Schichten der Wahrheit

Denken / Geschichte

Was ist, wenn die Welt zunehmend einer totalen Kontrolle unterläge und alles, was wir erleben, längst die Agenda einer neuen, totalen Weltordnung sei?

Lutz Dammbeck folgt in seinem Filmessay Das Netz von 2004 der These eines offenbar verwirrten rechtsradikalen Attentäters, die Wirklichkeit, die wir kennen, sei in Wahrheit das perfide Konstrukt einer Machtmaschine, die sich im Umkreis diverser scheinbar liberaler Institutionen und Geheimdienste der USA etabliert habe.

Man habe einen neuen, nicht zu faschistoiden Handeln neigenden, Menschen, fördern wollen und die glasklar denkenden Protagonisten, die vor dem 3.Reich geflohen waren und die am Ende zu Wort kommen, sind in ihrer Ansicht, die dem Unabomber nur in seinen Taten widersprechen will, über jeden Zweifel erhaben, das Esalen-Institut in den Wäldern des Big Sur auch. So entsteht eine leise Gänsehaut bei der Rezeption dieses Films, alles wird leicht creepy, könnte doch, was was wir als gelungene Emanzipation verstehen, das Produkt eines geschlossenen Systems der Eliten oder eines interessengeleiteten Apparates sein? Ist die Geschichte der drogeninduzierten Bewußtseinerweiterung nicht längst von teilweise denselben Protagonisten in das big tech der Datenindustrie verwandelt worden? Ist das alles nicht nur in den Augen von Paranoikern ein Gitterkäfig der Indoktrination und Weltformung, der sich über uns wirft und dessen Maschen wir nicht mehr erkennen?

Auch der nächste Autor ist politisch über jeden Zweifel erhaben, Adam Curtis, der in seinem Filmessay Hypernormalisation von 2016 der Wahlsieg Donald Trumps vorhergesagt hatte, bleibt bei Hypernormalisation der Linie Dammbecks treu, indem er die geistigen Strömungen und gemeinsame Erzählungen auch in Bezug auf die Interessen des Machtgefüges setzt und Narrative, die als verständlich gedacht werden, als Ergebnis von Manipulationen entlarvt. War etwa Khaddafi nie der Bösewicht, für den ihn alle hielten? Waren seine Bösartigkeit und die ihm zugeschriebenen Attentate nicht Inszenierung des im Mediengeschäft erfahrenen Ronald Reagan, weil dieser sich nicht traute, den wahren Schuldigen, Hafiz al-Assad, zu benennen? Ist nicht die Wirklichkeit des Parteipolitischen längst der Risikominimierung von BlackRock geschuldet und arbeiten nicht überall Spindoctoren an der Eruierung des gesellschaftlich am besten Vermittelbaren damit die politisch entscheidenden Wechselwähler am ehesten geködert werden? Ist dies nicht eine Welt ohne jede politische Vision?

Adam Curtis arbeitet für die BBC, er gilt nicht nur als einer der besten Dokumentarfilmer unserer Zeit, sondern auch einer der besten und eigenwilligsten politischen Beobachter. Es sind in beiden Essays mindere Schnipsel, kleine Unstimmigkeiten, die zu großen Zweifeln auswachsen und nun, im Kreis einer wachen Elite, als begründete Zweifel an der kollektiven Wahrnehmung genommen werden. Es ist, als wäre die The Truman Show Wirklichkeit und wir als Insassen würden nur auf die künstlichen Ränder der Welt blicken. Keinesfalls ist es so, dass dies an der Rechten vorbei ginge, nimmt sie doch dasselbe Thema auf und spielt es ebenfalls ab, nur gröber, holzschnittartiger und mit anderen Bezügen. Der im Internet verbreitete Film OUT OF SHADOWS etwa beginnt mit der Autobiographie eines durchaus sympathischen Stuntmans, der für Hollywood arbeitet, falsch stürzt und bei der Rekonvaleszenz Gott findet. Das könnte ein frommes Biopic sein, würde der Stuntman nicht nur sein bisheriges Leben als von falschen Göttern gelenkt empfinden, sondern auch noch diese in Hollywood am Werke sehen. Auch das ist ohne Zweifel richtig, was die propagierten Werte angeht, nur geht der wohl eher physisch als mental begabte Stuntman einen Schritt weiter, Hollywood sei in Wahrheit ein Komplex, um die Menschen spirituell zu versklaven. Die familiären Verbindungen zwischen Showbusiness und dem militärisch industriellen Komplex seien eklatant und allmählich rutscht der Film immer weiter in Gefilde von tiefsten Verschwörungstheorien, wobei die Argumentationslinien immer dünner werden und das Böse immer grandioser. Sei nicht die gefeierte Marina Abramovic, die mit den Ritualen des Bösen spielt, in Wahrheit Satanistin? Will man Genaueres über die mit ihr verbundenen Verschwörungstheorien wissen, genügt es nur die Kommentare im Netz anzusehen, um die Orgien des Hasses zu sehen, die ihr inzwischen gelten. Natürlich wird die Wirklichkeit noch perfider, am Ende von OUT OF SHADOWS werden pädophile Verschwörer ausgemacht, die kleine Kinder opfern und sich, wie alle Satanisten, aufgrund eines inneren Zwanges immer wieder als solche outen müssen, es erscheint sozusagen der Kinderschändungsring von Marc Dutroux in ungeheuren Maßstab, würdig einer Supermacht.

Denn jetzt erscheint eine immens politische Agenda in der Szene, die bis in die Wahlveranstaltungen der USA und den Aussagen Donald Trumps reicht. Mit ihr beginnt für die Rechten eine Reise in das Herz der Finsternis, zu der Familie Clinton, zu Barack Obama, zu Pizzagate, dem, wie OUT OF SHADOWS zu wissen glaubt, geheimen Siegel des absolut Satanischen. Pizzagate bezieht sich nicht auf eine Pizzeria, Comet Ping Pong, in der 2016 ein verwirrter Mann samt Maschinengewehr den Keller suchte, in dem angeblich Babys gefoltert wurden, sondern in Wahrheit auf Hillary Clinton und den Stabschef des Weißen Hauses, John Podesta. Damit es schön schauerlich wird, betreten auch noch die Russen (die nicht nur seit James Bond für alles Perfide und Grobe taugen) die Bühne und offerieren WikiLeaks die Emails zwischen John Podesta und Hillary Clinton. Und in diesen tauchen angeblich die Codewörter dinner, pizza und spirit cooking auf, die nicht auf leibliche Genüsse sondern auf Kindesmissbrauch und Folter deuten, sei doch Pizza ein Codewort der Pädophilen und spirit cooking satanische Praxis von Marina Abramovic. Jetzt habe sich also der New World Order im Weißen Hause personifiziert und Hillary Clinton erscheint als Meisterin der Satanisten oder Chefin eines Kinderhändlerringes, der die Kleinen für stundenweise Rituale offeriert.

Alex Jones und 4chan verbreiteten die Geschichte, Donald Trump nahm sie auf, als er im Fernsehduell mit Hillary Clinton versprach, er würde sie hinter Gitter bringen. Diese explizite Drohung war sozusagen eine Referenz an die Ultrarechten, die für den Mainstream verborgen war. Diese Drohung war das geheime double talk der Ultrarechten, der für Uneingeweihte unverstandene Appel endlich die Satanisten und Magier des New World Order aus dem Weißen Hause zu entfernen. Mit Trumps Drohungen war die Scheidewand zwischen den „Bürgerlichen“ und den neuen radikalen Rechten eingerissen, die Agenda Trumps offenkundig, und wer genau hinschaut, sieht hier eine Matrix am Werk, die auf rationale Argumente nicht mehr antworten will, weil sie längst an andere glauben oder appellieren will, ohne es jemals offenkundig zu machen.

So bleibt, dass sich eine Verschwörungsgeschichte um eine von klugen Beobachtern gesehene Formatierung unserer Wirklichkeit rankt. Was luzide Geister als plausibel aufgedeckt haben erscheint nun sozusagen als Programmschnipsel in ganz anderen Applikationen, etwa als Aufdeckung einer immensen Verschwörung oder in spirituellen Sphären als Inkursion finsterer Mächte. Es ist nicht wahr, dass kluge Gedanken, die geäußert werden, ein Copyright haben könnten, das ihre Anwendung anderswo unterbinden würde. Wer jetzt die geistige Ursupation der Rechten stoppen will, darf niemals die Genese ihrer ideologischen Software unterschlagen und dabei das leugnen, was die Verbindung ihrer Gedanken zu der Warnung kluger, integrer Geister ist. Im Gegenteil, man ließe sich dann die Perlen des eigenen Denkens entwenden um sich dann mit dem gemein zu machen, wovor gewarnt worden war.

Denn natürlich gab es auch den multiplen, organisierten Missbrauch, allerdings von minderjährigen Jugendlichen. The Lolita Express hiess das Flugzeug, das illustre Gäste zu einer Insel flog, in der junge Teenager den Gelüsten der sexuell bedürftigen VIPs ausgeliefert waren. Nach seiner Präsidentschaft war Bill Clinton dort, nie mit Leibwächtern, aber offenbar gern. Auch der saudische Kronprinz, der einen Widersacher bei lebendigen Leib zerstückeln ließ, mochte Epstein, dem die Insel gehörte, der alles diskret filmen ließ und mit Ehud Barack gut befreundet war. Auch Prinz Andrew schätzte Epstein, natürlich nicht aufgrund der wartenden jungen Schönheiten, wie konnte er das denn wissen! Dumm ist nur, dass Epstein in der Zelle des Hochsicherheitsgefängnisse angeblich Selbstmord beging, weil, wie es heißt, die Wachleute nicht aufgepaßt hatten.

Nur Donald Trump war einmal außerordentlich ehrlich, was ihn und Epstein verbände, sagte er, sei die Liebe zu jungen Mädchen.

Nachtrag: QAnon funktioniert genauso. Wobei bei QAnon hinterhältige jüdische und von Freimaurern gesteuerte Finanzkomplotte die Welt regieren.

Bild: Bunker auf dem ehemaligen sowjetischen Fliegerhorst bei Werneuchen, Graffiti russischer Soldaten und neuere Graffiti.