Vaterängste

Fiction

EINE KURZGESCHICHTE

Es war ein Alb­traum, die Erin­ne­rung kennt nur eines die­ser gesicht­lo­sen Hotel­zim­mer, die für rei­sen­de Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter oder Pro­gram­mie­rer kon­zi­piert sind. Das war der Ort des Trau­mes, die Ein­rich­tung war bil­lig und prak­tisch, aber doch so als wür­de sie aus einem dritt­klas­si­gen Ein­rich­tungs­heft stam­men, das in Dro­ge­ri­en ver­kauft wird.
Ein Dop­pel­bett, ein Stuhl, ein Schrank und ein Tisch, dazu Kli­ma­an­la­ge und Flach­bild­schirm an der Wand. Die Wand war etwas abge­grif­fen, um die Licht­schal­ter her­um war der Putz braun. Es war nichts zu tun, die Loka­le waren weit ent­fernt und man wür­de früh auf­ste­hen müs­sen. Der Tisch war win­zig, gera­de so groß, dass er einer Bier­fla­sche und einem Lap­top Platz bot. Die Kli­ma­an­la­ge summ­te, der Tep­pich war leicht abge­nutzt und auf dem Tisch lagen als Will­kom­mens­gruß zwei Bon­bons in Folie. Die Vor­hän­ge waren zuge­zo­gen, in ihnen erschie­nen wie in einem Mus­ter die Qua­dra­te der erleuch­te­ten Hotel­zim­mer gegen­über.
Und dann war alles vor­bei. Das Ende war ver­ges­sen. Irgend­was Dunk­les war pas­siert, zum Glück ist ist es nur ein Traum, obwohl die dunk­len Schat­ten blei­ben. Drau­ßen ist noch frü­he Däm­me­rung. Mar­tin schlägt die Bett­de­cke zurück und setzt sich auf. Nach allem was pas­siert war, waren Alb­träu­me zu erwar­ten gewe­sen: Wenn zer­stü­ckel­ten Lei­chen, auf­ge­schlitz­te Fahr­rad­ku­rie­re oder Wikin­ger mit Streit­äx­ten, die Fami­li­en rei­hen­wei­se ermor­den, im Traum erschie­nen wären, es wäre zu ver­ste­hen gewe­sen. Auch Zom­bies, die Blut brau­chen und nicht durch Plas­ma zufrie­den­zu­stel­len sind, wären okay gewe­sen.
Denn ges­tern war noch Abends die­ser Anruf gekom­men, am Tele­fon war die­se dunk­le Stim­me mit dem Akzent, wie ihn Tür­ken oder Ara­ber mit gerin­ger Bil­dung haben, zu hören. Die Stim­me war dun­kel, nicht unfreund­lich, aber bestimmt, eine unhör­ba­re Dro­hung schien mit­zu­schwin­gen. Plötz­lich fühl­te es sich an, als zöge jemand ihm den Boden unter den Füßen weg und gäbe einen Abgrund frei, der ohne­glei­chen war, als kön­ne etwas dort hin­un­ter gewor­fen wer­den, ohne dass je ein Auf­schlag zu hören wäre. Mar­tin hat­te von Sink­lö­chern gehört, die sich plötz­lich auf­tun und gan­ze Bus­se ver­schlin­gen kön­nen, es war, als hät­te er etwas der­ar­ti­ges erlebt. Es waren doch ohne­hin seit­dem schlim­me Tage gewe­sen, was soll­te das noch? War­um mel­de­te sich die­ser omi­nö­se Bru­der, Mar­tin steht auf, er wird ein Aspi­rin neh­men müs­sen. Es war erst letz­ten Sams­tag gewe­sen, ein kur­zer Moment, und das Leben wird ein Alb­traum. Ein schö­ner Abend bei Freun­den, Lasa­gne bei Rot­wein und Ker­zen­schein, Mar­tin war auf dem Weg nach Hau­se, neben ihm war­te­te eine Fahr­rad­fah­re­rin mit Bril­le an der roten Ampel, ihre Locken lug­ten unter der Kapu­ze her­vor, sie lächel­te. Die Ampel schal­te­te auf Grün, Mar­tin mach­te einen Schritt nach vorn, sie fuhr los… Mar­tin kann sich kaum erin­nern, glück­li­cher­wei­se, es gibt nur Bild­fet­zen, das wei­ße Auto, das mit hoher Geschwin­dig­keit über die Kreu­zung fuhr, die Frau und die Bücher, die in die Luft gewir­belt wur­den, der Luft­schwall des Autos, das ganz knapp an Mar­tin vor­bei ras­te, dann die­se Frau, die sich auf der Stras­se krümm­te. Nach dem Auf­prall war das Blut ihr noch sturz­wei­se aus dem Mund gequol­len, als sie nach ihrem Fahr­rad grei­fen woll­te, dann starr­te sie ungläu­big ein paar Sekun­den lang ins Lee­re und woll­te noch ein­mal nach ihrem Fahr­rad grei­fen, end­lich sack­te ihr Kopf in einer Blut­la­che nach unten, ihr rech­ter Unter­schen­kel war ver­dreht, neben ihr das ver­bor­ge­ne Fahr­rad, die Bücher, die aus dem Korb gefal­len waren, die Lich­ter am Fahr­rad leuch­te­ten noch. Das Auto, ein schwe­rer, wei­ßer Mer­ce­des, war auf einer ent­fern­ten Leit­plan­ke hän­gen geblie­ben, zwei Räder stan­den gro­tesk in der Luft, der bär­ti­ge, jun­ge Fah­rer stieg aus, er fluch­te, zün­de­te sich eine Ziga­ret­te an und kam lang­sam her­an. Er war groß, breit­schult­rig, mit brau­ner Haut und trug einen Voll­bart.
„Scheis­se,“ sag­te er, „Scheis­se.“
Die getö­te­te Frau war um die vier­zig gewe­sen, nicht mehr jung, auch nicht unbe­dingt schön, aber sie hat­te schö­ne Haa­re und war schlank. Wie schnell doch ein Leben ein­fach aus­ge­löscht wird. Der Fah­rer stand eben­falls sicht­lich unter Schock, nur schimpf­te er auf die Rad­fah­rer, die sich nie an irgend­wel­che Ver­kehrs­re­geln hal­ten wür­den. Mar­tin woll­te sich die­sen Wort­schwall ver­bie­ten las­sen, da fuhr ihn die­ser Mann an, was er, Mar­tin, sich da ein­mi­schen wür­de, er füh­re ja nicht Auto.
„Mann, Schei­ße. Was soll die Labe­rei.“
Es dau­er­te eine gefühl­te Ewig­keit, bis die Poli­zei kam. Zum Schluss blie­ben wohl nur noch die­ser wei­ße Umriss und die Blut­fle­cken auf der Stra­ße, da der Not­arzt den Tod fest­ge­stellt hat­te, der Lei­chen­wa­gen gekom­men war und die Poli­zis­ten die Ver­neh­mun­gen been­det hat­ten. Nicht dass Mar­tin dies­mal den wei­ßen Umriss gese­hen hät­te, aber ein­mal hat­te er schon einen wei­ßen Umriss auf der Stras­se gese­hen, irgend­je­mand war von einem Rechts­ab­bie­ger über­fah­ren wor­den, die Poli­zei war fort, nur ein Absperr­pol­ler war ver­ges­sen wor­den und stand leer wie ver­lo­ren am Stra­ßen­rand. Zuhau­se schien alles leicht und schwe­bend zu sein, als wären die Din­ge sinn­los, Mar­tin fass­te sei­ne Stüh­le und dass Geschirr an, in den Tod, dach­te er, wür­de er das alles nicht mit­neh­men. Ihm schien es, als lie­fe er durch eine Woh­nung, die ihm nicht gehör­te, son­dern nur Staf­fa­ge war. Wie knapp er sel­ber dem Tod ent­ron­nen war, er hat­te ja sel­ber den Luft­zug gespürt, was genau hat­te ihn zwei Sekun­den zögern las­sen, bevor er die Ampel über­que­ren woll­te? Alles das, was nor­ma­ler­wei­se Halt gab, zählt nicht mehr. Nichts, nichts bleibt, nichts, es war, als wäre die­se Woh­nung neu ver­mie­tet und die Umzugs­wä­gen schon gebucht, als sta­pel­ten sich die Kis­ten, die das eige­nen Leben mit­neh­men soll­ten, schon längst im Flur. Es sind ja ohne­hin schon so vie­le Sachen fort, die Woh­nung ist halb leer, Mari­an­ne seit Mona­ten aus­ge­zo­gen, und dann war die­ser Anruf gekom­men, nach­dem Mar­tin für Hol­ger und sich gekocht hat­te. Woher hat­ten sie sei­ne Adres­se und sei­ne Tele­fon­num­mer?
Mar­tin blickt auf die Por­ti­on, die sein Sohn halb übrig gelas­sen hat. Hol­ger isst nie viel, als schme­cke es ihm nicht, mit sei­nem Vater zu essen, abends muss­te er dann noch fort um gegen Mit­ter­nacht zurück­zu­kom­men. Der Auf­lauf hät­te in den Kühl­schrank gemusst, aber das gehört zu den Din­gen, die Mar­tin ges­tern über­se­hen hat­te. Denn beim Essen war die­ser Anruf gekom­men. Mar­tin dach­te, unter ihm stür­ze die Erde zusam­men und er blick­te nur noch auf sei­nen Sohn, der lust­los in dem Auf­lauf sto­cher­te und sein Smart­pho­ne auf den Tisch gelegt hat­te. War­um konn­te Hol­ger kaum Anteil­nah­me oder Respekt zei­gen? Statt­des­sen fum­mel­te er noch bei Tisch auf dem ver­damm­ten Smart­pho­ne her­um und sag­te dann, dass er noch fort müs­se. Nor­ma­ler­wei­se hät­te er von Mar­tin gehört, dass er für sein Abitur ler­nen müs­se, aber ges­tern erschien es sinn­los, weil Hol­ger ein­fach nach dem Anruf nichts sagen woll­te, son­dern ein­fach wei­ter­surf­te, als wäre nichts gewe­sen. Mar­tin sieht nach drau­ßen, die Däm­me­rung ist fast vor­bei, es wird ein die­si­ger Tag wer­den, aber das hilft wenig.
„Du kannst nicht schla­fen, oder?“
Hol­ger steht in der Tür. Er ist nur mit einem Slip beklei­det, dar­über trägt er ein Sweat­shirt.
„So sind halt die Ara­ber: Bru­der, kannst du nicht sehen, dass mein Bru­der noch jung ist. Der Typ am Tele­fon hat­te doch ein Rad ab. Sein Bru­der bügelt mit Acht­zig über eine rote Ampel und dann?“
„Hol­ger, nicht alle Ara­ber sind so!“
Hol­ger sucht die Küche ab, anschei­nend hat er Hun­ger.
„Nee, klar, nerv nicht, Moham­med ist okay.“
Hol­ger hat den Auf­lauf gefun­den. Einen Tel­ler zu neh­men erspart er sich offen­bar. Erstaun­lich ist, wie schnell der Auf­lauf ver­schwin­det.
„War­um machst du auf fal­sche Gerech­tig­keit, Mann, die Schlam­pe ist tot und bleibt tot. Ey Mann, bleib nor­mal.“
Nach dem Her­um­ge­äf­fe, das wohl den Anru­fer nach­ma­chen soll­te, isst Hol­ger ein­fach wei­ter.
„Hör auf mit die­sem Sprach­ge­tue. Das hät­te ein Deut­scher am Steu­er auch tun kön­nen.“
„Es war aber ein Ara­ber, oder ein Tür­ke. Irgend­so­ein bescheu­er­ter Wixer, des­sen Bru­der dich noch am Tele­fon bedroht.“
„Ich will nicht, dass du so redest!“
Hol­ger nimmt sich mit den Fin­gern ein wei­te­res Stück von dem Auf­lauf. War­um hat der Jun­ge kei­ne Manie­ren, aber hät­te man sie auto­ri­tär ein­for­dern sol­len?
„Paps, sie haben dei­ne Num­mer. Die wis­sen wer du bist und wie leicht ein Unter­kie­fer knackt. Das sind Typen, die zie­hen sich nur Gewalt­vi­de­os rein und dre­hen Fil­me über ihr Opfer, wenn es halb­tot am Boden liegt.“
War­um muss der Jun­ge jetzt auf ein­mal sich wie­der in die­ses aus­län­der­feind­li­che Gedan­ken­ge­bäu­de hin­ein­stei­gern?
„Hol­ger, du ver­all­ge­mei­nerst!“
Was ist, wenn die­se Argu­men­ta­ti­on sich bei ihm ver­fes­tigt? Alle wei­te­re Argu­men­ta­ti­on ist viel­leicht doch sinn­los, natür­lich, es war ein Ara­ber, einer mit Bart und schwe­ren Auto, der wie ein Nach­wuchs­ma­fio­so aus­sah. Viel­leicht hat­te er auch nur optisch den Mafio­so gege­ben und war ein fried­li­cher Fri­sör, der das Auto geleast hat­te. Weiß man es?
„Paps, du lebst in einem Wol­ken­ku­ckucks­heim. Du denkst, alle sind nett, oder? Für sie bist du der, den man not­falls bedro­hen muss, mehr nicht.“
Den Rest von dem Auf­lauf stellt Hol­ger wie­der auf die Anrich­te.
„Ich schlaf wie­der, gute Nacht“
Mar­tin nickt. Drau­ßen ist es hell. Auf ein­mal ist der Traum zurück­ge­kehrt, als wäre er erneut in ihm gefan­gen. Wie­der steht die­ses Hotel­zim­mer des Trau­mes vor Augen, für die Emails war es im Traum zu spät, die Schrift war kaum zu erken­nen, die Augen waren müde, die Nach­rich­ten egal, weil sie ohne­hin schon in der Rezep­ti­on zu sehen waren, wäh­rend er auf die Schlüs­sel war­ten muss­te. Man klick­te sich durch ein paar Sei­ten, Face­book bot Urlaubs­fo­tos von einem Kreuz­fahrt­schiff, Hun­de­schnapp­schüs­se und Son­nen­un­ter­gän­ge. Nichts was wirk­lich inter­es­sie­ren wür­de. War das, was blieb, Por­no­gra­fie,  Livechat oder das unbe­tei­lig­te Zuschau­en des­sel­ben? Das zwei­te Bier, Mar­tin blieb im Traum dis­kret, die Sei­te öff­ne­te sich, kei­ne Frau­en, aber Body­buil­der und ukrai­ni­sche Jungs vor ame­ri­ka­ni­schen Fah­nen. Plötz­lich erschien der Kör­per eines dün­nen, schlan­ken Jun­gen, er war seh­nig und bleich, er sah, wie der Jun­ge sich in Ruhe eine Ziga­ret­te anzün­de­te. Sei­ne Fin­ger waren schmal, aber die Ges­ten waren ruhig und gefasst, als gin­ge eine gro­ße Sou­ve­rä­ni­tät von ihm aus, eine inne­re Kraft, die die Hän­de auf der Tas­ta­tur erstar­ren lie­ßen. Die schlan­ke Hand ruh­te auf dem unbe­haar­tem Bein, nur ab und zu nahm der Jun­ge einen Zug wäh­rend er mit der ande­ren Hand vor­sich­tig unter sei­nem Slip mas­sier­te. Man sah nicht das Gesicht, nur den Unter­kie­fer mit dem leich­ten Anflug von Bart­wuchs. War­um fas­zi­nier­te die­ser Jun­ge so?
Nein, Mar­tin woll­te wei­ter kli­cken, doch die Fin­ger kleb­ten fest auf der Tas­ta­tur, so sehr er auch zog, sie kleb­ten fest aber konn­ten das Lap­top nicht anhe­ben. Mar­tin spür­te Panik in sich auf­kom­men, sah sich um, soll­te er um Hil­fe schrei­en? Soll­te er sagen, ich habe einen Unfall beim Sehen von Por­nos erlit­ten und kann nicht fort? Wen soll­te er rufen? Wen?
Inzwi­schen kleb­ten alle zehn Fin­ger auf den Tas­ten, das Lap­top ließ sich nicht bewe­gen, der Jun­ge auf dem Bild­schirm lächel­te, Mar­tin sah im Traum sein Grin­sen, sonst war das Gesicht ver­bor­gen. Was woll­te er denn bei den Jungs? Die Fin­ger kleb­ten immer noch, der Jun­ge lächel­te mali­zi­ös. Sein Penis war rie­sig, viel grö­ßer, als zu erwar­ten wäre, der Jun­ge ging in die Hocke und schob die Kame­ra nach oben, sodass wie­der die­ses fre­che Grin­sen erschien. Hat­te er etwa eine Nar­be am rech­ten Mund­win­kel? Plötz­lich wur­de es ihm heiß. Mar­tin schwitz­te, das lau­war­me Bier erschien wie eine Fata Mor­ga­na. Konn­te es Hol­ger sein? Über der Nar­be war der fei­ne, win­zi­ge Leber­fleck, es war Hol­ger. Was mach­te er? Muss­te er sich nachts vor sei­nem Com­pu­ter pro­sti­tu­ie­ren? Muss­te er das? Oder war er sex­süch­tig und hat­te nie davon erzählt?
„Na Papi, bist Du doch schwul, oder?“
Von der Decke fuhr eine Video­ka­me­ra her­un­ter. Erst dreh­te sie sich etwas, dann war sie ganz fokus­siert. Neben ihr leuch­te­te eine Lam­pe direkt in das Gesicht.
„Und das in so einem bil­li­gem Hotel, Paps, hat es für Call­boys nicht gelangt?“