Blau

Kunst / Nonfiction / Theologie

Chro­ma, das Buch der Far­ben, hat Derek Jar­man geschrie­ben, als er am Erblin­den war.

Derek Jar­man konn­te den Farb­ton der Druck­fah­nen nicht mehr kon­trol­lie­ren und ver­zich­te­te daher auf Bil­der, was blieb sind schnell hin­ge­wor­fe­ne Sprach­fet­zen, Asso­zia­tio­nen, Erin­ne­run­gen und his­to­ri­sche Zita­te. Jetzt, halb­blind, zwi­schen den Ter­mi­nen im Kran­ken­haus und dem Ver­däm­mern zuhau­se huschen die Far­ben und die Bil­der, die sie tra­gen, durch den Kopf. Derek Jar­man hat­te AIDS, er lag immer wie­der im Kran­ken­haus und sei­ne Netz­häu­te der Augen lös­ten sich ab, die Bil­der wei­chen in das Inne­re, es ist, als beschrie­be er einen Strom, der dem Vipas­s­a­na der Bud­dhis­ten gleicht: Man sieht den Fluß der Gedan­ken vor­bei glei­ten, die Bil­der, die jetzt aus dem Inne­ren stei­gen, die Far­ben, wie das Indi­go, des­sen Benut­zung lan­ge in Euro­pa ver­bo­ten war, das Blau, das immer wie­der in der Kunst auf­taucht, bei Yves Klein oder Cézan­ne. Dazu die Atmo­sphä­re des Kran­ken­hau­ses, die Pil­len, die Gesich­ter der Freun­de und ehe­ma­li­gen Gelieb­ten, die hohl­wan­gig wur­den und kno­chig, bevor sie ver­star­ben, all das bil­det ein Pot­pour­ri des Abschie­des aus die­ser Welt, wenn die Far­ben nur noch im Inne­ren sind, weil die Augen all­mäh­lich ver­sa­gen. Was in dem Stro­me bleibt, sind Augen und das Begeh­ren der Künst­ler, das dem eige­nen gleicht, wie das Leoo­nar­dos da Vin­cis. Die Far­ben, Chro­ma ist in Far­ben geglie­dert, bil­den Räu­me der See­le, der Erin­ne­rung, der Sehn­sucht und auch gleich­zei­tig des Nei­des, des Bou­le­vards, wie etwa Gelb, oder das erns­te Braun, der Far­be der Erde und der Besit­zes, der Kek­se und unraf­fi­nier­ten Zuckers. Aber Blau, sagt Derek Jar­man, tran­szen­die­re die fei­er­li­che Geo­gra­phie mensch­li­cher Gren­zen, es sei das Blau der Selig­keit, der Sehn­sucht und der Melan­cho­lie. Blue, hiess sein letz­ter Film ange­sichts des Todes, ein Film, in dem nur noch mono­chro­mes Blau zu sehen war und der wie eine Medi­ta­ti­on ange­sichts des Todes war.

Das tibe­ta­ni­sche Toten­buch, das Bar­do Tho­d­öl, setzt auch bei dem Fluß der Gedan­ken an, ist es doch ein Text, der für den ver­stor­be­nen Men­schen anstel­le eines Toten­ge­be­tes gele­sen wer­den soll, wäh­rend sei­ne “See­le”, oder wie immer man das “Etwas” des Ichs benen­nen mag, im Bar­do ist, jenem Zwi­schen­zu­stand nach dem Tode und vor der nächs­ten Inkar­na­ti­on. Denn der Glau­be ist, der Ver­stor­be­ne höre noch, was rezi­tiert wer­de, da er oder sie sich erst lang­sam von den Ver­trau­ten löse. Auch hier, bei der Rezi­ta­ti­on der Ver­hal­tens­leh­re für das Ver­wei­len im Bar­do, zer­fällt die Welt des Bar­do in Far­b­räu­me, immer düs­te­re Far­ben bil­den die Räu­me ab, in die das Ich fal­len mag, je tie­fer die “See­le” und das Ich sich in den Stru­del ihrer Gedan­ken und ihres Kar­mas ver­lie­ren. Es gilt acht­sam zu sein, denn am Anfang, nach dem Tode, erschei­ne das blaue Licht, der Bud­dha, der die Mög­lich­keit böte, in das Nir­va­na ein­zu­ge­hen, falls man nicht an den den Stru­del der Gedan­ken, Wün­sche und der eige­nen Dämo­nen gerä­te, um dann all­mäh­lich immer wei­ter in immer düs­te­re Räu­me zu fal­len. Man mag aus­pro­bie­ren, wie lan­ge man sit­zen kann, ohne abzu­schwei­fen und wird sich mög­li­cher­wei­se leicht frus­triert den Sturz in dämo­nen­er­füll­te Höl­len vor­stel­len — aber im Bud­dhis­mus des dia­man­te­nen Fahr­zeu­ges ist das lich­te Blau die Far­be der Wei­te und der Sehn­sucht, nicht das kar­ge Inne­hal­ten auf dem Tep­pich, son­dern das grö­ße­re Gut der Sinn­lich­keit, wenn man ihm genug Offen­heit ent­ge­gen­brin­gen könn­te. Der Auf­ent­halt auf dem Dach eines Klos­ters oder einem Hügel im Hoch­ge­bir­ge unter dem unfass­bar kla­ren Blau des Him­mels mag an das glei­ßen­de blaue Licht Bud­dhas erin­nern, das, wenn man Stil­le hält und den Klein­mut, der sich ein­stel­len mag, bei­sei­te schiebt, sich fast in den Kör­per zu drän­gen scheint. Inne­hal­ten, um vom Licht und der Wei­te über­wäl­tigt und genom­men zu wer­den. Ver­sin­ken und das plap­pern­de Ich auf­ge­ben. Nur dies­mal, im Nir­va­na, für immer.