Alle Artikel in: Denken

Geistigkeit und Vernunft

Denken / Kunst / Nonfiction

Fast nur deutsch­spra­chi­ge Autoren und Phi­lo­so­phen haben sich an einer Gesamt­schau der Geschich­te ver­sucht, Karl Marx etwa, des­sen The­sen erneut bei eini­gen Lin­ken eine zwei­te Renais­sance erle­ben, je mehr der Spät­ka­pi­ta­lis­mus sich in sei­ne dys­funk­tio­na­le Ago­nie stei­gert und absur­der das Ver­hält­nis zwi­schen den Gütern der Weni­gen und der Mit­tel­lo­sig­keit der Vie­len wird. Auch die Rech­ten könn­ten in ihrer Lek­tü­re bei einer Gesamt­schau der Geschich­te fün­dig wer­den, nur hier ist es Oswald Speng­ler, der Kul­tu­ren in ihrer Ent­wick­lung […]

Rationale Strukturen alten Stils

Denken / Fotografie / Kunst

Das Eigen­ar­ti­ge an recht­wink­lig, funk­tio­na­len For­men ästhe­ti­scher Ord­nung ist, dass manch­mal ihre Struk­tur offen­kun­dig gest­rig erscheint. Gera­de, rech­ter Win­kel, Qua­drat, das sind kla­re, weni­ge For­men. Zwar war seit der Anti­ke mit der Fibo­nac­ci-Fol­ge die Kur­ve eines Schne­cken­hau­ses dar­stell­bar, aber erst mit der Man­del­brot­men­ge ist schein­ba­res Cha­os ratio­nal bere­chen­bar gewor­den. Jetzt haf­tet dem Design sol­cher schuh­schach­tel­glei­chen Struk­tu­ren etwas Archai­sches an. Die Fra­ge­stel­lung der Roman­tik, die Schön­heit jen­seits dama­lig fast immer recht­wink­lig ratio­na­ler Struk­tu­ren gesucht hat­te, ist obso­let ange­sichts der heu­ti­gen Mög­lich­keit, in nahe­zu […]

Es war Samstag

Berlin / Denken / Nonfiction / Theologie

“Was hältst Du von dem IS?” Es war Anfang Dezem­ber und Sams­tag Nacht, die U-Bahn fuhr nach Neu­kölln, um mich her­um saß eine Grup­pe jun­ge Män­ner. Sie rede­ten mit­ein­an­der und scherz­ten. Sie hat­ten dunk­le­re Haut und Drei-Tage Bär­te und die Figur von Leu­ten, die regel­mä­ßig Sport machen oder mehr­mals wöchent­lich ins Fit­nes­stu­dio gehen. Ver­mut­lich waren sie tür­kisch oder ara­bisch stäm­mig, sie rede­ten auf Deutsch, ich hör­te nicht hin, da ich noch mei­nen Gedan­ken nach­hän­gen woll­te. Sie […]

Die Vergessenen der Cappuccinolinken

Denken / Nonfiction

“Von wem dür­fen sich die Aus­ge­beu­te­ten und Schutz­lo­sen heu­te ver­tre­ten und ver­stan­den füh­len? An wen wen­den und auf wen stüt­zen sie sich, um poli­tisch und kul­tu­rell zu exis­tie­ren, um Stolz und Selbst­ach­tung zu emp­fin­den, weil Sie sich legi­tim, da von einer Macht­in­stanz legi­ti­miert, füh­len? Oder ganz schlicht: Wer trägt der Tat­sa­che Rech­nung, dass sie exis­tie­ren, dass sie leben, dass sie etwas den­ken und wol­len?” Etwa die Front Natio­nal? Didier Eri­bon, Rück­kehr nach Reims, Suhr­kamp 2016, S.39

Schönheit ist planbar

Denken / Geschichte

Für Unkun­di­ge, die zum ers­ten Mal eine mit­tel­al­ter­li­che Stadt durch­wan­dern, erscheint die­se als ein Gewirr krum­mer und unre­gel­mä­ßig brei­ter Gas­sen, das all­mäh­lich ent­stan­den sein müss­te und bar jeder gestal­te­ri­schen Ord­nung wäre. Sie über­se­hen dabei, dass dem allen ein exak­ter Plan zugrun­de­lie­gen könn­te, der uns nicht mehr zugäng­lich ist. Stadt­pla­nung beruht in die­sen Augen auf dem recht­wink­li­gen car­do und decu­ma­nus der Römer, der geo­me­trisch exak­ten Ide­al­stadt der Renais­sance oder dem grid der Städ­te in den USA. Als […]

Rückkehr zum Hass

Denken / Geschichte / Nonfiction

Wie Lin­ke zu Rech­ten wer­den. War­um wan­dern Stars der Avant­gar­de wie Céli­ne und Hand­ke in das rech­te Lager? Am Anfang des Romans Rei­se ans Ende der Nacht von Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne wer­den Tage unter einem lethar­gisch in schwü­ler Hit­ze dahin­säm­mern­den Kolo­ni­al­re­gime geschil­dert, das in büro­kra­ti­scher Unfä­hig­keit ver­sinkt. Kli­ma­an­la­gen, die Euro­pä­ern die Wohl­fühl­zo­ne enorm aus­wei­ten, sind noch nicht vor­han­den, so bleibt die feuch­te, sti­cki­ge und kleb­ri­ge Hit­ze und das Schei­tern der Hoff­nung, in den Tro­pen zu reüs­sie­ren. Nach […]

Lost dreams

Denken / Nonfiction

Schif­fe sind häss­lich gewor­den. Sei­en es die gro­ßen Frach­ter, die schwim­men­den Hotels für die Kreuz­fah­rer oder was auch immer. Meist mit bil­li­gen See­leu­ten aus Asi­en bemannt schlep­pen sie Con­tai­ner mit Flach­bild­schir­men und Fern­se­hern, Öl, Rent­ner und Mas­sen­gü­ter über das Meer. Sind nun, wenn man Fou­cault bedenkt, auch die Träu­me der Men­schen im Spät­ka­pi­ta­lis­mus häss­lich gewor­den? Und bedenkt man, dass Schif­fe, die gro­ßen Schif­fe des 19. Jahr­hun­derts, ein Stück schwim­men­der Raum sind, Orte ohne Ort, ganz […]

Der Untergang des Proletariats

Denken / Nonfiction

In sei­ner Samm­lung von Essays, die Frei­beu­ter­schrif­ten genannt wur­den, hat­te Paso­li­ni den Unter­gang des Pro­le­ta­ri­ats vor sei­nen Augen gehabt. Nicht dass es etwa seit­dem weni­ger Arme gege­ben hät­te oder gar für vie­le die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se kei­nes­wegs pre­kä­rer gewor­den sei­en, ver­schwun­den ist die Klas­se des Pro­le­ta­ria­tes als eine eigen­stän­di­ge, stol­ze Grup­pe, die unter sich Soli­da­ri­tät gekannt hat­te und sich durch Spra­che, Klei­dung und Ges­tus als von den Übri­gen abge­grenzt defi­niert hat­te. Aus­ge­beu­tet, das hat­te ja der Mar­xis­mus […]

Bogensee

Denken / Nonfiction

  Bogen­see, in der Nähe von Wand­litz, gros­ses Haus und Hüt­te, bei­de Feri­en­do­mi­zi­le und ers­te­res ab 1939 Som­mer­re­si­denz von Goeb­bels, Juli 2014 Vor dem Krieg stirbt die Wahr­heit, es begin­nen Gesprächs­ver­bo­te zu grei­fen, die Grä­ben des Krie­ges wer­den in den Köp­fen aus­ge­ho­ben. 1938 wur­de in der Times auf den ers­ten Sei­ten noch Nach­rich­ten von der Gesell­schaft, den cele­bri­ties von damals, gebracht. In der Hüt­te am Bogen­see näher­te sich Goeb­bels am liebs­ten geni­tal den B-Star­lets, die auf eine […]

Die See

Denken / Nonfiction

Der Respekt vor der See. Ich erin­ne­re mich noch an das Früh­stück, bevor die Segel gesetzt wer­den soll­ten. Die Stim­mung war gedämpft, es fie­len wenig Wor­te, geschwei­ge denn schmeck­te das Essen. Auch der Vor­mit­tag, an dem im tür­kis­far­be­nen Hafen­be­cken geba­det wur­de, war kaum bes­ser…