Dachfiguren

Geschichte / Kunst

Die Men­schen des Baro­ckes erschei­nen für uns schein­bar bereits Wesen der Moder­ne zu sein, also Men­schen, die wir für ver­ständ­lich und mög­li­cher­wei­se ratio­nal hal­ten, aber, sieht man die Rekon­struk­tio­nen baro­cker Schlös­ser, die in Ber­lin und Pots­dam errich­tet wer­den, so fällt eines auf, was noch fehlt und mög­li­cher­wei­se aus finan­zi­el­len Grün­den nicht wie­der auf­ge­stellt wird oder gar als unnö­tig weg­ge­las­sen wird, obwohl es zu baro­cker Archi­tek­tur dazu­ge­hört: die Atti­ka-Figu­ren.

Atti­ka-Figu­ren sind die über­le­bens­gro­ßen Stein­skulp­tu­ren auf den Gesim­sen, die vom Dach aus wie Wäch­ter über den Raum wachen, der das Gebäu­de umgibt. Meis­tens wir­ken sie aus einer bestimm­ten Ent­fer­nung genau­so groß wie Men­schen am Boden und der Kun­di­ge weiß, jetzt betritt er sozu­sa­gen den tat­säch­li­chen und auch geis­ti­gen Schutz­raum des Herr­schers oder der Dynas­tie (Barock und Roko­ko waren ja Zei­ten, in denen weni­ge Fami­li­en fast alles in Euro­pa beherrsch­ten). Was dar­ge­stellt wur­de waren meis­ten Moti­ve aus der Anti­ke, die Fami­li­en sahen sich als Sach­ver­wal­ter der anti­ken Kul­tur, ihre Göt­ter und Göt­tin­nen ent­stamm­ten dem anti­ken Pan­the­on, der nun als ideo­lo­gi­scher Raum für ihre Herr­schafts­an­sprü­che die­nen muß­te. Was mit der Renais­sance ent­stan­den war, war ein eigen­ar­ti­ger ideo­lo­gi­scher Hybrid für die Sou­ve­rä­ne aus all­mäh­lich ver­schwin­den­den christ­li­chen Moti­ven, ein biss­chen Huma­nis­mus und reich­lich anti­ker Mytho­lo­gie, der nun als Leit­fa­den und Schutz­mäch­te für die Herr­schen­den die­nen soll­te. 

Die­se plas­ti­schen Ver­kör­pe­run­gen spi­ri­tu­el­ler Mäch­te waren nicht neu, wäh­rend der Gotik wur­den an den gro­ßen Kathe­dra­len Hei­li­gen­fi­gu­ren in der Fas­sa­de inte­griert, die umso grö­ßer wur­den, je höher sie plat­ziert wur­den. Sah man dicht vor der Fas­sa­de nach oben, erschie­nen die Hei­li­gen gleich groß zu sein wie die Pas­san­ten auf dem Platz vor der Kir­che, obwohl die Figu­ren manch­mal in mehr als vier­zig Meter Höhe auf­ge­stellt waren, denn aus der Nähe gese­hen soll­ten die Tür­me der Kir­chen die Men­schen nicht erdrü­cken, obwohl die Tür­me viel­leicht aus Dut­zen­den von Kilo­me­tern zu sehen waren. Hier waren es die Hei­li­gen, die wachen soll­ten, als wären sie Sol­da­ten, die auf Tür­men ste­hen und in das Land lugen, jeder­zeit bereit das Vor­feld um die Mau­ern zu schüt­zen. In der Back­stein­go­tik der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Han­dels­städ­te ver­schwin­den die Figu­ren, die Tür­me wer­den kar­ger und nur noch durch Gesim­se geglie­dert: Man sieht, wie im urba­nen Raum die Kir­che ihre ideo­lo­gi­sche Herr­schaft ver­liert, auch die Rekon­struk­ti­on des Köl­ner Doms im 19.Jahrhundert ver­zich­tet auf die stei­ner­nen Wäch­ter, als wären sie etwas, was das 19.Jahrhundert nicht mehr begreift.

Nach dem Roko­ko ver­schwin­den eben­falls die Atti­ka-Figu­ren, manch­mal erschei­nen noch abs­trak­te Vasen und Sym­bo­le des Ruh­mes auf den Gesim­sen, um dann auch nicht mehr ver­wen­det zu wer­den: Die Epo­che des Adels geht vor­bei, die Bür­ger­li­chen drän­gen an die Macht, nur Anto­ni Gau­dí in Bar­ce­lo­na und das Art Déco las­sen abnor­me For­men wie Plas­ti­ken auf dem Dach resi­die­ren, als wäre Kunst idea­les Leit­mo­tiv und Schirm­herr der Welt. Natür­lich bil­de­ten sonst immer Kami­ne, Zier­gie­bel, Gesim­se und Halb­stö­cke einen visu­el­len Über­gang zwi­schen dem Gebäu­de und Him­mel. Jetzt sind auch auch die­se ver­schwun­den, oft bleibt nichts außer schmuck­lo­sen Flach­dä­chern, Pent­häu­sern und Kühl­ag­gre­ga­ten, als wäre über unse­rem Tun etwas sinn­los Poe­ti­sches ver­schwun­den, was frü­her war.