Die See

Denken

Der Respekt vor der See. Ich erin­ne­re mich noch an das Früh­stück, bevor die Segel gesetzt wer­den soll­ten. Die Stim­mung war gedämpft, es fie­len wenig Wor­te, geschwei­ge denn schmeck­te das Essen.

Auch der Vor­mit­tag, an dem im tür­kis­far­be­nen Hafen­be­cken geba­det wur­de, war kaum bes­ser…

  …geschwei­ge denn das Mit­tags­es­sen, obwohl die Kulis­se, wir sas­sen in der war­men Son­ne an Deck und hat­ten den his­to­ri­schen Hafen um uns her­um, durch­aus foto­gen war. Zumin­dest schien unser Seg­ler mit den hart ange­brass­ten Rahen und den Unmas­sen an Lei­nen für die Tou­ris­ten sehr beein­dru­ckend zu sein, aber das änder­te nichts an der wort­kar­gen Mahl­zeit derer, die das Ver­gnü­gen haben soll­ten, mit dem Schiff Abends in See zu gehen. Es war unheim­lich, nie­mand rede­te irgend­was. Als der Pro­vi­ant im LKW gekom­men und gestaut wor­den war, wur­de die Stim­mung noch gedrück­ter.

Der Lot­se kam an Bord, die Crew trat wach­wei­se an und die Lei­nen wur­den ein­ge­holt. Nie­mand sag­te ein unnö­ti­ges Wort, als die Brigg durch den Kanal fuhr. Ich glau­be, es war viel­leicht Angst oder Furcht, aber auf jeden Fall Anspan­nung. Die meis­ten, nein fast alle waren schon auf See gewe­sen, bei eini­gen war es sogar ihr Beruf. Trotz­dem herrsch­te die­ses blei­er­ne Schwei­gen, es war so wie immer, wenn das Schiff in See ging, die Men­schen an Bord waren mit sich. Irgend­wann war der Lot­se von Bord und in der Däm­me­rung ver­sank die Küs­te der Ber­mu­das unter dem Hori­zont. Der Abend ver­lief ohne wie­der gros­se Wor­te, mit den ban­gen Bli­cken auf das unfass­bar inten­si­ve Blau, das uns für die nächs­ten vier­tau­send Kilo­me­ter umge­ben soll­te. Es ist befrem­dend für die, die das noch nie erlebt haben. Es ist die­ser tie­fe Respekt vor der See, dem Meer, dem Oze­an und dem Unge­heu­ren. Die Demut vor der Natur, die wir Men­schen in der indus­tri­el­len, zivi­li­sier­ten Welt ver­lo­ren haben, die aber jetzt, auf dem alten Rah­seg­ler allen zutiefst gegen­wär­tig war.

Foto: Roald Amund­sen, Mit­te Nord­at­lan­tik