Genetisch so versaut, dass Schläge auch nicht mehr helfen?

Geschichte

Was wäre wenn unse­re Per­son nur Kon­strukt wäre?

Es war ein­fach so pas­siert. Chris Birch war mit sei­nem Bru­der und einem Freund von ihm unter­wegs gewe­sen und dann den Hang des Hügels hin­un­ter gerollt. Er tat das was jun­ge ger­ne Män­ner ger­ne machen, Unsinn und Par­ty­ma­chen mit Freun­den, dazu wog er 120 Kilo­gramm und lieb­te Rug­by. Er war Bank­an­ge­stell­ter und wahr­schein­lich auch das, was in Eng­land als lager­loud beschrie­ben wird. Auch jetzt war er für eine Scherz zu haben und woll­te den Hang des Parks hin­un­ter­ku­geln. Dabei erlitt er einen Schlag­an­fall. In der Zeit sei­ner Rekon­va­les­zenz merk­te Chris Birch, dass er ein ande­rer gewor­den war. Er fühl­te sich zu Män­nern hin­ge­zo­gen und begriff, dass er seit sei­nem Schlag­an­fall schwul gewor­den war. Er gab den Beruf in der Bank auf und wur­de Fri­sör. Als sei­ne Geschich­te in die Medi­en gelangt war, frag­te man sich, ob er viel­leicht nur durch den Schlag­an­fall sich sei­ner bis­lang ihm ver­bor­ge­nen Sexua­li­tät gewahr gewor­den sei, auch sei­ne ehe­ma­li­ge Ver­lob­te war die­ser Mei­nung. Schliess­lich gäbe es vie­le Homo­se­xu­el­le, die Fami­lie hät­ten und erst im Lau­fe ihres Lebens sich ein­ge­ste­hen wür­den, dass sie schwul sei­en. Seit­dem ist es eine offe­ne Fra­ge, ob ein Schlag­an­fall aus einem Hete­ro­se­xu­el­len einen Homo­se­xu­el­len machen kön­ne (Gin­ge das umge­kehrt, wür­de man­che Län­der immer noch unge­ahn­te zwangs­wei­se “The­ra­pie­mög­lich­kei­ten” für die “Kran­ken” anbie­ten wol­len), aber tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen in der Per­sön­lich­keit wur­den durch Schlag­an­fäl­le und ande­re trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen häu­fi­ger dokumentiert.

Jason Pad­gett war ein allen­falls nur mit­tel­mäs­sig begab­ter Möbel­ver­käu­fer, der durch Kraft­sport geglänzt hat­te und der nach einem Besuch in einer Karao­ke Bar von zwei Män­nern ange­grif­fen wor­den war und zusam­men­ge­schla­gen wur­de. Er erlitt eine schwe­re Gehirn­er­schüt­te­rung und ein Trau­ma, lan­ge trau­te er sich seit­dem nicht mehr in die Öffent­lich­keit. Er begann wahr­zu­neh­men, was er vor­her nicht gese­hen hat­te, denn Pad­gett sah Kom­ple­xe mathe­ma­ti­sche Struk­tu­ren von unge­heu­rer Schön­heit. Dazu kam war, dass Pad­gett jetzt begann, extrem kom­pli­zier­te mathe­ma­ti­sche For­meln zu visua­li­sie­ren und auf­zu­zeich­nen, obwohl er vor­her Bücher gescheut hat­te und in Mathe­ma­tik­prü­fun­gen geflun­kert hat­te, um über­haupt ein Examen zu bekom­men. Ent­stan­den sind Bil­der von einer unfass­bar leich­ten und fra­gi­len Ener­gie. Pad­gett hat­te lan­ge kein Ver­ständ­nis für die For­meln, die er zeich­ne­te, bis ihn ein Mathe­ma­ti­ker dar­auf auf­merk­sam gemacht hat­te. Pad­gett stu­dier­te dann noch­mals, dies­mal mit aller­dings aus­ser­ge­wöhn­li­chen Vorraussetzungen.

Bei­de Fäl­le haben eines gemein­sam, dass das, was wir als “Iden­ti­tät” bezeich­nen, teil­wei­se ein Kon­strukt ist. Bei­de, Pad­gett und Birch, haben ein veri­ta­bles Gehirn­trau­ma erlit­ten, das bei­de voll­kom­men ver­än­dert hat­te. Aber wie geht der­je­ni­ge, der sich als Per­son wahr­nimmt, damit um, dass wesent­li­che Aspek­te sei­ner selbst anders gewor­den sind? Dass die Welt um ihn her­um eine ande­re ist? Dass er äus­ser­lich zwar der­sel­be ist, aber das Instru­ment, mit dem er die Welt wahr­nimmt, der Aham­ka­ra, der Ich-Macher, wie die Bud­dhis­ten sagen wür­den, ein kom­plett ande­rer ist? Und wer ist dann der­je­ni­ge, der in all den Ände­run­gen noch eine Kon­ti­nui­tät erken­nen kann? Was ist es, wenn man durch einen Unfall in ande­res und nicht ein­mal gerin­ge­res Leben kommt? Wie geht man damit um, dass im zwei­ten Fall ein unfass­bar gros­ser Zuwachs an Wahr­neh­mung und Bega­bung gesche­hen ist und nicht, wie sonst mit Gehirn­trau­ma­ta ver­bun­den, ein Ver­lust an Beweg­lich­keit oder Emo­tio­na­li­tät, auch wenn die Insel­be­ga­bung (savant, eng­lisch) von Pad­gett autis­ti­sche Züge tra­gen mag? Es ist, dass wir erst am Anfang des­sen ste­hen, was die Gehirn­for­schung noch vor sich haben könn­te. Offen­bar scheint es so, dass Bega­bun­gen oder sexu­el­le Ori­en­tie­rung “frei­ge­schal­tet” wer­den kön­nen. Dass das, was wir als “Selbst” bezeich­nen durch­aus ein varia­bles und ver­än­der­ba­res Kon­strukt ist. Dass auch der “Cha­rak­ter” nicht allein ein Ergeb­nis früh­kind­li­cher Prä­gung und spä­te­rer Ent­wick­lungs­ge­schich­te ist. Sind wie­der alle Kugeln, die die bis­lang in Fächer diver­ser Theo­rien sor­tiert wor­den waren, auf das Start­feld zurück­ge­legt? Wir wis­sen es nicht. Die Sicher­hei­ten einer Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie jeden­falls sind, wenn die sexu­el­le Aus­rich­tung durch einen Schlag­an­fall neu sor­tiert wird, etwas erschüt­tert. Chris Birch jeden­falls ist glück­lich über das was ihm wider­fah­ren ist.

Quel­le: news.discovery.com, MAY 6, 2014 / bbc.com, 17 April 2012

Die Über­schrift ist ein Zitat von Ger­hard Polt. Es bezieht sich auf nur auf Bay­ern. Ras­sis­mus in ande­ren Fäl­len darf nicht tole­riert werden.