Erzählungsfragment

Fiction

Auf der Terrasse waren lästige Mücken. Der malerische See, auf den man sehen konnte und der in dem Wald lag, war von einem Sumpf umgeben. Die Terrasse ging übergangslos in die Halle über, die Scheibe war abgesenkt worden. Es war dunkel, nur die Kerzen auf den Tischen und die Fackeln gaben Licht. Man hörte Grillen und die Geräusche des nahen Waldes, das Grammophon war abgestellt worden. Das Haus war ein riesiger Bungalow, wie die Amerikaner diese Häuser beschreiben würden, mit Fensterläden und einer Terrasse, die übergangslos in die Wohnhalle überging. Bei der Hinfahrt hatten die Wachen der SS und die pompöse Eingangstür verraten, dass hier der Gauleiter von Berlin ab und zu residierte. Das Haus war neu, frisch erbaut, die Pflanzungen noch nicht zugewachsen und es roch noch ein wenig streng, wie alle Neubauten es tun pflegen. Wie konnte man nur in frischgebauten Häusern leben? Ein Diener brachte gekühlten Weisswein und Mineralwasser auf die Terrasse und mischte alles zu einer Schorle.

»Beelzebub, der Herr der Fliegen, das ist doch ein jüdisches Wort, oder?« fragte Goebbels und wedelte die Mücken fort.
Aber die Mücken, die im nahen Sumpf ihr Brutgebiet hatten, waren so nicht zu vertreiben. Wahrscheinlich würde Goebbels wieder eine seine Tiraden gegen die Juden loslassen, die damals in der Weimarer Republik, als er noch ein junger Mann gewesen war, seine literarischen Werke abgelehnt hatten. Nun war er Gauleiter von Berlin, zusätzlich Minister und Chef der staatlichen Holding, der die UFA gehörte. Böse Stimmen kolportierten, Goebbels habe nur so oft an Hitlers Seite erscheinen dürfen weil er noch kleiner als der Führer war. Es war eigenartig, aber auf einmal sah Fritz alles in einem anderem Licht. Nicht dass er es nicht geahnt hätte, doch heute fiel es wie Schuppen von den Augen. Es war wie bei Platons Höhlengleichnis, plötzlich erkennt man, dass die Schatten an der Wand nicht das eigentliche Leben sind, dass nur noch Fassade gespielt wird, freudige Harmonie, wo doch in Wahrheit ein grauenhafter Kampf des Einzelnen um die Macht geführt wird, um die Einladungen in Bogensee, um die Ehre, hier sitzen zu dürfen und bei den Schauspielerinnen, um die Hoffnung ein Star zu werden, auch wenn zu fortgerückter Stunde der kleinwüchsige Hausherr über sie herfallen würde und sie seine eitle Geilheit ertragen müssten.
»Da haben sie recht, Herr Minister« pflichtete Rühmann bei. Dann sah er wieder nach unten. Er schien die Spiegelung des Lichts in seinen blankpolieren Schuhen zu geniessen. Oder wollte er sich selber in seinen Schuhen spiegeln? Martha Goebbels stand auf und stiess einen Stuhl um. Sie war wohl wieder betrunken, seit der Affäre zwischen ihrem Mann und Lída Baarová war sie angeblich etwas dem Alkohol verfallen. Der Gastgeber kommentierte nichts. Er sass nur da und wartete, bis der Diener seine Frau nach innen begleitete.
Die anderen schwiegen aus Höflichkeit. Rühmann hatte ein kostbares silbernes Zigarettenetui, das er etwas betont zur Schah stellte. Er wirkte wie ein blasierter Beau, ohne allerdings die Männlichkeit zu haben, die Hans Albers ausstrahlte. Eigenartig, dass das Reich einen so jungenhaft femininen männlichen Star hervorgebracht hatte.
»Sagen sie, Rühmann, wie wäre es, wenn wir ein Drehbuch hätten, eine Geschichte, die Marlene Dietrich wieder nach Berlin locken würde. Eine Geschichte, die so famos ist, dass keine Schauspielerin auf der Welt nur einen Moment zögern würde, darin mitzuspielen?«
Rühmann stellte sein Glas ab und sah fragend den kleinen Mann mit den abstehenden Ohren an, der einen leichten Sommeranzug trug. Goebbels blickte ernst und seine Finger schnippten nervös. In dem Korbsessel schien dieser kleine Mann fast zu versinken, ein Verhältnis, dass durch die riesige Dimension der Wohnhalle hinter dem abgesenkten Fenster noch gesteigert wurde. Goebbels schnappte plötzlich aus dem Stuhl.
»Bronnen, sie wissen was das für Deutschland bedeuten würde, für Berlin, für das Reich und für die nationalsozialistische Bewegung? Wenn wir Marlene Dietrich in Agfacolor drehen, in Farbe, als Triumph der Filmkunst!«
Fritz blickte erschrocken auf den Minister, der mit den Fingern auf dem Tisch tippte. Fritz spürte, dass er Goebbels wie immer fürchtete. Er war nicht berechenbar, das nervöse Tippen, die angespannten Lippen, all das, das riesige Grundstück, die Steinsäulen, die Wachen in Uniform, der anderthalb tausend Quadratmeter grosse Bungalow mit der hässlichen, riesigen Wohnhalle, die durch die Decke mit der Holztäfelung fast erdrückt wurde, all das spiegelte parvenuehafte, grossmannssüchtige Unsicherheit wider. Als wäre diese groteske Geschmacklosigkeit und dieses ausufernde Anwesen ein Ausgleich zu den Kämpfen, die diese Karriere gekostet hatte. Vielleicht war er, Fritz, auch Goebbels ähnlich in seinem Hang, sich mit teuren Dingen und Prominenz zu umgeben. Vielleicht war aber Macht überall so und ein Hof nie mehr als ein finsterstes Gemälde von Goya.
»Ich fürchte, Herr Minister, selbst die Hundert besten Autoren würden die Dietrich nicht nach Berlin zurückholen, sie hasst, wie sie sagt, die Nazis.«
Goebbels blickte nach der Antwort von Fritz böse und lehnte sich an die Säulen aus Natursteinimitat, die an diesem Bungalow völlig deplatziert aussahen. Als der kleingewachsene Mann, der er war, wirkte er verloren. Er rauchte fahrig. Auch er hatte getrunken und man konnte bei diesen Worten durchaus deutlich sehen, dass er rechts trug.
»Marlene, wissen sie Bronnen, was das für eine Frau ist?«
Fritz schreckte von den Gedanken an Goebbels Glied auf, weil ihm plötzlich klar war, dass er einen Fehler gemacht hatte.
»Ich meine, verstehen sie das nicht? Oder können sie es nicht!«
Plötzlich war alles still, nur die Grillen waren noch zu hören. Es war, als wäre aus der Dunkelheit eine Rotte Rottweiler gekommen, die sich drohend um einen aufbaute.
Selbst Rühmann war still. Auch Froelich, der über den sogenannten Kunstausschuss die Programmplanung der UFA zunehmend bestimmte, musste schlucken. Natürlich wussten sie alles. Ganz Babelsberg wusste es. Mit einem kühlen, klaren Blick musterte Goebbels Fritz. Nur eine kurze Notiz an den SD brauchte fällig zu sein, falls er sich verweigern würde. Nur das unbekannte Starlet, das wohl auf eine Karriere hoffte und wohl nur als nächtliche Entspannung für den Minister geladen war, verstand offenbar nichts.
»Müssen wir uns denn wegen einer Deutschenhasserin in Streit geraten? Es war doch so schön,« wollte sie vom Thema ablenken und begann sich im Stuhl ostentativ zu räkeln.
Sie war peinlich, das war allen ausser ihr klar. Sie wirkte wie ein Püppchen und war offenbar auch noch dumm, das kam erschwerend hinzu. Was wäre eine Frau als Schauspielerin die nicht peinlich und laszessiv, sondern stark und sexy wäre?
»Verzeihen sie mein Schweigen, ich musste überlegen,« entschuldigte Fritz sich endlich und zog an seiner Zigarre, »das wäre ein Unterfangen, das nicht ich alleine entscheiden könnte, weil es tief in die Vorstellungen der Partei eingreifen könnte.«
Fritz tat, als müsse er nachdenken, um den Gedanken nochmals auszukosten.
»Lassen sie hören,« befahl Goebbels, »sie haben die Katze im Sack erwähnt, nun müssen sie sie rauslassen.«
Auch Rühmann erschien interessiert, denn er schob sein seidenes Einstecktuch, das er entfaltet hatte, vorsichtig in die Tasche zurück. Es war, als kontrolliere er unwillkürlich seinen Ausdruck, um ihn in ein interessiertes Zuhören zu verwandeln. Aber bei Schauspielern Emotionen erkennen zu wollen, ist sinnlos, es ist ja ihr Beruf, die Emotionen zu zeigen, die gerade der Situation angemessen sind.
»Den burschikosen spröden Frauentyp als erotisches Sujet im deutschen Film zu verankern wäre ein Novum für das dritte Reich, aber man müsste vielleicht Beate Uhse oder Hanna Reisch als Vorbild nehmen, und nur das Starlet völlig neu konzipieren, weil die Damen ja soviel mehr technikorientiert als die Marlene Dietrich sind.«
»Die will doch niemand sehen,« meinte das Starlet verzweifelt. Spürte sie, dass sie nichts verstand, oder mochte sie Marlene Dietrich nicht?
»Seien sie still und lassen sie uns allein. Sie gehören offenbar zu dem Typ Frauen, denen der Regisseur am Set alles erläutern sollte.«
Goebbels Stimme war kalt wie Eis. Die junge Frau stand auf, versuchte die Tränen zurückzuhalten und ging hastig fort. Ein Zucken von Goebbels mit der rechten Hand zu dem Diener verriet, dass wahrscheinlich jetzt nicht nur ihre Filmkarriere beendet war sondern auch ihr Aufenthalt auf Bogensee.
»Das wäre in der Tat ein Novum,« sagte Froelich endlich, »ob das mit dem nordischen Rassegedanken harmonieren wird?«
Bei ihm merkte man, dass er von dem ganzen Projekt nichts hielt. Aber jeder wusste, dass er Goebbels vollkommen hörig war. Goebbels sah immer noch furchtbar aus. Er hatte schlechte Laune, das merkte man, vielleicht auch weil sein Penis enttäuscht war. Goebbels schnippte mit den Finger, als müsse er seine Nervosität bekämpfen.
»Gibbons, Fall and Decline of the Roman Empire, und die Beschreibung der Germanen,« erwiderte Fritz, »wissen sie, Herr Froelich, wie da die germanischen Frauen beschrieben werden?«
»Nein.«
Goebbels Blick entspannte sich. Man ahnte, dass es in der Partei Spannungen gab. Hatte er Froelichs Zögern bemerkt, oder machte es ihm Freude, seine Gäste gegeneinander auszuspielen? Vielleicht war er um einen Hinweis dankbar, wie er Marlene Dietrich als arischen Frauentyp präsentieren konnte. Er wies den Diener an, die Gläser nachzufüllen.
»Sagen sie es uns, Bronnen, wir sind ja so gespannt.«
»Als, wir würden sagen, Walküren, als Frauen, die durchaus in der Schlacht kämpfen und weniger Wert auf eine weibliche Ausstrahlung legen. Sehen sie Herr Froelich, mit ein wenig Geschichtskenntnis können wir den nationalsozialistischen Frauentyp um etliche Facetten erweitern. Und, ich sage ihnen, jeder bairische Bierdimpfel wird uns beipflichten müssen.«
Man konnte ja die Alpenseligkeit nicht verstehen. Diese Heimattümelei mit retardierten Bauern, wie sie Leni Reifenstahl forcieren wollte, war einfach furchtbar. Wenigstens, so hatte Goebbels mal erzählt, posierte der Führer angeblich vor Eva Braun als Tunte. Aber diese ganze Berghofchic hatte doch etwas von dem Weissen Rössl Erik Charells. Schade, dass die begabten Juden emigriert waren, aber das, musste sich Fritz eingestehen, war ja auch seine eigene Chance gewesen, die zu ersetzen, die emigrieren mussten. Ohne die Nazis wäre er, Fritz, nichts geworden. Wirklich nichts.
Goebbels lächelte wieder und griff nach dem Glas.
»Bronnen, ein Hoch auf sie! Meine Damen und Herren, wir werden Marlene zurückholen, erheben wir uns, auf die Zukunft des deutschen Films!«
Sie erhoben die Gläser und Fritz sah auf die Bäume und dachte daran, dass jetzt alles vorbei wäre. Es war doch sinnlos. Jetzt war Fritz für eine nie zu gewinnende Schlacht rekrutiert worden, für ein Langemarck, das nur mit einem Fiasko enden konnte. Marlene würde nie kommen, niemals. Sie war drüben, auf der anderen Seite des Ozeans, fort, weit weg und würde erst kommen, wenn die Nazis weg wären. Und auf einmal wünschte sich Fritz, dieses weite, ungeheure Meer zu überqueren, diesen Ozean und im Kielwasser diesen gigantischen, hässlichen Bungalow mit dem Walmdach, den Fensterläden und den viel zu süssen Weinen entschwinden zu sehen.
»Mein geliebter Bronnen, wann können sie anfangen, mit dem Drehbuch?«
Fritz sah, dass die Runde ihn anblickte. Froelich, der die Programmplanung der UFA machen konnte, nickte zustimmend, wobei ihm nicht anzusehen war, ob es ein pflichtgemässer Akt war. Wahrscheinlich ging er jetzt schon durch, was alles zu berücksichtigen war. Praktisch gesehen war das ein Auftrag, ein klarer Befehl, von Goebbels, dem die UFA als Konzern unterstand, an Froelich, Rühmann und Fritz. Genauer gesagt, ein Ultimatum an den homosexuellen Drehbuchautor, tätig zu werden, allerdings für ein Drehbuch, dessen Hauptdarstellerin nie kommen würde, also etwas, was zum Scheitern verurteilt war, wie der Versuch, das Meer auszutrinken.
»Bronnen, wenn Sie eine Retraite brauchen, ein Landhaus am Meer oder eine Hütte am Grossglockner, sagen sie es mir.«
Goebbels lächelte. Er genoss seinen Triumph und die neue Perspektive, die, das hatte ihm Fritz ja versichert, auch gegenüber dumpfen Frauenbildern gut zu begründen war.
»Das Meer,« Fritz stöhnte, »ja das Meer. Wissen sie, Herr Minister, ich würde am liebsten am Atlantik sein, in Lissabon, ich bin ja ein urbaner Mensch für den schon dieser schöne Garten bedrohlich viel Natur hat.«
Alle lachten. Niemand hatte diese Zweideutigkeit verstanden. Auf einen Wink brachte ein weiterer Diener ein Tablett mit Notizblock und Stift. Goebbels schrieb ein paar Zeilen und gab sie dem anderen Diener. Goebbels erhob erneut sein Glas um einen Toast auszubringen.
»Herr Bronnen, sie fliegen doch Lufthansa, oder? Und machen sie sich wegen etwaiger Devisen keine Sorgen. Das Reich kann seine besten Kräfte immer unterstützen. Und dann, sagen wir, auf ihre Arbeit!«

Auszug aus einer nie fertig gewordenen Erzählung. Die Frage, ob Hitler klandestin homosexuell gewesen sein könnte, erscheint hier in einem sagenhaften Mikrofilm, der angeblich am Obersalzberg aufgenommen wurde. Nach dem Kriege, als der versteckte Film wiedergefunden wurde, will niemand mehr etwas von ihm wissen. Foto: Goebbels ehemaliger Landsitz Bogensee, 2014