Katzen und Erkenntnis

Denken / Geschichte

Gibt es para­nor­mal begab­te Kat­zen?

Die Nach­ba­rin hat­te eine Kat­ze, die an ihrem Sohn hing. Die­ser fuhr zur See. Und weil die Gewäs­ser um Eng­land, wo das alles spiel­te, böse und schiffs­hung­rig sein kön­nen, ver­riet der Sohn nie, wann das Ein­lau­fen geplant war, damit sei­ne Mut­ter sich kei­ne Sor­gen machen muss­te, wenn sie doch län­ger auf See blei­ben wür­den. Die Kat­ze aber, so hat­te die Mut­ter Rupert Sheld­ra­ke erzählt, setz­te sich immer ans Fens­ter wenn der Sohn erschei­nen wür­de, recht­zei­tig genug, damit das Bett gelüf­tet und Essen bereit gestell­lt wer­den konn­te.

Rupert Sheld­ra­ke erzählt von die­ser anhäng­li­chen, para­nor­mal begab­ten Kat­ze, als er in einem sei­ner Bücher sich der Fra­ge wid­met, wie man­che Haus­tie­re wis­sen, wann und wo ihre Bezugs­per­so­nen sich auf­hal­ten — der geler­ne­te Bio­lo­ge Sheld­ra­ke sieht soge­nann­te mor­phi­sche Reso­nan­zen am Wer­ke, anhand derer Tie­re und Men­schen sich ver­hal­ten. War­um, fragt er ein­mal, ver­brei­ten sich bestimm­te kul­tu­rel­le Fähig­kei­ten, näm­lich im Was­ser Getrei­de von der Spreu zu tren­nen, unter Affen auch dann, wenn die­se Affen­po­pu­la­tio­nen räum­lich getrennt von­ein­an­der leben. Es müs­se, so pos­tu­liert er, eine unbe­wuss­te Ver­bin­dung zwi­schen den Affen­po­pu­la­tio­nen geben, anhand derer das ein­mal Gelern­te auf die ande­ren Affen über­gin­ge — und dies, so die Ver­mu­tung, müss­ten Reso­nan­zen sein, die, ohne dass sie bis­lang erforscht sei­en, sich der bis­he­ri­gen natur­wis­sen­schaft­li­chen, mate­ria­lis­ti­schen For­schung ent­zö­gen (Karl Jas­pers hat das in der soge­nann­ten ‘Ach­sen­zeit’ auch für die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung ver­schie­de­ner his­to­ri­schen Hoch­kul­tu­ren pos­tu­liert, ohne aller­dings Schlüs­se wie Sheld­ra­ke zu zie­hen). Könn­te man die Syn­chro­ni­zi­tät kul­tu­rel­ler Ent­wick­lun­gen noch dahin­ge­hend erklä­ren, dass glei­che Umstän­de höchst­wahr­schein­lich glei­che Lösun­gen her­vor­brin­gen müs­sen, so ver­sagt die­ser Ansatz bei der treu­en, para­nor­mal begab­ten Kat­ze voll­stän­dig. Woher weiss sie denn, wann das Schiff ein­läuft, sie ist ja nicht im Hafen? Hier scheint sich das glit­schi­ge Feld erkennt­nis­theo­re­ti­schen Neu­lan­d­es auf­zu­tun, wäre man gewillt, in die­se Rich­tung zu den­ken. Natur­wis­sen­schaft­lich ist nach den bis­he­ri­gen Ansät­zen kaum vor­stell­bar, dass geis­ti­ge Infor­ma­tio­nen — um die han­delt es sich ja — irgend­wo gespei­chert und gleich­zei­tig gele­sen wer­den kön­nen, ohne dass ein geeig­ne­tes Medi­um gefun­den wer­den könn­te.

Die Anti­ke hat­te das genau anders­rum gedacht: laut Pla­to waren zuerst die Ideen, die, dem was Sheld­ra­ke als mor­pho­gen­ti­sche Fel­der beschreibt, ähneln könn­ten, vor­han­den, und erst wenn man sie erken­ne, wür­de man die Welt wirk­lich begrei­fen. Die mit­tel­al­ter­li­che Früh­scho­las­tik über­nahm die­sen Denk­an­satz. Die Idee (Uni­ver­sa­lie) als ein eigen­stän­dig vor­han­dens Wesen, so sag­te man, gin­ge dem mate­ri­el­len Sub­strat vor­aus, ohne die­ses sei letz­te­res nicht denk­bar. In der Hoch­go­tik wur­de durch Tho­mas von Aquin die­ses Pos­tu­lat umge­dacht, aus der Geschich­te, mit den Din­gen erwach­sen die For­men (essen­tiae), Uni­ver­sa­li­en genannt, die wie­der­um die Din­ge und das Tun der Men­schen prä­gen. Sia­me­si­sche Zwil­lin­ge sind geis­ti­ge Form und Sub­strat, so wie in den hoch­go­ti­schen Kathe­dra­len Funk­ti­on und Ästhe­tik eine voll­stän­di­ge Ein­heit bil­den — wie bei Sheld­ra­ke ent­ste­hen unbe­kann­te Fel­der, die intel­li­gi­bel sind und das Tun der Men­schen und das Natur prä­gen. Im Spät­mit­tel­al­ter als Fol­ge der ideo­lo­gi­schen Debat­te, ob die Fran­zis­ka­ner — und damit eigent­lich die Kir­che — Geld besit­zen dürf­ten, wech­sel­te Wil­helm von Ock­ham nach sei­ner Exkom­mu­ni­ka­ti­on das Schlacht­feld und ver­warf die Uni­ver­sa­li­en als Gan­zes. Erkennt­nis, so sag­te er, müs­se das ein­fachst Mög­li­che vor­aus­set­zen, Uni­ver­sa­li­en sei­en Pro­duk­te mensch­li­cher Über­le­gun­gen — geis­ti­ge und welt­li­che Herr­schaft, die sich als Ver­kör­pe­rung einer Uni­ver­sa­lie sahen, zögen laut Ock­ham ihre Legi­ti­ma­ti­on aus dem Nut­zen für alle, den ihre Ämter beinhal­ten mögen. Wil­helm von Ock­ham starb 1347 in Mün­chen, ein Jahr vor der gros­sen Pest, sein eben­falls exkom­mu­ni­zier­ter Schutz­herr, Kai­ser Lud­wig IV. von Bay­ern, ein hal­bes Jahr spä­ter. Ein his­to­ri­sches Mine­nen­feld. Die mor­pho­ge­ne­ti­schen Fel­der, wenn es sie denn gibt, lagern sub­cu­tan in der euro­päi­schen Geschich­te in den Fächern ver­bo­te­ne & auto­ri­tär holis­ti­sche Dis­kur­se. Die uner­wünsch­te poli­ti­sche Klas­se, die der Kle­ri­ker, wur­de im Rah­men der abso­lu­ten Sou­ve­rä­ni­täts­an­sprü­che der ade­li­gen Staats­füh­rer (die Bür­ger waren auch mit Kant eman­zi­pa­to­risch noch nicht dran) ideo­lo­gisch abge­straft und zu Nütz­lich­keits­er­wä­gun­gen ver­don­nert. Ab und zu ver­ir­ren sich wie­der Den­ker und Roman­ti­ker in die alten geis­ti­gen Räu­me und gön­nen sich ein paar berau­schen­de erkennt­nis­theo­re­ti­sche Exkur­se, so als wür­den sie ein wenig zuviel space cakes naschen. Sonst hat Nüch­tern­heit zu herr­schen, Sheld­ra­ke gilt als Phan­tast und Spin­ner, im öffent­li­chen Bewer­tungs­jar­gon als Pseu­do­wis­sen­schaft­ler dis­kre­di­tiert ist er intel­lek­tu­ell nicht satis­fak­ti­ons­fä­hig. Und hier setzt das cui bono an — will man in vul­gär­ge­sell­schaft­li­che Dis­kus­sio­nen ver­fal­len — wem nützt es heu­te, dass die arme (inzwi­schen wahr­schein­lich längst tote) para­nor­mal begab­te Kat­ze nicht wis­sen darf, wann das Schiff ihres gelieb­ten Freun­des ein­läuft?