Die vertane Chance eines Jahrhunderts

Berlin / Geschichte / Nonfiction

Es gab 1989 noch die­se wei­ten, lee­ren Flä­chen in der Ber­lin, die zum Träu­men ein­lu­den. Bra­chen, auf deren Sand Gras wuchs und man von denen man aus den wei­ten Him­mel sah. Ab und zu sah man in der Fer­ne S-Bahn Züge auf der Hoch­bahn ent­lang rat­tern. Die Stadt­mit­te war teil­wei­se leer, Abbruch­häu­ser misch­ten sich mit Rui­nen und der Mau­er­strei­fen bil­de­te eine lee­re Zone inmit­ten einer geteil­ten Metro­po­le. Die Stadt­mit­te war teil­wei­se leer, Abbruch­häu­ser misch­ten sich mit Rui­nen und der Mau­er­strei­fen bil­de­te eine lee­re Zone inmit­ten einer geteil­ten Metro­po­le. Es waren auch Orte zum Expe­ri­men­tie­ren, Wei­ten inmit­ten einer gro­ßen Stadt, deren blos­se Flä­chen Anzie­hungs­punk­te für die­je­ni­gen wur­den, die neue For­man des Zusam­men­le­bens aus­pro­bie­ren woll­ten.

Mehr als ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter ist das neue Ber­lin ästhe­tisch gro­tesk geschei­tert. Die Chan­ce, dass aus urba­ner Lee­re und den nahe­zu unbe­schränk­ten Geld­mit­teln des reichs­ten Indus­trie­lan­des Euro­pas etwas wie Schön­heit oder gar eine Visi­on für die Zukunft des Bau­ens errich­tet wer­den könn­te, ist im Rausch des von Kapi­tal­in­ter­es­sen gepräg­ten Umbaus ver­tan wor­den. Die viel­ge­rühm­te Part­ner­schaft zwi­schen Inves­to­ren und öffent­li­cher Hand hat in der Regel nichts wei­ter als uni­for­me urba­ne Tris­tesse her­vor­ge­bracht. Dabei waren in West­ber­lin von der öffent­li­chen Hand zwei groß­ar­ti­ge Ver­su­che unter­nom­men wor­den, Stadt zu defi­nie­ren. Die Inter­bau (auch kurz IBA 57 genannt) war 1957 der Ver­such, die Idee des neu­en, offe­nen Bau­ens in der Stadt zu ver­wirk­li­chen — ent­stan­den ist ein Ensem­ble her­vor­ra­gen­der Bau­ten der Moder­ne. Auch die Inter­na­tio­na­le Bau­aus­stel­lung (IBA) von 1987 war eine Archi­tek­tur­aus­stel­lung und ein Kon­zept des Ber­li­ner Senats, um mit qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Archi­tek­tur Bau­lü­cken zu schlie­ßen und die Innen­stadt als Wohn­ort zurück­zu­ge­win­nen.

Ein auf­ge­bläh­ter Beam­ten­ap­pa­rat, Kor­rup­ti­on und die aben­teu­er­li­che Finanz­po­li­tik eines CDU Sena­tors, der ger­ne eine ähn­li­che Dik­ti­on wie Goeb­bels gebrauch­te, haben das Land Ber­lin zehn Jah­re spä­ter fast in den Ruin getrie­ben. Auf Qua­li­tät etwai­ger Neu­bau­ten wur­de in der klein­bür­ger­li­chen Groß­mann­sucht nicht geschaut. Eine Fol­ge war, dass alle Grund­stü­cke rasch ver­kauft wur­den und bei Neu­bau­ten weni­ger auf opti­sche Vor­zü­ge denn auf rasche Ein­nah­men geach­tet wur­den. Mit Aus­nah­me des Regie­rungs­vier­tels, bei dem zumin­dest bei eini­gen Bau­ten auf Qua­li­tät Wert gelegt wur­de, und löb­li­che Aus­nah­men wie etwa das Hoch­haus der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft GSW an der Koch­stra­ße oder dem zukünf­ti­gen Cam­pus des Axel Sprin­ger Ver­lags von Rem Kool­haas wur­den fast über­all uni­for­me Klöt­ze mit allen­falls nett ver­teil­ten Bal­ko­nen errich­tet, selbst der viel­ge­rühm­te Pots­da­mer Platz ent­puppt sich als eine Ansamm­lung viel zu eng gesta­pel­ter Käs­ten. Das neu ent­stan­de­ne Vier­tel vor dem Haupt­bahn­hof dürf­te einer der trost­lo­ses­ten Plät­ze Euro­pas sein, viel zu gro­ße Klöt­ze ste­hen auf viel zu gro­ßen Par­zel­len und ver­mit­teln das Gefühl gigan­ti­scher Tris­tesse.

Per­du. Mit nur weni­gen Aus­nah­men ist auf den ehe­mals lee­ren Flä­chen eine Ago­nie der urba­nen Häss­lich­keit ent­stan­den, gegen­über der die Bau­ten des faschis­ti­schen Ita­li­ens unter Mus­so­li­ni in Nea­pel noch qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge und abwechs­lungs­rei­che Archi­tek­tur dar­stel­len. Stellt man die­se Archi­tek­tur Neu­bau­ten des heu­ti­gen Ber­lins gegen­über, wer­den erschre­cken­de Ähn­lich­kei­ten sicht­bar.