzipiert worden ist. In ihm scheint der militante Katholizismus der Gegenreformation zu einem steinernen, abweisenden Manifest absoluten Willens zur eigenen Unterordnung verdichtet zu sein, dessen grauer Granit fast schmucklos ist, aber eine ungeheure serielle und […]

Geistigkeit und Vernunft

Denken / Geschichte / Theologie

Viele deutschsprachige Autoren und Philosophen haben sich an einer Gesamtschau der Geschichte versucht, Karl Marx etwa, dessen Thesen erneut bei etlichen Linken eine zweite Renaissance erleben, je mehr der Spätkapitalismus sich in seine dysfunktionale Agonie steigert und absurder das Verhältnis zwischen den Gütern der Wenigen und der Mittellosigkeit der Vielen wird. Auch die Rechten könnten in ihrer Lektüre bei einer Gesamtschau der Geschichte fündig werden, nur hier wäre es Oswald Spengler, der Kulturen in ihrer Entwicklung verglichen […]

Manchmal ist jener Schwert und dieser Scheide, manchmal umgekehrt

Literatur / Theologie

Dieser Satz, der auf schwulen Sex verweist, ist Zitat aus der Abhandlung über die Liebe im theologischen Hauptwerk von Ahmad al Ghazzali, einem der wichtigsten islamischen Theologen und Mystiker. Ahmad al Ghazzali lebte im Mittelalter kurz nach der Jahrtausendwende in Bagdad, der damaligen intellektuellen und wirtschaftlichen Metropole. Er gilt als derjenige, der die Liebeslyrik und Mystik der Sufis mit der Orthodoxie des Islams vereinen konnte, in seinen Gedanken über die Liebe legt er nochmals die Grundzüge […]

Es war Samstag

Berlin / Denken / Theologie

“Was hältst Du von dem IS?” Es war Anfang Dezember und Samstag Nacht, die U-Bahn fuhr nach Neukölln, um mich herum saß eine Gruppe junge Männer. Sie redeten miteinander und scherzten. Sie hatten dunklere Haut und Drei-Tage Bärte und die Figur von Leuten, die regelmäßig Sport machen oder mehrmals wöchentlich ins Fitnesstudio gehen. Vermutlich waren sie türkisch oder arabisch stämmig, sie redeten auf Deutsch, ich hörte nicht hin, da ich noch meinen Gedanken nachhängen wollte. Sie […]