Sartre in Neapel

Denken

13 - Neapel 75

“Das Schmutzigste, was ich gesehen habe, war ein fünfjähriges Mädchen mit rasiertem Schädel,  das mit gespreizten Beinen auf dem Stufen einer Treppe saß. Auf ihr nacktes Geschlecht hatten sich ein kurzes gutes Dutzend Fliegen gesetzt, und sie schauderte, schien aber sie nicht vertreiben zu können… Stellen Sie sich also vor, daß wir in einer neapolitanischen Straßen vorbeigehen, eine Menge Leute im Vorbeigehen draußen sitzen und all das tun sehen, was die Franzosen im verborgenen tun, und hinter ihnen erkennt man in einem schwarzen Loch ihr ganzes Mobiliar, ihre Schränke, ihre Tische, ihre Betten, ihre geliebte Nippes, ihre Familienfotos… Gestern haben wir im Vorbeigehen eine Kranke gesehen, die sehr blass im großen Ehebett lag, den Kopf zur Straße gewandt, und mit ihren großen fiebrigen Augen die Passanten betrachtete.*”

1936 ist Sartre mit Simone de Beauvoir in Neapel und irrt durch die Gassen, sieht Kinder mit Ekzemen, in der Öffentlichkeit gestillte Babys, all das Panoptikum armer und überlegter Städte, dazu die Zeichen omipräsenter Frömmigkeit, mit den damals von Glühbirnen erleuchteten Heiligenbildern — Sartre gruselt sich, obwohl er wie die saturierten Menschen mit den ausgeweiteten Komfortzonen durchaus das Pittoreske, was in den Zonen der Armut wie Unkraut wuchert, sucht. Was Sartre an Olga 1936 schreibt, ist genau das, was ein Rucksacktourist heute erzählen könnte, wenn er durch Kairo oder Delhi irren würde und dies in Worte fassen wollte. Es ist die Grenze zwischen der scheinbar saturierten, bürgerlichen Welt und dem Anderem, dem Existieren, der auf das blosse Überleben reduzierten Existenz, die sich mehr denn je in überbelegten Metropolen ausserhalb Europas ausbreitet und ohne jede Tröstung durch Komfort und Privatsphäre auskommen muss.

*Jean Paul Sartre, Briefe an Simone de Beauvoir 1, Rowohlt 1984

Foto: Neapel 2013