Das verlorene Buch des Aristoteles

Geschichte / Theologie

Was wäre, wenn einer der erha­bens­ten, wich­tigs­ten phi­lo­so­phi­schen Tex­te über das Lachen geschrie­ben wäre?

Es gäbe, so die Erzäh­lung, einen Text, der so geheim und sub­ver­siv sei, dass er nie­mals an die Öffent­lich­keit drin­gen dür­fe, wes­we­gen er ein­ge­schlos­sen und ver­wahrt blei­ben müs­se, denn alles, wirk­lich alles, gerä­te ins Wan­ken, wür­de die­ser Text öffent­lich. Der Mönch, der dies äußert, ist in dem Roman einer jener hage­ren, kno­chi­gen Gestal­ten, die mit allen Mit­teln das Über­lie­fer­te sichern wol­len, ein blin­der aske­ti­scher Mann mit rigo­ro­sem Pro­ce­de­re, ähn­lich den angeb­li­chen Bewah­rern des Glau­bens, die auch immer lie­ber die Welt in Flam­men set­zen als ein Fuß­breit ihrer ver­meint­li­chen Wahr­heit preis­zu­ge­ben. Ja, der blin­de Biblio­the­kar wird die Biblio­thek, die ein Sym­bol der Welt ist, ein­äschern, damit der Text des Aris­to­te­les über die Komö­die, also das Lachen, nie­mals an die Öffent­lich­keit gelange. 

Die­sen Text des Aris­to­te­les hat es nie gege­ben, Umber­to Eco hat­te ihn in dem Namen der Rose erfun­den. Aris­to­te­les bleibt in der Tra­di­ti­on des Wes­tens der kno­chen­tro­cke­ne Begrün­der des Mono­the­is­mus und der Logik, auf sei­nen Schul­tern wur­de das unge­heu­re Gebäu­de der mit­tel­al­ter­li­chen Scho­las­tik errich­tet. Umber­to Eco aber fügt lis­tig eine wei­te­re Kom­po­nen­te in das ima­gi­nä­re Spiel der Wahr­heit ein, was wäre, wenn nicht nur Logik und Sehn­sucht, son­dern auch der Humor Mit­tel der Erkennt­nis seien? 

Wo blie­be dann im Bereich der Meta­phy­sik das aus­schließ­li­che Spiel der hage­ren, eisi­gen Her­ren des Glau­bens? Und was wäre, wür­de man als Prä­mis­se zusätz­lich anneh­men, über­lie­fer­te reli­giö­se Tex­te könn­ten auch Gro­tes­ken sei­en und man müs­se nicht nur bebend vor erha­be­nen Ernst die hei­li­gen Bücher lesen, weil sie angeb­lich in jeder Zei­le vom tran­szen­den­tem Glanz der irdi­schen Herr­schaft erzäh­len? Was wäre wenn sie spöt­tisch uns der Lächer­lich­keit preis­ge­ben, wenn wir so an sie her­an­ge­hen? Und, wür­de man dann als fin­di­ger Komi­ker etwa behaup­ten dür­fen, die Geschich­te von König Salo­mon sei eine der böses­ten und sar­kas­tischs­ten Sati­ren, die je geschrie­ben wur­den? Ja, die Rede ist von König Salo­mon im Buch der Köni­ge, der als Num­mer Drei in der Herr­schafts­ge­schich­te Isra­els einem sui­zi­dal depres­si­ven Ver­sa­ger und einem sex­süch­ti­gen Har­fen­spie­ler mit Fai­ble für das beson­ders Gro­be nach­folgt (ja, König David, der zuletzt wie Assad als alter Mann sei­ne ver­ge­bens rebel­lie­ren­den Volks­tei­le von pro­fes­sio­nel­len Kräf­ten abschlach­ten lässt). Nun erlangt also ein König den Thron, des­sen Weis­heit angeb­lich alles über­trifft, was es bis­lang gege­ben habe, ein Mann, so wird erzählt, vol­ler Weit­sicht und Klug­heit, ein Mann unge­heu­ren Reich­tums, der Ver­fas­ser unzäh­li­ger Weis­heits­e­pis­teln und der Erbau­er des Tem­pels. Salo­mon befand nach einer Wei­le, dass Gott, so berich­tet das Buch der Köni­ge, wie er selbst eines reprä­sen­ta­ti­ven Hau­ses bedür­fe und begann mit den Vor­be­rei­tun­gen einen Tem­pel zu errich­ten. Natür­lich wur­de der Tem­pel präch­tig, Zedern aus dem Liba­non wur­den ver­baut, alles, was mit Geld zu haben war, wur­de inte­griert. Salo­mon hei­ra­te­te auch stan­des­ge­mäß die Toch­ter des Pha­rao, sein Reich­tum wird als unfass­bar beschrie­ben. Er rüs­te­te eine Flot­te aus, die von Eilat aus nach Afri­ka segel­te, er hat­te für orna­men­ta­le Zwe­cke hun­der­te Schil­der aus purem Gold, einen mit Gold über­zo­ge­nen Thron aus purem Elfen­bein, mit Löwen­ste­len an der Sei­te, wie sie in Meso­po­ta­mi­en üblich waren, dazu stan­des­ge­mäs­ses Geschirr aus Gold und Stäl­le für Tau­sen­de Pfer­de. Mit Wol­lust scheint der Text zu beschrei­ben, dass Salo­mon, der Zwei­te in dem Hau­se David, prunk­vol­ler als jeder Herr­scher vor ihm resi­dier­te. Doch im Buch der Köni­ge wird nur lapi­dar gesagt, es sei­en 480 Jah­re ver­gan­gen seit dem Aus­zug aus Ägyp­ten, als man, was ja mit­ge­dacht wird, den Pha­rao­nen ent­kom­men wollte.

Und nun, nun hat Isra­el wie­der einen Pha­rao? Ist das bit­te­re Iro­nie oder ein devo­ter Blick auf die Aus­stat­tung des hohen Herrn? Ist die mär­chen­haf­te Weis­heit Salo­mons in Wahr­heit auch nur eine bit­te­re Far­ce? Denn Salo­mon über­sah laut dem Buch der Köni­ge, dass die wohl absur­de Fron, die er sei­nem Volk für sei­ne Bau­pro­jek­te auf­er­legt hat­te, nach sei­nem Tode zu einer Rebel­li­on führ­te. Er, des­sen Weis­heit im Buch der Köni­ge schein­bar in den Him­mel gelobt wird, war dafür ver­ant­wort­lich, dass post­hum zehn Stäm­me abfie­len und mit Isra­el einen eige­nen Staat grün­de­ten. Juda, der Rest­teil im Nor­den, war nur noch ein Klein­staat, Salo­mons Weis­heit hat­te Bank­rott anmel­den müs­sen. Die Erzäh­lung über Salo­mon ist offen­bar so ange­legt, dass sich erst bei genaue­rem Lesen die Gro­tes­ke ent­larvt, als wäre dies für den ober­fläch­li­chen Leser ein gebüh­ren­der Aus­flug in die Welt roya­len Glan­zes. Und was wäre das für ein Meis­ter­werk der Per­si­fla­ge, das durch Jahr­hun­der­te alle From­men genarrt hät­te? Mit einem Schla­ge wäre das Buch der Köni­ge in die Sum­oklas­se der Iro­nie auf­ge­stie­gen und hät­te dis­kret neben Orwells Ani­mal Farm Platz neh­men dürfen.

Dabei sind die Bezü­ge, die die Erzäh­lung in das Reich der Gro­tes­ken wie Das Gast­mahl des Tri­mal­chio ver­ban­nen wol­len, so augen­fäl­lig, das sie nie­mals zufäl­lig gewe­sen sein könn­ten. Nach dem Turm­bau zu Babel ver­lie­ren die Men­schen die gemein­sa­me Spra­che, nach der Fer­tig­stel­lung des Tem­pels die Juden den gemein­sa­men Staat. Auch die Zahl 666, die angeb­lich der Gesand­te Satans, der Kai­ser, in der weit spä­te­ren Offen­ba­rung des Johan­nes als gehei­mes Zei­chen trägt, fin­det sich in Salo­mons Jah­res­bud­get, nimmt er doch 666 Talen­te Sil­ber ein. Wie kann man das über­se­hen und Salo­mon als per­so­ni­fi­zier­te Ver­si­on von Isra­els Grö­ße ver­ste­hen und nicht, was sonst anstün­de, als vul­gär gie­ri­ge und poli­tisch blin­de Kon­se­quenz einer frisch instal­lier­ten Macht­ver­ti­ka­le? Ver­lei­tet eine iro­nie­be­frei­te Les­art nicht dazu, ob der ver­lo­re­nen Erha­ben­heit der Macht weh­mü­tig den Boden zu küs­sen? Über­lässt man also dann ins­ge­heim als treu­li­cher Reak­tio­när dem impe­ria­len Grö­ßen­wahn das eige­ne men­ta­le Tages­ge­schäft? Ver­kehrt man eine der gro­ßen Erzäh­lun­gen der Mensch­heit so in ihr abso­lu­tes Gegen­teil und ver­wan­delt man herr­schafts­kri­ti­sche Sati­re in ein Hel­den­epos? Bei einem Salo­mon, der nicht als Far­ce gele­sen wird, tre­ten aller­dings macht­ge­wohn­te Herr­schaf­ten samt Leib­wäch­tern mit wat­tier­ten Schul­ter­pols­tern dazu, die sich auf Stüh­le set­zen wol­len, die ihnen nicht gehören.

Genau das ist das spitz­bü­bi­sche Fazit Umber­to Ecos. 

Eini­ge Sät­ze sind wort­gleich mit Auf­stand und Apo­ka­lyp­se, einem Essay über Macht und Apo­ka­lyp­se in der Tra­di­ti­on des Alten und Neu­en Tes­ta­men­tes. Da der Text vom sel­ben Ver­fas­ser stammt, wur­de ver­zich­tet Zita­te als Zita­te zu kenn­zeich­nen, etwai­ge Pla­gi­ats­vor­wür­fe lau­fen ins Leere.