Die Ekstase des Expressionismus

Fotografie / Kunst / Theologie

 

Inmit­ten des rie­si­gen Cho­res der Sagra­da Fami­lia in Bar­ce­lo­na hängt unter einer Art Lam­pen­schirm ein gekeu­zig­ter Chris­tus, die Bei­ne ange­win­kelt, als Sym­bol des Men­schen, der von der Macht oder Mensch­ma­schi­ne geop­fert wird, klein und win­zig ange­sichts des rie­si­gen Säu­len­wal­des, der wie ein Fie­ber­traum wirkt: Es ist, als habe eine Welt der Tita­nen, die Fritz Langs apo­ka­lyp­ti­schen Film Metro­po­lis ent­sprun­gen sein könn­te, Anto­ni Gau­dí Pate gestan­den:

In der Nacht wur­de Jesus vor den Hohen Rat gebracht. Es sei bes­ser, wie Johan­nes den Hohen­pries­ter Kaja­phas sagen lässt, ein Ein­zel­ner stür­be, als ein gan­zes Volk. Und dann stell­ten die alten, erfah­re­nen Män­ner Jesus die Fra­ge, die auch heu­te jeder eben­so stel­len wür­de, wenn her­aus­ge­fun­den wer­den soll, ob jemand ein Mensch mit reli­gi­ös fun­da­men­ta­lis­ti­schem Sen­dungs­wahn ist oder nicht. Die Rats­mit­glie­der ziel­ten in der Ver­neh­mung genau­so wie spä­te­re Inqui­si­to­ren auf die sub­jek­ti­ve Über­zeu­gung, von Gott beauf­tragt zu sein — […] Auch heu­te wür­de man auch in die­sem Kon­text als Psy­cho­lo­ge oder Geist­li­cher ähn­lich vor­ge­hen, man wür­de fra­gen, ob jemand sich abso­lut sicher sein kön­ne, Got­tes Wil­len zu voll­stre­cken oder ob der Befrag­te sich als Mensch immer noch ein wenig irren könn­te. Jesus wur­de dem­entspre­chend vom Hohen Rat gefragt, ob er der Mes­si­as sei. Nicht nur der Mes­si­as, war die Ant­wort, son­dern auch der kom­men­de Rich­ter der Men­schen, der zur Rech­ten Got­tes sit­zen wür­de. Für die alten, ängst­li­chen Män­ner war die Sache klar. Sie fäll­ten das offen­sicht­lich not­wen­di­ge Urteil, um den gefähr­li­chen Wirr­kopf aus dem Ver­kehr zu zie­hen.

Die Posi­ti­on des Hohen Rates wird noch deut­li­cher, wenn man sich vor Augen hält, dass sei­ne Auto­ri­tät stän­dig von mes­sia­nisch-chi­lias­ti­schen Strö­mun­gen, die sich im Namen der End­zeit gegen die reli­giö­se Auto­ri­tät rich­te­ten, bedroht war. […] Jan Huss oder Sava­na­ro­la wur­den aus ähn­li­chen Beweg­grün­den, der Furcht vor radi­ka­len Refor­mern und mes­sia­ni­schen Bewe­gun­gen, von der Kurie hin­ge­rich­tet.” (Auf­stand und Apo­ka­lyp­se, Kap.: Revol­te und Anti­ter­ror­re­gime)

In nur weni­gen Epo­chen der lan­gen euro­päi­schen Kunst­ge­schich­te ist eine der­ar­ti­ge Wucht, mit der das Ein­zel­ne, Irra­tio­na­le sich gegen­über der Mensch­ma­schi­ne schein­bar durch­zu­set­zen will, aus­zu­ma­chen. In sei­nem Film, die Die Pas­si­on der Jung­frau von Orléans, läßt Carl Theo­dor Drey­er etwa Johan­na von Orléans 1928 als unge­heu­er ero­ti­sche Sym­pa­thie­trä­ge­rin gegen­über einer kor­rup­ten, ver­fet­te­ten Geist­lich­keit auf­tre­ten, obwohl sie eigent­lich all jene Kri­te­ri­en erfüllt, die heu­te sie als Fun­da­men­ta­lis­tin klas­si­fi­zie­ren wür­de, näm­lich ihre im Pro­zeß geäu­ßer­te Ansicht, mit Sicher­heit in den Him­mel zu kom­men.

Dem­entspre­chend schei­nen man­che Bau­ten die­ser Ära zwi­schen Mys­ti­zis­mus und Über­wäl­ti­gung durch tita­ni­sche Macht zu pen­deln, es ist, als wür­de ein Wind durch die euro­päi­sche Kul­tur fegen wol­len, der die Har­mo­nie des Jugend­stils fort­trei­ben möch­te. Artaud, der in der Die Pas­si­on der Jung­frau von Orléans eine Neben­rol­le spielt, wur­de spä­ter wahn­sin­nig — Gren­zen, die die neu ent­ste­hen­den Stumm­fil­me wie Nos­fe­ra­tu und Das Cabi­net des Dr. Cali­ga­ri eben­falls aus­ge­lo­tet haben. Gau­dí, des­sen Sagra­da Fami­lia sich immer wei­ter vom Moder­nis­me zum Expres­sio­nis­mus zu bewe­gen scheint, war eben­so zuletzt ein Aus­ge­son­der­ter, denn als er unter eine Stra­ßen­bahn gera­ten und bewußt­los war, wur­de er wegen sei­ner schä­bi­gen Klei­dung für einen Bett­ler gehal­ten und in ein Armen­hos­pi­tal gebracht, wo ihn nach drei Tagen Freun­de fan­den, nur damit Gau­dí am sel­ben Tage in einem Pri­vat­zim­mer ver­starb.