Der Berichterstatter

Fiction

Es war der ers­te Tag, da er mit der End­re­dak­ti­on des Berich­tes begin­nen muss­te. Was soll­te er machen? Es war ja nicht so gewe­sen, dass er die Stadt, in die er hin­ge­zo­gen war, nicht hin­rei­chend ken­nen gelernt hat­te, im Gegen­teil nach 386 Tagen waren wohl sei­ne ers­ten Dos­siers fäl­lig, das ahn­te er. Das war abzu­se­hen gewe­sen. Das Schlim­me war, dass nie­mand bis­lang je ein Dos­sier von ihm ein­ge­for­dert hat­te, sodass er qua­si nichts vor­be­rei­tet hat­te. Der Bericht­erstat­ter wuss­te nur, es war drin­gend, und das war das Unan­ge­neh­me an die­sem Tag gewe­sen, es war ein Zet­tel unter der Tür gele­gen “erwar­ten spe­zi­fi­schen bericht”, abge­faßt mit Schreib­ma­schi­ne. Müh­sam hat­te er, der Bericht­erstat­ter, die Milch­tü­ten abge­stellt und sich den Zet­tel ange­se­hen, zwei­fels­oh­ne, es gab nie­man­den außer sei­nem engs­ten Freund Andre­as und sei­nen Auf­trag­ge­bern, die er nie­mals zu Gesicht bekom­men hat­te, die von die­ser Mis­si­on wis­sen moch­ten. Schwei­gend schloß der Bericht­erstat­ter die Woh­nung auf, leg­te die Milch in den Kühl­schrank und ging zum Fens­ter, das noch gekippt war war. Nie­mand, das sah er, hat­te ange­ru­fen. Das Tele­fon mel­de­te kei­nen Anruf. Kei­nen Ein­zi­gen. Das war nicht wei­ter beun­ru­hi­gend. Drau­ßen im Hof war es still. Ein paar Autos ros­te­ten vor sich hin. Der Hof war mit Beton­plat­ten aus­ge­legt. Zwi­schen den Beton­plat­ten war der Asphalt auf­ge­quol­len. Ab und zu wuch­sen Gras­hal­me zwi­schen den Plat­ten. Gegen­über plärr­te ein Kind. Es hat­te rote Ohren und sah so aus als wäre es gera­de geohr­feigt wor­den oder als erwar­te es eine Ohrfeige.

Das Schlim­me war, dass der Bericht­erstat­ter von Anfang nicht gewußt hat­te, was für sei­ne Auf­trag­ge­ber von Inter­es­se sein wür­de. Also waren Hun­der­te von Tage­buch­no­ti­zen, Han­dy­fo­tos und alles Mög­li­che gesam­melt wor­den. Der Bericht­erstat­ter sah sich um. Die Woh­nung war zur Ver­fü­gung gestellt wor­den, Geld war reich­lich über­wie­sen wor­den jeden Monat. Die Wand war weiß gestri­chen. Es war ein leich­tes Gelb­braungrau an den Wän­den. Sorg­fäl­tig zu strei­chen, hat­te der Bericht­erstat­ter sich nie­mals die Mühe gemacht, denn seit­dem er mit dem Pro­jekt von sei­nen Auf­trag­ge­bern durch eine Anzei­ge in Kon­takt gekom­men war, schien ihm das Leben in der Woh­nung nur eine eher tran­si­to­ri­sche Exis­tenz zu sein, anfangs dach­te er, ein zwei Mona­te, dann wäre alles vor­bei, da konn­te man viel in Kauf neh­men. Aber die Zeit ver­strich, ohne dass irgend­was gefor­dert wurde.

Der Bericht­erstat­ter sah sich den Zet­tel an. Die Schrift, das sah man, war nicht per Dru­cker aus­ge­druckt wor­den. Die Buch­sta­ben waren mit aller Kraft auf das Papier gedrückt wor­den. Eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne war ver­wen­det wor­den und der der­je­ni­ge, der getippt hat­te, muss­te viel Kraft haben. Viel­leicht soll­te der Bericht­erstat­ter Andre­as anru­fen. Der Bericht­erstat­ter nahm das Tele­fon zur Hand. Er begann die Num­mer ein­zu­tip­pen. Vor der letz­ten Zahl leg­te er wie­der auf. Was war wenn Andre­as tat­säch­lich den Zet­tel getippt hatte? 

Es war ja auch völ­lig unklar wor­über Bericht erstat­tet wer­den soll­te, mit jedem Monat, der ver­stri­chen war, ohne dass irgend­was inhalt­lich gefor­dert wor­den war, war die Anspan­nung gewach­sen. Das kam hin­zu. Der Bericht­erstat­ter nahm sich die Jacke vom Haken und schloß die Wohungs­tür ab. Er über­leg­te ob er einen der übli­chen Tricks, von denen er gele­sen hat­te, ver­wen­den soll­te um zu kon­trol­lie­ren ob jemand sei­ne Woh­nung betre­ten hat­te, aber er ver­warf das als para­no­id. Wahr­schein­lich konn­ten ihn sei­ne Auf­trag­ge­ber das als Miß­trau­en aus­le­gen. In die­ser Situa­ti­on jetzt, da er mög­li­cher­wei­se durch einen Zet­tel von ihren For­de­rung unter­rich­tet wor­den war, wür­den sie wahr­schein­lich die Tür sehr genau kon­trol­lie­ren, bevor sie sie öff­nen wür­den. War der dicke Mann, der immer Jog­ging­ho­sen trug in Wahr­heit ein Mit­ar­bei­ter der Auf­trag­ge­ber? Wozu dien­te aber dann ein Bericht, wenn der Bericht­erstat­ter schon die gesam­te Zeit über­wacht wor­den wäre?

Drau­ßen reg­ne­te es, ein fei­ner leich­ter Regen fiel vom Him­mel. Die Häu­ser waren grau. Vor mehr als einem Jahr war er hier­her gezo­gen, zuvor hat­te er woan­ders gewohnt. Als der Bericht­erstat­ter in die Woh­nung war, hat­ten die Über­wei­sun­gen begon­nen. Nie­mals war es mög­lich gewe­sen mit dem Ver­mie­ter direkt in Kon­takt zu tre­ten, es war per Brief ver­ein­bart wor­den, die Woh­nungs­schlüs­sel bei dem Haus­meis­ter abzu­ho­len. Anfangs hat­te der Bericht­erstat­ter einen gro­ßen Enthu­si­as­mus gehabt, was den Bericht anging, aber mit den Wochen ver­lor sich das Inter­es­se, weil nichts geschah außer den regel­mä­ßi­gen üppi­gen Über­wei­sun­gen und der Infor­ma­ti­on des Haus­meis­ters, dass der Haupt­mie­ter die­ser Woh­nung eine unbe­kann­te Agen­tur sei, die offen­bar nur als Schild eines Brief­kas­tens exis­tent war. Nur ein­mal hat­ten die Auf­trag­ge­ber seit­dem ver­sucht zu ihm Kon­takt auf­zu­neh­men. Vor einem hal­ben Jahr war eine ähn­li­che Bot­schaft im Brief­kas­ten gewe­sen, ein offen­bar foto­ko­pier­ter Zet­tel, “erwar­ten defi­ni­ti­ve diskretion”.

Schließ­lich hat­te sich eine Arbeit als Fahr­rad­ku­rier ange­bo­ten, um irgend­was außer den immer spär­li­che­ren Noti­zen, die sich aus­ge­druckt sta­pel­ten, zu tun. Mit der Zeit war das Fahr­rad­fah­ren leich­ter gewor­den, die Kilo­me­ter spul­ten sich so ab, ohne dass der Bericht­erstat­ter groß eine Anstren­gung bemerk­te. Sei­ne Ober­schen­kel waren jetzt immer fest und fühl­ten sich wie Beton an, wenn er am Abend zurück kam.Auch mit der Tätig­keit hat­te der Bericht­erstat­ter die regel­mä­ßi­gen Über­wei­sun­gen nicht ver­ges­sen kön­nen. Das Fah­ren lenk­te aber trotz­dem ab. All­mäh­lich hat­te der Bericht­erstat­ter auch dabei die Stadt bes­ser ken­nen­ge­lernt. Er kann­te die Foy­ers ele­gan­ter Anwalts­kanz­lei­en genau­so wie die soge­nann­ten Import & Export­fir­men in irgend­wel­chen neu­ge­bau­ten soge­nann­ten Gewer­be­parks, die vor allem Schwarz­ar­bei­ter an Bau­stel­len ver­mit­tel­ten. Film­rol­len zu Dru­cke­rei­en fah­ren, Daten­trä­ger zu Daten­ver­ar­bei­tungs­fir­men, Abrech­nun­gen wer weiß wohin, alles mög­li­che, eine neue Gewohnheit.

Es gab eine Gehalts­er­hö­hung für den Bericht, ohne dass der Bericht­erstat­ter dar­um nach­ge­fragt hätte.

Nor­ma­ler­wei­se hät­te er heu­te als Kurier arbei­ten sol­len. Als der Zet­tel unter der Tür gele­gen war hat­te der Bericht­erstat­ter dem Dis­po­nen­ten gesagt, dass er erkäl­tet sei und von daher nicht fah­re. Der Dis­po­nent hat­te sich für die Infor­ma­ti­on bedankt und auf­ge­legt. Es reg­ne­te nicht mehr. Die Stra­ße war trotz­dem naß. Jetzt am Vor­mit­tag war der Berufs­ver­kehr vor­bei, dafür hat­te der übli­che Lie­fe­ran­ten­ver­kehr begon­nen. Eine Bau­stel­le war da, die Stra­ße ver­eng­te sich auf zwei Spu­ren. Hof­fent­lich, dach­te der Bericht­erstat­ter sich, war Andre­as zuhau­se. Hof­fent­lich. Er war der ein­zi­ge in die­ser Stadt gewe­sen, dem er von dem Auf­trag erzählt hat­te. MIT ELDIRONT TÄGLICH FRISCH DEN TAG BEGINNEN. Eine zweit­klas­si­ge Blon­di­ne lächel­te einen dum­men Mus­kel­mann an, der ein viel zu enges Hemd trug. Dane­ben war eine Wer­bung für pri­va­te Eutha­na­sie in Hol­land. Dann muß­te der Bericht­erstat­ter an einer Ampel hal­ten. Es war kühl und win­dig. Eine Tram­bahn glitt rum­pelnd über eine Brü­cke. Die Brü­cke war ros­tig und die Tram­bahn fuhr im Schritt­tem­po. War das aber für die Auf­trag­ge­ber wesent­lich? Das Ein­zi­ge was er von ihnen mit­be­kom­men war das Auf­nah­me­ge­spräch per Video­chat gewe­sen, aber die Gegen­sei­te hat­te die Kame­ra zuge­klebt. Man wol­le das Pro­jekt so unbe­ein­flusst wie mög­lich gestal­ten, sei­ne Anwe­sen­heit in der ande­re Stadt sei erfor­der­lich. Dann hat­te ein Umschlag mit Schei­nen in sei­nem Brief­kas­ten gele­gen, in einem Umschlag, der nicht abge­stem­pelt wor­den war. Die Woh­nung war ja auch über­ge­ben wor­den. Seit­dem gab es auch die regel­mä­ßi­gen Über­wei­sun­gen, die, obwohl er seit­dem die Bank gewech­selt hat­te, regel­mä­ßig jede zwei­ten Woche auf sei­nem Kon­to gut­ge­schrie­ben wur­den. Immer Bar­ein­zah­lun­gen. Es war auch nicht mög­lich gewe­sen, die Zah­lun­gen rück­gän­gig zu machen, die im Übri­gen nie­mals aus der der­sel­ben Stadt erfolgt waren. Was hät­te der Bericht­erstat­ter tun können?

Der Berich­t­erst­t­ter war ange­kom­men. Der Flur des Hau­ses, in dem Andre­as wohn­te, war hell. Fahr­rä­der waren abge­stellt und mit mas­si­ven Bügel­schlös­sern an dem Gelän­der der Trep­pe fest­ge­macht. In einer Woh­nung lief ein Fern­se­her. Es gab eine Schie­ße­rei mit vie­len Schmer­zens­schrei­en. Das Fahr­rad lag sper­rig auf der Schul­ter, vor­sich­tig stell­te der Bericht­erstat­ter es ab. Andre­as öff­ne­te die Tür, er trug sei­ne dunk­le, teu­re Horn­bril­le, ein karier­tes Hemd und Bart.
»Was ist pas­siert«, sag­te er, »dass du so über­ra­schend kommst.«
Andre­as hat­te war bar­fuß. Um sein Bett, was nur eine Matrat­ze, die am Boden lag, war, lagen Bücher und Hef­te.
»Ich habe einen Zet­tel erhal­ten.«
Andre­as nahm den Zet­tel an sich. Ein Feh­ler, dach­te der Bericht­erstat­ter, ein Feh­ler.
»War das alles?«
Ohne Zwei­fel waren die Unter­ar­me von Andre­as der­art beschaf­fen, dass sie beim Tip­pen an einer Schreib­ma­schi­ne Buch­sta­ben so durch­drü­cken wür­den. Das Gefühl einer wei­te­ren Aus­sichts­lo­sig­keit, die sich zu der ers­ten gesellt hat­te, kam auf.
»Merk­wür­dig. War­te«
Andre­as reich­te den Zet­tel zurück.
»Mit einer Schreib­ma­schi­ne geschrie­ben«, sag­te er.
»Kennst du die Mar­ke?«
Eine len­den­lah­me Offen­si­ve, durch­zuck­te es den Bericht­erstat­ter.
»Nein. Ich habe es mit Sicher­heit auch aus ande­ren Grün­den nicht getippt.«
»War­um?«
Es reg­ne­te. Im Hof war das Pras­seln von Trop­fen zu hören. Es war ein stän­di­ges, ekli­ges Pras­seln.
»Es gibt es kei­ne Farb­bän­der mehr für mei­ne Maschi­ne.«
Der Bericht­erstat­ter wuss­te nicht mehr, was sagen. Ohne Zwei­fel, wahr­schein­lich war Andre­as in der Tat beschäf­tigt gewe­sen. Wahr­schein­lich. Höchst­wahr­schein­lich. Ob jemand ande­res viel­leicht doch den Zet­tel hin­ge­steckt hat­te? Unge­fragt ging Andre­as zu der Espres­so­ma­schi­ne, um Kaf­fee zu machen. Plötz­lich durch­zuck­te den Bericht­erstat­ter ein böser Gedan­ke. Was wäre, wenn die Auf­trag­ge­ber wüss­ten, dass Andre­as eine Schreib­ma­schi­ne hat­te und sie nun ihre Miss­bil­li­gung über die Tat­sa­che, dass Andre­as in Mit­wis­ser­schaft gezo­gen war, mit­teil­ten?

Die Füße fühl­ten kei­nen Boden. Drau­ßen war immer noch das Pras­seln des Regens zu hören.

Foto: Phyl­li­da Bar­low. fron­tier, Haus der Kunst, München